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Eierlikör: Ein Gläschen Nostalgie

Likör
Weihnachten
Winter

Er ist heiß umstritten – und in der festlichen Zeit aus vielen Haushalten dennoch nicht wegzudenken. Mit der Rückbesinnung auf traditionelle Gerichte hat der Eierlikör zuletzt ein Revival gefeiert. Warum er einst Grund für einen bewaffneten Aufstand war und wieso er eigentlich aus Südamerika kommt.

Am Morgen des 25. Dezember brach der Aufstand los. Und der Eierlikör war schuld daran. Nein, keine Beschreibung einer aus dem Ruder gelaufenen Familienfeier! Tatsächlich spielt das Getränk eine entscheidende Rolle in einem Militäraufstand in den USA, der unter dem Namen »Eggnog Riot« in die Geschichte einging.

Der Eierlikör, konkret der Eggnog, war in der US-amerikanischen Armee ein beliebtes Getränk – so beliebt, dass der Kommandant der Militärakademie in West Point seinen Kadetten im Jahr 1826 den Konsum verbot. Die jungen Soldaten ließen sich das nicht gefallen, bestachen einen Wachmann und schummelten den Alkohol in ihre Unterkünfte. Am 24. Dezember wurde ausgelassen gefeiert, bis die Vorgesetzten tadelnd auf den Plan traten. Die Kadetten griffen zu Bajonetten, Musketen, Schwertern, Stöcken und Steinen, es folgten ein Schusswechsel, Verhaftungen – und letztendlich wurden elf Soldaten vor ein Kriegsgericht gestellt und verurteilt.

Über alles lässt sich streiten

Umstritten ist der Eierlikör auch heute noch, allerdings eher ob seiner kulinarischen Qualitäten. Den einen kommt der cremige Likör unter keinen Umständen ins Glas, die anderen lieben ihn. Gerade an hohen Feiertagen wie Weihnachten oder Ostern. (Rund 50 Prozent des jährlichen Absatzes, konstatieren auch die Hersteller, konzentrieren sich auf diese wenigen Tage.)

Zu unterscheiden ist zwischen dem Eggnog und dem Eierlikör. Ersterer ist eigentlich ein Cocktail, der mit Rum, Whisky, Bourbon oder Cognac als Leitspirituose gemixt wird und der neben dem Ei auch Obers oder Milch und Zucker beinhaltet – und den man warm oder kalt genießt. Der Eierlikör hingegen bezieht seinen Alkohol im Normalfall aus einem Getreidebrand und besteht darüber hinaus nur aus Ei und Zucker oder Honig. Erst seit einiger Zeit erlaubt die Europäische Spirituosenverordnung auch die Zugabe von Milchprodukten.

Spur in den Amazonas

Ob der Eggnog in den USA oder in Großbritannien erfunden wurde, darüber lässt sich streiten, genauso wie über seinen Namen. Eine Theorie besagt, dass das Wort eine Verballhornung aus Egg und Grog ist – jenem Namen, den Rum in der Kolonialzeit in den USA trug. Angeblich ist gar ein Hausrezept des einstigen US-Präsidenten George Washington überliefert.

Fixer Bestandteil des Weihnachtsfestes – und mit großem Nostalgiefaktor: in Europa als Eierlikör, in den USA als Eggnog-Cocktail.
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Fixer Bestandteil des Weihnachtsfestes – und mit großem Nostalgiefaktor: in Europa als Eierlikör, in den USA als Eggnog-Cocktail.

Der Eierlikör wiederum wird auch Advocaat genannt. Und damit kommt man auch seinen Ursprüngen, die deutlich älter sind als gedacht, auf die Spur: Eine Theorie besagt, dass der Eierlikör, der einst ein Getränk der Oberschicht war, vor allem bei niederländischen Anwälten, also Advokaten, beliebt war.  Andere wiederum glauben zu wissen, dass der Name A(d)vocaat auf seine lateinamerikanische Herkunft verweist: Die Niederländer seien im Amazonasgebiet einst auf Ureinwohner getroffen, die einen cremigen Likör aus dem Fruchtfleisch cremiger Avocados zubereiteten und »Abacate« nannten. Die Kolonialisten brachten es mit nach Europa – und experimentierten in Ermangelung von Avocados mit Eidotter. Die ersten Produzenten gab es in den Niederlanden im Jahr 1616.

Verstaubtes Image

Auch im deutschsprachigen Raum ist das Getränk bis heute beliebt (vor allem – das ist kein Vorurteil – bei Frauen, die 80 Prozent der Käufer ausmachen). Zu den traditionsreichsten Herstellern zählt Verpoorten. Das deutsche Unternehmen, dessen Werbeslogan (»Ei, Ei, Ei, Verpoorten«) einst Kult war, begeht bald sein 150-Jahr-Jubiläum und ist Marktführer. Neben dem deutschen Mega-Unternehmen versuchen sich viele kleine, regionale Hersteller am Eierlikör.

Eine Herausforderung eint sie alle: Sie müssen sich dem verstaubten Image des Eierlikörs als »Oma-Getränk« stellen. Manchmal wird die Not aber zur Tugend: Sein Image habe der Eierlikör »nicht ganz zu Unrecht«, sagt etwa Florian Mückstein, dessen Familienunternehmen Gautier Mückstein in Wien seit drei Generationen Eierlikör produziert. Und von diesem Image habe man gerade während der Pandemie profitiert. Der gegenwärtige Trend zurück zur Hausmannskost spiele den Produzenten in die Hände. »Jüngere Menschen haben zu backen begonnen und alte Rezepte ausgegraben.« Da gehört der Eierlikör-Guglhupf natürlich mit zum Repertoire. So habe der Eierlikör »so etwas wie ein Revival erlebt«, sagt Mückstein.

Auch Granden wie Verpoorten versuchen über das Thema Backen und Desserts die jüngere Kundschaft zu erreichen. Nicht umsonst hat man auf der eigenen Website eine Rezeptdatenbank mit Hunderten Einträgen aufgebaut. Altbacken will man nicht sein, im Gegenteil. So findet sich hier etwa ein »Souffliertes Verpoorten-Schokoladen-Törtchen«, kreiert von der preisgekrönten Patissière Alexandra Lang.

Der Eierlikör, Fine-Dining-tauglich? Nicht ganz, aber fast. Auch an renommierten Adressen in der Gastronomie findet er sich immer wieder. Etwa im »Lindenhofkeller« in Zürich, wo ihn Küchenchef Sebastian Rösch, ein gebürtiger Franke, zum fixen und mittlerweile kultigen Bestandteil seiner Karte gemacht hat. Im Sommer, sagt er, serviere er ihn gerne als »Kalte Henne«, im Winter klassisch als Absacker. Ganz ohne die Oma kommt auch Rösch nicht aus – das Rezept, das er gerne weitergibt, stammt von ihr.

Selbst gemacht ist der Eierlikör zu Hause rasch – und die Herstellung hat etwas durchaus Faszinierendes an sich. Ganz klassisch werden die Dotter über einem Wasserbad mit den anderen Zutaten aufgeschlagen. Da sie bereits den natürlichen Emulgator Lecithin enthalten, entsteht die Emulsion beim Aufschlagen von selbst. Getrunken werden sollte der dann rasch.

Bei industriell hergestelltem Eierlikör sind Sorgen um die Haltbarkeit übrigens unbegründet, sagt Mückstein. Die pasteurisierten Dotter werden im sterilen Edelstahltank geliefert, der zugesetzte Alkohol tötet schließlich alle Bakterien im Likör. An sich ist er somit unbegrenzt haltbar. Dass er – wie auch andere Liköre – mit der Zeit an der Oberfläche eindickt oder sich einzelne Bestandteile absetzen, tut der Qualität keinen Abbruch. »Einfach kräftig aufschütteln«, rät Mückstein. Weihnachten kann kommen.


Christoph Schwarz
Christoph Schwarz
Chefredakteur a.D.
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