Edel & Süß: Burgenlands Süßweine
Das Burgenland ist für seine herausragenden Süßweine bekannt. Die höchste Qualität wird im Zusammenspiel mit dem Auftreten der Edelfäule Botrytis cinerea erreicht – nur wenig Weinregionen auf der Welt haben eine nennenswerte Produktion. Neben Sauternes im Bordeaux, Tokaj in Ungarn und den Rieslingzonen in Deutschland gehört das nördliche Burgenland mit dem Seewinkel und Rust zu den Großen in diesem Metier.
Es gab Zeiten, da war Zucker eine unerschwingliche Rarität und darum konnte man sich den edelsüßen Wein mit Gold aufwiegen lassen. Auch wenn die Qualitäten der Süßweine aktuell – technisch betrachtet – so hoch sind wie nie zuvor, so hat die Begeisterung und Nachfrage beim Publikum von heute stark nachgelassen. Weltweit leiden die Produzenten, einmal abgesehen von einigen Ausnahmen, unter sinkender Nachfrage. Selbst Ikonen wie Château d’Yquem, Egon Müller vom Scharzhofberg an der Saar oder István Szepsy aus Mad in Ungarn tun sich schwer, gegen den önologischen Zeitgeist anzukämpfen. Ja, die Zeiten haben sich gewandelt, Weine mit größeren Mengen an Restzucker sind heute nicht mehr so en vogue wie vor gar nicht so langer Zeit.
Noch in den goldenen Siebzigerjahren konnte sich ein Süßweinwinzer, sagen wir aus Illmitz, vom Erlös eines einzigen guten Trockenbeerenauslese-Jahrgangs wie 1971 oder 1976 ein Häuschen bezahlen. Es waren goldene Zeiten für süße Weine aus dem Burgenland, die Nachfrage aus Deutschland war enorm, auf Weinmessen wie jener in Laibach wurden die TBAs mit World-Champion-Titeln überhäuft. Bald aber überstieg der Durst nach süßem Wein die natürlichen Möglichkeiten, denn die Mutter Natur zeigt sich geizig mit Botrytis. Das unerfreuliche Ergebnis: der Weinskandal von 1985. Danach war der burgenländische Süßwein auf einem Tiefpunkt angelangt, nur weil einige wenige schwarze Schafe der Versuchung nicht widerstehen konnten.
Es brauchte integere Männer vom Schlag eines Alois Kracher, der mit Charisma und Können den burgenländischen Süßwein wieder an die Weltspitze brachte. Schon Alois Kracher senior hatte sich 1981 zum World Champion des Süßweins gekrönt. »Louis« Kracher (1959–2007) fungierte als Speerspitze des gesamten heimischen Weinbaus, mit seinen internationalen Erfolgen und Kontakten gelang es ihm ab den frühen Neunzigerjahren, den österreichischen Wein insgesamt wieder ins rechte Rampenlicht zu rücken. Eine Gruppe junger Kollegen aus dem Seewinkel – von Hans Tschida (Angerhof), Martin Haider und Helmut Lang bis zu Gerhard Nekowitsch – wurde von Kracher erfolgreich protegiert, auch Einzelgänger wie Willi Opitz sorgten durch markante Marketingideen für Furore rund um den Süßwein.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Neusiedler Sees gründeten ambitionierte Winzer wie Hans Feiler, Peter Schandl, Heidi Schröck, Ernst Triebaumer und Robert Wenzel im Jahr 1991 den »Cercle Ruster Ausbruch«, um diesen legendären Süßweintypus und seinem Ruf als älteste Weinbezeichnung auf dem Boden des heutigen Österreich aufrechtzuerhalten. Zurückreichend auf den Jahrgang 2017 wurde dem Ruster Ausbruch im Jahr 2021 der DAC-Status zugesprochen; 25 Ruster Betriebe erzeugen diese Spezialität.
Keine andere Weinbauregion bietet eine derartige Vielfalt an Süßweinen in höchster Qualität wie das Burgenland.
Die erste TBA
Drehen wir am Rad der Zeit: Das heutige Burgenland lag im Königreich Ungarn, bis es nach dem Ende der Monarchie 1921 auf Wunsch der Bevölkerung mehrheitlich zu Österreich kam. Das könnte die erste Trockenbeerenauslese gewesen sein, vor nicht ganz 500 Jahren: 1526 sammelten die Weinbauern des Freiherrn von Leisser in Donnerskirchen am Leithaberg eine große Menge von rosinierten, geschrumpften Beeren, aus denen ein ungewöhnlich süßer, exzellenter Wein gewonnen wurde, der bald legendär war. 1653 erwarb Fürst Paul Esterházy den Leisserhof und mit diesem die kostbare Kreszenz und ließ sie in kleine Fässer umfüllen. Immer wenn zu festlichen Anlässen Wein entnommen wurde, füllte man mit ausgekochten Kieselsteinen auf, um das Fass voll zu halten. Der letzte Tropfen wurde im Jahre 1852 auf Burg Forchtenstein verkostet. Somit erfreute dieser legendäre Prädikatswein namens »Lutherwein« über 326 Jahre lang Generationen von Genießern.
Volle Konzentration, bitte
Bereits im 16. Jahrhundert wurde in Rust, das 1524 mit dem königlichen Weinhandelsprivileg ausgezeichnet wurde, urkundlich bezeugt Botrytis-Süßwein hergestellt. Der Ruster Ausbruch, stilistisch eng an den Tokajer angelehnt, verhalf den Ruster Winzern und den Ödenburger Handelsfamilien zu großem Reichtum. 1681 konnte sich Rust den Titel einer königlichen Freistadt sichern. Erkauft wurde die damit verbundene Handelsfreiheit für eine ungeheure Summe in »echtem und flüssigem Gold«: mit 60.000 Gulden und der gesamten Jahresernte von 500 Eimern Ruster Ausbruch, immerhin 30.000 Liter des begehrten Weins. Bald nahmen die Kreszenzen aus dem Burgenland den Weg an die Fürstenhöfe Europas – bis zum Zaren nach St. Petersburg.
Eisiges Vergnügen
Älter vielleicht als die Trockenbeerenauslese ist der Strohwein, denn schon die Römer trockneten gesunde Trauben, um diese zu konzentrieren. Im 19. Jahrhundert wurde die Methode auch im Burgenland praktiziert, aber erst um 1980 wiedereingeführt. Werden die Trauben auf Schilfmatten statt auf Stroh gelagert, spricht man von Schilfwein. Einiger Beliebtheit erfreut sich der Eiswein: Hierfür müssen die Trauben in kalten Winternächten in gefrorenem Zustand geerntet und gepresst werden.
Diese Vinifikation wurde in Österreich erstmals 1971 unweit des Neusiedler Sees durchgeführt. Den hohen Stellenwert, den der burgenländische Süßwein international genießt, zeigen die Auszeichnungen, die regelmäßig errungen werden. Hans Tschida aus Illmitz holte 2024 erneut den Titel »Sweet Winemaker of the Year« aus London in den Seewinkel – und das zum beachtlichen zehnten Mal! Seit einigen Jahren wird für den weltbesten Süßwein bei der IWC in London die »Alois Kracher Trophy« vergeben, benannt nach dem Winzer, der selbst fünf Mal die Trophy holte.
Jetzt einmal probieren
Die Experten sind sich einig in diesem Punkt: Keine andere Weinbauregion bietet eine derartige Vielfalt an Süßweinen in höchster Qualität zu einem besseren Preis-Leistungs-Verhältnis als das Burgenland. Die edelsüßen Weine von Spätlese und Auslese über Beerenauslese bis zu Trockenbeerenauslese und Ausbruch voller Feuer, Würze und eleganter Süße, die feinfruchtigen, rassigen Eisweine oder die stoffig-frucht-opulenten Stroh- und Schilfweine verdienen es, in Zukunft wieder stärker gewürdigt zu werden. Warum sollten wir auch diese Renaissance erst künftigen Generationen von Weinliebhabern überlassen?
PS: Die großen Botrytis-Jahrgänge der jüngeren Geschichte sind: 2023, 2022, 2015, 2010, 2005, 1999, 1995, 1993; präzise, glockenklare Eisweine brachten die Jahre 2023, 2012, 2009, 2004 und 1999. Viele Erzeuger haben gereifte Süßweine im Keller – nachfragen lohnt sich.
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