Das grüne Bunkerwunder von Hamburg
Die Nazis wollten den Wehrmachts-Bunker nach dem Krieg in ein mondänes Marmorpalais verwandeln. Jetzt verzaubert er, aufgestockt, bepflanzt und mit Hotel und Restaurant bestückt, ganz Hamburg und seine Besucher.
Derzeit scheint ein wuchtiger Wehrmachtsbunker aus dem Zweiten Weltkrieg der eleganten Elbphilharmonie in Hamburg die Schau zu stehlen:
Um fünf Etagen erhöht und mit über 23.000 Bäumen und Sträuchern bepflanzt, greift das graue Mahnmal von Größenwahn und Zerstörung nach den Wolken und verwandelt sich in ein fast surreales Stück Stadtnatur.
Hoch hinaus auf dem »Bergpfad«
Hamburger und Besucher sind begeistert und steigen den »Bergpfad« – eine 550 Meter lange Panoramatreppe – auf einen Dachgarten in luftiger Höhe, der zwischen Apfelbäumen und Bergkiefern immer wieder überraschend neue Sichtachsen auf ganz Hamburg freilegt. Seine Inspiration erhielt er von der High Line in New York, wo ein altes Hochbahnviadukt in einen grünen Wanderweg umgestaltet wurde.
Die Etagen darunter sind auch nicht ohne Überraschungen: Auf den vier achteckigen Türmen, die den Bunker begrenzen, sind heute die Rezeption des »Reverb by Hard Rock Hotel« sowie ein Hard Rock Shop, die »Karo & Paul Bar« und der »Constant Grind Coffee Shop« untergebracht – genau dort, wo während des Zweiten Weltkriegs schwere Flakgeschütze alliierte Flugzeugbomber vom Himmel holten.
Im Bunker nächtigen
Das Hotel mit 134 Räumen orientiert sich stilistisch an der Umgebung der Feldstraße. Dort wo am Heiligengeistfeld einer der größten jemals gebauten Hochbunker 1942/1943 in nur 300 Tagen von 2600 KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern für alle Ewigkeit errichtet wurde. Hier grenzen die Stadtteile St. Pauli mit dem berühmten Millerntorstadium des FC St. Pauli und der Reeperbahn sowie das Schanzen- und das Karoviertel an.
Der ehemalige Hamburger Schlachthof, um den in den letzten Jahrzehnten eine bunte und kreative Alternativszene entstand, liegt quasi vor der Haustür: Ein beliebtes Ausgehviertel, das auch die Hotelgäste anlocken wird. Die begnügen sich mit relativ kleinen, dunklen Zimmern, viele aber immerhin mit einen Französischen Balkon ausgestattet, von dem aus der Hamburger Hafen, Michel und die Elbphilharmonie zu sehen sind. Alternativ kann man auch eine der zwölf Suiten wählen.
»Hamburgs Wohnzimmer«
Frühstück, Lunch und Abendessen tischt »La Sala« auf. Das Restaurant liegt in der 5. Etage des aufgestockten Teils des Bunkers, in dessen Inneren einmal bis zu 30.000 Menschen Schutz vor den Bomben suchten. Das Sharing-Konzept bringt im »Wohnzimmer« Schüsseln und Schalen auf den Tisch, die vor allem mit Gemüse in bunten Variationen gefüllt sind.
Auch wenn die Fisch- und Fleischgerichte als Beilagen auf der Speisekarte deklariert sind, fallen sie nicht minder köstlich und auch von der Portion nicht zu klein aus. Die Küche mixt dabei mediterrane, asiatische und amerikanische Einflüsse zu einer modernen, unkomplizierten Tastegood-Kulinarik zusammen.
Die Vision vom grünen Bunker
Mit dem begrüntem Bunker hat sich übrigens der Traum eines Hamburger Privatmenschen verwirklicht, der mit Beharrlichkeit und Weitsicht an seiner Idee festhielt. Auch wenn er mit dem Investor, der nach eigenen Angaben rund 100 Millionen Euro in das Projekt steckte, mittlerweile verkracht ist und selbst Hausverbot hat: Die Vision der weltweit einzigartigen, wundersamen Verwandlung eines tristen, nicht sprengbaren Kriegs-Mahnmals in eine neue Hamburger Attraktion für alle, schafft es sogar, die Elbphilharmonie ein bisschen in den Schatten zu stellen.
Tourismusattraktion
Seit der Eröffnung Anfang Juli sind der »Bergpfad« rund um den Bunker und der öffentliche Park auf dem Dach ein starker Publikumsmagnet. Ein Drehkreuz am Eingang wacht über die erlaubte Höchstzahl an Besuchern.
Bald wird auch die Sport- und Konzerthalle im Inneren genutzt, auf die die Stadt Hamburg bestanden hatte. Und auch das ehemalige Munitionslager der Flak, das neben dem Eingang zum Hotel mit seinen rauen, dicken Mauern flach aufragt, wird sich in einen Gedenkort verwandelt haben.
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