Was sind die Knigge-Regeln in Europa noch wert?
Eine ukrainische Plattform hat die Meinungen in europäischen Ländern zu den alltäglichen Umgangsformen unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse sind durchaus überraschend.
Die sogenannten »Knigge-Regeln« sind ein Bestandteil unseren täglichen Lebens und vor allem des Zusammenlebens. Der historische Hintergrund: Diese Regeln entstammen einer Sammlung von Verhaltensrichtlinien, die ursprünglich im 18. Jahrhundert von Adolph Freiherr Knigge in seinem Werk »Über den Umgang mit Menschen« festgehalten wurden. Diese Regeln dienen dazu, soziale Interaktionen und den Umgang miteinander in verschiedenen Situationen zu erleichtern. In der modernen Gesellschaft haben sich diese Regeln weit über Knigges ursprüngliche Anweisungen für höfliches Verhalten hinaus entwickelt und decken nun unter anderem Bereiche wie Business-Etikette, Kommunikation und das Verhalten auf Online-Plattformen ab. Während einige Menschen die Knigge-Regeln als veraltet oder zu formell ansehen, werden sie von vielen immer noch als nützliche Orientierungshilfe geschätzt.
Entscheidend ist aber: Knigge-Regeln können kulturspezifisch sein und sich außerdem im Laufe der Zeit ändern. Preply, eine ukrainische E-Learning-Plattform, hat daher in einer Umfrage unter rund 1.600 Personen aus 27 verschiedenen Ländern analysiert, wie die Meinungen in Europa zu den alltäglichen Umgangsformen aussehen.
Das sind die Kernaussagen der Studie von Preply:
- In den meisten Ländern (24 von 27) antworteten die Befragen, dass sie immer ihre Schuhe ausziehen würden, wenn sie das Zuhause einer anderen Person besuchen. Jüngere dürften dabei grundsätzlich höflicher sein: Die häufigste Antwort von Personen im Alter von 18 bis 34 Jahren war, dass sie ihre Schuhe immer ausziehen würden. Hingegen gaben Personen im Alter von 35 bis 54 Jahren an, ihre Schuhe nur auf Wunsch der Gastfamilie auszuziehen.
- Ebenfalls eine Mehrheit (23 von 27 Ländern) gab es auf die Frage, ob bei der Begrüßung nur dann zwei Küsse auf die Wange gegeben werden, wenn das Gegenüber das initiiert hat.
- In mehr als der Hälfte der untersuchten europäischen Länder ist es üblich, ein Geschenk mitzubringen, wenn man bei einem Freund oder einer Freundin eingeladen ist.
- Ein Drittel der Länder zieht es vor, das Überreichen von Geschenken besonderen Anlässen vorzubehalten. Finnland war das einzige Land, in dem die Mehrheit angab, niemals ein Geschenk mitzubringen, wenn man einen Freund oder eine Freundin besucht.
- Alle Länder waren sich einig, dass sie ihr Essen als Zeichen des Respekts immer aufessen würden.
- In der Mehrheit der Länder (23 von 27) wurde angegeben, dass es am besten sei, zur geplanten Zeit zu erscheinen, wenn man eine Veranstaltung besucht oder einen Freund oder eine Freundin trifft. Zuspätkommen wurde in allen Ländern als unhöflicher Akt angesehen. Interessantes Zusatzwissen dazu: Quer über alle Länder gaben 35 Prozent der Männer an, dass sie gerne zu früh bei einer Verabredung ankommen, im Vergleich dazu gaben das nur 27 Prozent der Frauen an – diese bevorzugen exakte Pünktlichkeit.
Details zu den einzelnen Knigge-Themen
Weitere Details zu der Schuh-Frage: Während es in Deutschland unüblich ist, die Schuhe auszuziehen, gaben in Schweden 100 Prozent der Befragten an, dass sie immer ihre Schuhe ausziehen würden. Ähnlich die Lage in Polen, während in Spanien, Italien und Portugal die Mehrheit der Befragten es vorzieht, die Schuhe anzulassen.
Stichwort Geschenke: Die Umfrage zeigt, dass es in 17 der 27 Länder üblich ist, ein Geschenk mitzubringen. In neun dieser Länder, darunter Österreich, dem Vereinigten Königreich und Spanien, gab die Mehrheit aber an, dass sie Geschenke vorzugsweise besonderen Anlässen vorbehalten.
Und wie sieht das mit dem Aufessen aus? In allen Länder gaben die meisten Befragten an, dass sie als Zeichen des Respekts immer aufessen würden. Die Daten zeigen zudem, dass Männer eher dazu neigen, ihre Mahlzeiten vollständig aufzuessen: 82 Prozent der Befragten gaben an, immer aufzuessen, etwas mehr als Frauen, bei denen das für 75 Prozent gilt.
Den Normen anpassen
»Wenn man Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern besucht oder mit ihnen interagiert, ist es immer hilfreich, aufgeschlossen und respektvoll zu sein und sich an ihre spezifischen kulturellen Normen und Praktiken anzupassen«, erklärt dazu Sylvia Johnson, Expertin für Sprachenlernen bei Preply. Die Redewendung »Wenn du in Rom bist, tu’, was die Römer tun« fasse gut zusammen, wie wichtig es sei, sich an die Gepflogenheiten der Menschen an einem bestimmten Ort oder in einer bestimmten Situation anzupassen und ihnen zu folgen.