Nicht nur zu Ostern: Die Sieger der Eierlikör Trophy
Wer sich nur einmal im Jahr einen Eierlikör genehmigt, hat verpasst, wie das jahrhundertealte Getränk sich neu erfunden hat. Basilikum, Wacholder oder Erdbeere vertragen sich bestens mit Dotter und Vanille, wie der große Falstaff-Test zeigte.
Die Frage »Frucade oder Eierlikör?« aus der legendären »Phettbergs Nette Leit Show« kommt Österreichern in den Sinn, sobald es um das Getränk aus Dottern, Zucker, Vanille und Alkohol geht. In der Küchenpraxis lautet die viel wesentlichere Frage aber »Ostern oder Weihnachten?«. Es sind die wichtigsten Zeiten, zu denen man das traditionelle Mixgetränk in den Gläsern der Genießer findet. Was einigermaßen erstaunt. Denn während sich der Eierlikörkuchen als einer der Lieblinge von Gelegenheitsbäckern und Patisserie-Einsteigern entpuppt hat, ist der Aromageber dahinter mit einem »verstaubten« Image versehen. Als Pralinenfüllung mag man ihn ebenfalls gerne. Nur im Glas findet man ihn selten, in der Gastronomie schon gar nicht!
Gin, Rum oder Himbeerbrand?
Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn junge Brenner haben den Cremelikör als Spielwiese entdeckt. Was an der Möglichkeit liegt, beim Alkohol ebenso wie bei den weiteren Aromagebern (neben Vanille) zu variieren. So findet sich Gin ebenso als Basis (z. B. bei »Manna's Spirits Manufaktur«) wie Rum (bei Lisa Bauer), Vogelbeer-Destillat (»Hochkönig Edelbrennerei Grünegg«) oder Kirschbrand aus dem Schwarzwald (»mühle4«). Überraschend gut trägt der süße und cremige Likör – rechtlich sind mindestens 150 Gramm Zucker pro Liter verpflichtend – würzige Aromen. Während Tonkabohne beim Sylter »Hühnerbaron« noch Dessert-Charakter hat, sorgte etwa Basilikum (»Destillerie Brenngeist«) für ein ganz neues Geschmacksbild.
Was gar nicht so überrascht, denn eigentlich gilt Eierlikör als Nachbildung eines brasilianischen Getränks, das die dort nur 30 Jahre herrschenden niederländischen Kolonialherren daheim mit Eidotter »nachbauten«: Die Cremigkeit des Originals aus Pernambuco lieferten Avocados. In Europa des 17. Jahrhunderts griff man dann zu den wenig exotischeren Hühnereiern. Doch von der Historie zurück zum aktuellen Stand des Eierlikörs! Denn so kalorienreich die Falstaff-Verkostung von 30 (!) Likören für die Spirituosen-Spezialisten Erhard Ruthner und Roland Graf war, so spannend war die Bandbreite. Fazit: Sie gleichen sich keineswegs »wie ein Ei dem anderen«.
Kosten straft das Image Lügen: Längst erweitern moderne Rezepte das Kern-Trio Eidotter, Vanille und Zucker.
Wurzeln in Brasilien
Der Eierlikör wird auch »Advocaat« genannt – und genau dieser Name führt zu einem möglichen Ursprung. Einer Theorie zufolge trafen nämlich niederländische Kolonialherren im 17. Jahrhundert in Pernambuco auf ein Getränk der brasilianischen Ureinwohner: »Abacate« wurde aus Avocado-Fruchtfleisch schaumig gemixt. Die 1654 vertriebenen Kolonialisten brachten diese Idee mit nach Europa, wo Avocados kaum verfügbar waren. Also ersetzte man die exotische Frucht durch Eidotter – und entwickelte jene dichte, gelbe Rezeptur, die wir heute als Eierlikör kennen. Erste Produzenten soll es in den Niederlanden aber bereits ab 1616 gegeben haben. Das passt zur zweiten Theorie, die den Namen »Advocaat« auf Juristen zurückführt. Vor Plädoyers soll das Getränk zum Ölen der Stimme (oder Bekämpfen von Nervosität?) nämlich besonders beliebt gewesen sein – lange bevor der Eierlikör ein fester Bestandteil festlicher Traditionen wurde.
Die Sieger der Eierlikör Trophy
An der Spitze der Eierlikör-Trophy steht diesmal ein Trio: die Bio-Variante von »Sawade« aus Berlin, der Eierlikör der Kornbrennerei »H. Heydt« sowie die Version aus der Konditorei »Zauner« in Bad Ischl teilen sich mit 96 Punkten den ersten Platz. Dahinter folgen der Himbeer-Eierlikör der »Birkenhof-Brennerei«, der klassische Eierlikör von »Schätzle« und die Waldhimbeer-Variante der »Hochkönig Edelbrennerei Grünegg«. Gemeinsam zeigen sie, wie vielfältig der cremige Klassiker heute interpretiert werden kann.