Jugend ohne Wein: Über sinkenden Weinkonsum & neue Trinkgewohnheiten
Der Weinkonsum ist bereits seit Jahren rückläufig. Ein Trend, der viele Ursachen hat. Die Generation Z ist schuld, so heißt es. Die jungen Leute von heute trinken wenig bis keinen Wein. Aber stimmt das so? Nein, meint Wein-Chefredakteur Peter Moser, ganz und gar nicht.
Die jungen Konsumenten trinken heute anders als noch vor einigen Jahrzehnten. Das veränderte Trinkverhalten wirkt sich vor allem bei den Burschen und jungen Männern aus, die immer öfter komplett oder teilweise auf Alkohol verzichten. Der Gruppenzwang nach dem Motto »Wer nicht mittrinkt, gehört nicht dazu!« ist heute passé. Was zudem als Konsumbremse wirkt, sind die Preise, die heute den Wein für junge Leute mit schmaler Brieftasche nicht gerade attraktiver machen. Dazu kommt, dass die Alternativen, seien sie mit oder ohne Alkohol, oftmals preiswerter über den Tresen gehen. Die junge Generation trinkt nicht weniger, sondern anders, und das hat viele Gründe. Ein Aperol Spritz (0,25 l) kostet heute in der Wiener Gastronomie zwischen 5,20 und 7,50 Euro, ein Viertelliter Gelber Muskateller schlägt sich mit 11 bis 16 Euro zu Buche, ein Seidel Bier (0,33 l) ist um rund 4,50 Euro zu haben. Der klassische Weiße G’spritzte kostet in der Bundeshauptstadt zwischen 2,90 und 4,50 Euro, die Herkunft des Weines ist meist ungewiss, und nicht selten handelt es sich um italienischen Lugana aus dem KEG-Fass.
Zu oft verkalkuliert
Beim glasweisen Weinkonsum hat sich in der Gastronomie offensichtlich die Faustregel eingebürgert, dass mit dem ersten Achtel der Einkaufspreis der ganzen Flasche hereingespielt sein muss – wen bitte wundert es dann, wenn die in der Regel weniger begüterte Jugend Alternativen zum Wein sucht? Konnten sich frühere Generationen noch problemlos ausgiebige Heurigenbesuche leisten, muss heute aus Kostengründen oft davon abgesehen werden. Und wenn schon, dann bitte ein cooler Pop-up in den Weinbergen, der einen Mehrwert an generationskonformer Geselligkeit bietet. Wenn man dann schon einmal essen geht, dann kommen immer häufiger die sogenannten Proxys zum Zug. Dabei handelt es sich um unterschiedlichste alkoholfreie Getränke, die einem kulinarischen Anspruch durchaus gerecht werden, weil sie ein komplexeres Mundgefühl und Trinkerlebnis bieten als herkömmliche Fruchtsafterl. Ein Proxy wird aus Zutaten wie hochwertigen Tees, Kräuterinfusionen, Verjus – dem Saft unreifer Trauben –, Gewürzen und Kräutern komponiert; die Basis bilden dafür häufig Fermentationsprodukte wie Kefir oder Kombucha. Diese alkoholfreien Getränke dienen als spannende Lifestylegetränke und geben durchaus überzeugende Speisenbegleiter ab. Sie erweitern das Angebot in sinnvoller Weise, vor allem dann, wenn man zeitlich begrenzt auf Alkohol verzichtet, wie in der Fastenzeit oder dem »Dry January«. Der immer wieder postulierte Trend zum entalkoholisierten Wein hingegen wird sich wohl als Rohrkrepierer erweisen, denn diese Produkte haben nichts mit Weinkultur zu tun und können weder mit echtem Wein noch mit den gut gemachten Proxys mithalten.
Komatrinken ist Geschichte
Wenn es um den Weinkonsum junger Erwachsener geht, bekommt man immer öfter Folgendes zu hören: Junge Weinfreunde bevorzugen Qualität vor Quantität, sie präferieren leichtere Weine, Rosé und Schaumweine wie Pét-Nats werden eher bestellt als schwere Rotweine. Auch das Thema Natural Wine und Orange Wine ist bei jüngeren, urbanen Zielgruppen nach wie vor angesagt, man schätzt das Unperfekte an den Naturweinen, so wird behauptet. Gesucht und bestellt werden Weine, die erfrischend, leichtfüßig und authentisch sind. Kraftvolle, markant in neuem Holz ausgebaute Produkte finden weniger Anklang. Die Jugend schätzt beim Weineinkauf den Drehverschluss, greift zu modernen, künstlerisch gestalteten Etiketten und fühlt sich mit zusätzlichen Informationen wie »bio« oder »vegan« wohl. Während die Gen Z im Supermarkt für unkomplizierte Weine unter der 10-Euro-Marke bleibt, geben Millennials zunehmend mehr Geld für Premiumweine aus. Sie kaufen anlassbezogen auch Ultra-Premiumweine wie Riedweine oder Natural Wines mit besonderem Prestige. Hier fungiert der Wein bereits als Statussymbol, hier wird auf Philosophie und handwerkliche Herstellung Wert gelegt. Tatsächlich sinkt weltweit der Weinkonsum seit 2017, auch die Kaufkraft der Konsumenten, die zu sehr teuren Weinen greifen können, lässt nach. Es sind aber entgegen den Vermutungen nicht die jungen Konsumenten, die den Pro-Kopf-Konsum nach unten drücken, dazu ist die Gruppe nicht groß genug. Es ist einerseits die wachsende Lebenserwartung der Senioren und andererseits eine bewusst gesünder angelegte Lebensweise, die den Alkoholkonsum und damit auch den Weinverbrauch in unseren Breiten geringer werden lässt.
Auch demografisch kommt es zu Veränderungen: Waren 1971 in Österreich etwa 0,3 Prozent der Bevölkerung Muslime, so ist die Zahl heute mit annähernd 9 Prozent (etwa 800.000 Personen) massiv gestiegen. Damit hat auch der Prozentsatz jener, die dem Alkoholkonsum aufgrund religiöser Gebote entsagen, entsprechend zugenommen. Dass der Weinkonsum in Österreich seit den 90er-Jahren von über 30 Litern sukzessive auf etwa 26 Liter gesunken ist, stellt also, gemessen an der Zahl derer, die tatsächlich Wein genießen, keine bedeutende Verschlechterung dar. Für die Zukunft gilt dennoch: besseren und weniger Wein erzeugen und das Kulturgut Wein bewusst feiern.