Ein echter Amerikaner und Skorpione im Kinderbett: die Geschichte des »Mint Julep«
Viele Drink-Klassiker können sich auf eine lange Historie berufen und erzählen oftmals wilde Geschichten über ihre Entstehung. Etwas elitärer geht es jedoch beim wahrscheinlich ersten Cocktail Amerikas zu: dem »Mint Julep«. Ein Blick auf heiße Plantagen, rasante Pferderennen und blitzende Silberbecher.
Wer schon einmal das Vergnügen hatte, dem legendären Kentucky Derby beizuwohnen, wird unweigerlich in Kontakt mit dem wahrscheinlich ältesten Cocktail der USA gekommen sein. Seit fast einem Jahrhundert ist der »Mint Julep« das traditionelle Getränk des zweitägigen Kentucky Oaks- und Kentucky Derby-Wochenendes auf der Rennbahn Churchill Downs, wo in dieser Zeit über 125.000 Mint Juleps serviert werden. Über 10.000 Flaschen Kentucky Bourbon, 1.000 Kilogramm frisch geerntete Minze und 205.000 kg Eis werden in diesen Tagen zu Drinks verarbeitet. Diese lange Tradition hat den Drink heute zu einer Art Legende gemacht, die in Barkreisen äußerst beliebt ist, von vielen Genießern jenseits des Tresens – oder des Derbys - aber noch immer zu wenig beachtet wird. Das jedoch ist mehr als bedauerlich, denn der Mix aus Bourbon, Zuckersirup, Minzblättern und Crushed Ice ist nicht nur ein perfekter Sommerdrink, sondern auch der wahrscheinlich erste echte Cocktail der USA.
Die Geschichte des »Mint Julep« beginnt nämlich nicht erst mit dem Pferderennen in Churchill Downs, sondern bereits Ende des 18. Jahrhunderts. Schon damals wurde der »Julep« in den amerikanischen Südstaaten getrunken – zunächst jedoch als medizinisches Tonikum. Das Wort »Julep« stammt ursprünglich aus dem Persischen (»Gulāb«), was so viel wie »Rosenwasser« bedeutet und tatsächlich ist »Julep« ein Begriff aus der Apothekerwelt, der früher eine zuckrige Kräuterflüssigkeit bezeichnete, mit der bittere Arzneien angenehmer gemacht wurden. Wie alt der Drink wirklich sein könnte wir bei einem kleinen Blick in die Fachliteratur klar. Im 1949 erschienenen »Großen Lehrbuch der Bar« von Harry Schraemli schreibt der Autor, er sei bereits in einem Kochbuch aus dem Jahre 1540 auf eine Erwähnung des »Juleps« gestoßen. Welches Buch das war und wie der Drink genau ausgesehen hat, wird jedoch nicht ganz klar, wahrscheinlich enthielt der Drink anfangs aber keinen Alkohol und war mehr Limonade als Cocktail.
Von Aristokraten, Literaten und Eispflügen
Dennoch lässt sich die Spur des »Mint Juleps«, wie wir ihn heute kennen, sehr gut durch die Literatur der Jahrhunderte verfolgen. So fand etwa Cocktail-Historiker David Wondrich schriftliche Quellen aus der Zeit um 1770, die den »Julep« als amerikanischen »recreational drink« beschreiben. Auch verortet Wondrich seinen Entstehungsort in Virginia, denn ein gewisser John Davies erwähnt in seinem 1803 erschienenen Buch »Travel of Four Years and a Half in the United States« den »Julep« und beschreibt ihn als »ein mit Minze getränkter Schnaps, der von den Virginiern am Morgen eingenommen wird«. Entscheidend für den weiteren Erfolg des Drinks war zudem, dass Eis mehr und mehr verfügbar wurde. 1806 begann Frederic Tudor damit, Eis im großen Stil zu vermarkten und 1820 erfand Nathaniel Wyeth einen Eispflug, mit dem man massive Eisblöcke aus zugefrorenen Seen schneiden und in dieser Form verschiffen konnte. Ein Bartender aus dem »City Hotel« in New York, ein gewisser Orsamus Willard, soll schließlich derjenige gewesen sein, der die Zugabe von Eis im »Julep« populär machte. So wundert es wenig, dass der Drink einige Jahre später bei bekannten Autoren auftaucht. 1832 erwähnt ihn beispielsweise William Faulkner und auch in Captain Frederick Marryats Reiseberichten über die USA (»Diary in America«, erschienen 1839) wird der Drink als morgendlicher Muntermacher für Gentlemen beschrieben. Der »Julep« war also schon im 19. Jahrhundert ein Statussymbol – der Drink der Südstaatenaristokratie, wo er zunächst als Morgentrunk unter Farmern populär wurde. Die Kombination aus Minze, Zucker, Wasser und Spirituose sorgte für ein belebendes Gefühl, das besonders bei heißem Wetter geschätzt wurde. Auch Charles Dickens kennt den Drink und schreibt in seinem 1843 erschienen Roman »The Life and Adventures of Martin Chuzzlewit«: »Er kann mehr rauchen und mehr Rum Toddys, Mint Juleps, Gin Slings und Cocktails trinken, als jeder andere Gentleman.« Klar ist aber auch, dass im Laufe der Zeit die verwendete Spirituose durchaus variabel war. Anfangs verwendete man laut David Wondrich wohl hauptsächlich Rum als Basis, was sich erst während des Unabhängigkeitskrieges änderte, als man vermehrt zu Whiskey griff. Doch auch Cognac und Brandy war dank des nach der Unabhängigkeit wachsenden Wohlstands lange sehr beliebt. Erst nach dem Bürgerkrieg 1861 bis 1865 entwickelte sich der Bourbon zur Spirituose der Wahl und ist es bis heute.
Von Skorpionen im Bett und der Sache mit der Minze
Wie aber bereitet man ihn zu, diesen ebenso eiskalten wie frischen und elitären Sommer-Klassiker? Immerhin kann man beispielsweise trefflich darüber streiten, wie mit der obligatorischen Minze zu verfahren ist. Bleibt sie im Drink, oder muss sie vor dem Servieren entfernt werden? Im 1936 erschienen Buch »Irvin S. Cobb’s Own Recipe Book« zieht der Autor hierzu einen bildgewaltigen Vergleich heran und schreibt sinngemäß: »Mein Großvater sagte immer, dass ein Mann, der die zerquetschten Blätter und Stängel im fertigen Drink lässt, einem Baby auch Skorpione ins Bett legen würde.« Diese Aussage entbehrt tatsächlich nicht einer gewissen Logik, denn belässt man die Minzblätter zerdrückt im Glas, so können diese mit der Zeit ungewollte Bitterstoffe freisetzen - vor allem dann, wenn man sich mit dem Genuss ein wenig Zeit lässt, was bei einem »Mint Julep« durchaus Teil der Philosophie ist, denn der Drink lebt davon, mit der Zeit durch das Schmelzen des Eises langsam zu verwässern.
Der traditionelle »Mint Julep«:
Zubereitung:
Die Minzblätter im Silberbecher andrücken, alle Zutaten hinzugeben und ca. 5 Minuten ziehen lassen. Dabei gelegentlich rühren. Dann die Minzblätter entfernen, den Becher mit Crushed Ice füllen und so, lange rühren, bis er außen beschlägt. Crushed Ice nachfüllen und mit einem Minzblatt garnieren. Mit Trinkhalm servieren.