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Influencer gegen Gasthaussterben: Verliert Deutschland seine kulinarische Seele?

Gasthaus
Tradition

Deutsche Wirtshauskultur am Abgrund? Jonathan Stodtmeister lässt sie auf den sozialen Medien aufleben, filmt traditionsreiche Lokale, Gaststätten und Imbisse und zeigt, was Menschen verpassen, wenn sie auf Neonschilder statt Nostalgie setzen.

Jonathan Stodtmeister könnte längst die beliebtesten Restaurants der Stunde testen und promoten. Stattdessen filmt er Ketwurst vor einer Berliner Imbissbude, Bosna in einer Augsburger Altstadtstube oder Weißwürste in verschiedenen Münchner Traditionsgaststätten. Seine Reichweite widmet er auf den sozialen Netzwerken somit jenen Lokalen, die keine haben. Es mag nach einer bodenständigen Mission klingen, hinter jener sich letztendlich Stodtmeisters Leidenschaft verbirgt. Warum der 29-Jährige den rauen Ton mancher Servicekräfte erfrischend herrlich findet, mit einem Handkäs beinahe einen kleinen Eklat provozierte – und weshalb er das System hinter Google-Rezensionen als problematisch beschreibt, erzählt er im Gespräch mit Falstaff.

Falstaff: Wie viele der Influencer:innen in der Food-Branche hätten sie genauso gut Neueröffnungen und Trend-Lokale begleiten können. Stattdessen besuchen und filmen Sie alteingesessene Stuben. Warum?

Jonathan Stodtmeister: Ich selbst gehe am liebsten in Wirtshäuser, wo Wände noch Geschichten erzählen. Mein erstes Video drehte ich damals über die ›Bosna Stube‹ in Augsburg. Eine kleine Imbissbude, die über Jahrzehnte den regionalen Wurstklassiker verkauft und eine echte Institution ist. Als ich meinen Besuch postete, erhielt ich plötzlich zahlreiche Anekdoten von Menschen, die beschrieben, wie sie dort schon zu Schulzeiten waren. Ich finde es toll, wenn Leute ehrlich nostalgisch sind. Das war mein Schlüsselmoment.

Niemand macht Fotos von seinem Essen und schaut zur Tür, wenn jemand Neues reinkommt.

Heute sind Sie in München, Stuttgart, Frankfurt, Köln, Berlin unterwegs – Hamburg soll folgen. Würden Sie es Ihre Mission nennen, dem Aussterben der Gasthauskultur entgegenzuwirken?

Ich will mich nicht als Lobbyist für alle hinstellen, die keine Stimme haben. Das wäre zu pathetisch. Mich macht es persönlich glücklich, an die Menschen zu erinnern, die uns seit unserer Kindheit mit unkompliziertem Essen durch den Alltag bringen. Ganz ohne Glanz und Glamour. Wenn ich ihnen mit meiner Reichweite ein Stück unter die Arme greifen kann, nutze ich das gern.

Welche Menschen findet Sie typischerweise an den Tischen neben sich in den Traditionslokalen?

Ganz normale Leute. Handwerker, Büroangestellte, Menschen, die einfach eine Mittagspause machen oder nach Feierabend essen gehen. Niemand macht Fotos von seinem Essen und schaut zur Tür, wenn jemand Neues reinkommt. Ich liebe diese Authentizität, die oft mit einem unerwarteten Gespräch einhergeht. Einmal habe ich in Frankfurt ›Handkäs mit Musik‹ mit Messer und Gabel essen wollen. Eine Frau meinte neben mir mit einem Augenzwinkern: ›Wenn du das so ins Internet stellst, dann jagen die dich! Iss es lieber direkt auf dem Brot.‹ Das sind Leute, die ihre regionalen Gepflogenheiten ernst nehmen und stolz darauf sind.

Was verpassen Menschen, die ausschließlich angesagte Trendlokale besuchen?

Sie verpassen regionale Kultur und das, was eine Region im Kern ausmacht. Wenn Menschen sagen, sie würden seit 40 Jahren in Berlin wohnen, ohne den Fernsehturm besucht zu haben, ist das vielleicht schwach aber auch etwas üblich. Aber wirklich schwach finde ich es, wenn Menschen seit 40 Jahren an einem Ort wohnen und noch nie im Traditionslokal ihrer Straße waren.

 

Die »Puszta Hütte« in Köln öffnete 1948 als typische »Trümmerbude« in der Nachkriegszeit und verkauft bis heute Gulaschgerichte nach überliefertem Rezept.
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Die »Puszta Hütte« in Köln öffnete 1948 als typische »Trümmerbude« in der Nachkriegszeit und verkauft bis heute Gulaschgerichte nach überliefertem Rezept.

Wie würden Sie sich erklären, dass sich viele Menschen trotzdem für Restaurants entscheiden, um die ein Hype herrscht?

Social Media ist ein enormer Hebel. Viele Menschen beziehen ihre Informationen – sei es zur nächsten Politik-Diskussion oder eben zur Wahl des Restaurants – über Instagram und TikTok. Für eigene Recherche sind viele zu bequem geworden, weil der Algorithmus für sie filtert. Doch gerade Restaurants, die auf den Plattformen erscheinen, haben ein starkes Marketing- und Content-Know-how und die Mittel, Hypes zu erzeugen. Hinter dem neuesten Lokal mit Neonschild steckt meist ein durchskaliertes Business-Modell, das kurzfristig maximalen Gewinn erzielen soll. In Traditionslokalen ist alles auf Kante genäht. Man guckt, dass man noch die Gehälter zahlen kann. Am Ende des Jahres steht im besten Fall eine schwarze Null da. Da bleiben wenig Raum und Zeit für Social-Media-Aktivitäten. Gleichzeitig sehe ich eine positive Bewegung in den Netzwerken. So langsam entwickeln Menschen ein Bewusstsein, hinter die Fassade viraler Spots zu schauen.

 Das System dahinter ist aus meiner Sicht problematisch und kaputt.

Wie sehen Sie die Rolle der Influencer:innen, die gezielt angesagte Restaurants promoten?

Ich verurteile sie nicht. Viele machen es als Nebenverdienst: schnelle 100, 200 Euro für einen Besuch, Content posten, Geld einstreichen. Auch das ist legitim. Mein Ansatz ist jedoch ein anderer: Ich gehe nur zu Restaurants, die ich selbst recherchiert habe, ohne die Lokale vorher zu informieren, um authentische Eindrücke zu bekommen. Ich will keine Werbung für Orte machen, nur weil sie mich bezahlen.

Auch Google-Rezensionen gelten für viele als Entscheidungsgrundlage für ein Restaurant. Wie stehen Sie zu dem öffentlichen Bewertungssystem?

Es gibt zum Glück einige Menschen, die sich unglaublich Mühe geben und in ihrer Bewertung jedes Detail erklären, das ihnen gefallen oder missfallen hat. Gleichzeitig erschreckt mich, wie wenig Bewusstsein viele Leute dafür haben, wie vernichtend eine schlechte Bewertung für ein Restaurant sein kann. Dazu kommt, dass es inzwischen viele Bots gibt, die Rezensionen erstellen, die man meistens nicht von echten unterscheiden kann. Das System dahinter ist aus meiner Sicht problematisch und kaputt.

 

Letztendlich müssen die Kund:innen selbst entscheiden, woher sie ihre Informationen nehmen. Was würdest du ihnen empfehlen?

Ich würde den Menschen raten, die eigene Wahrnehmung wieder zu schärfen, wenn man durch die Stadt läuft. Ein Auge dafür zu entwickeln, welche Orte schon so selbstverständlich Teil des Inventars sind, dass sie kaum noch auffallen. Es lohnt sich, mal wieder die Speisekarte an den Türen durchzulesen, sich überraschen zu lassen und offen zu sein für Restaurants, die einem noch niemand auf Instagram vorgestellt hat. Um ganz klischeehaft den Koch Anthony Bourdain zu zitieren: ›Man muss auch mal ein schlechtes Gericht für ein großartiges riskieren.‹

Ihre Geheimtipps?

In München zum Beispiel muss man in der Gaststätte ›Großmarkthalle‹ in Sendling die vielleicht beste Weißwurst der Stadt probiert haben. In Frankfurt gibt es bei ›Alims Fischimbiss‹ Dorade für 15 Euro und grandiose Fischsuppe. Außerdem ist ›Das Gemalte Haus‹ mein Favorit unter den Apfelweinstuben. Und in Berlin bekommt man die beste Ketwurst – das ist ostdeutscher Hotdog mit Ketchup, Wurst und Sauerkraut – aus der Bude ›Alain‘ Snack‹ am Ostkreuz.

Mit was kann Sie ein Traditionslokal am meisten begeistern?

Kellner:innen mit einem richtigen Charakter und Schlagfertigkeit. Wenn ich im ›Päffgen‹ in Köln sitze und sage, ich würde ein alkoholfreies Bier nehmen und die Bedienung sagt ›Et hämme nit‹ und weiterläuft, finde ich das genial.


Célin Röser
Célin Röser
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