Die Vier von der Keller-WG: Rico Lüthi, Diederik Michel, Alain Schwarzenbach und Jonas Ettlin (v. l. n. r.) produzieren ihre Weine alle unter einem Dach in Meilen am Zürichsee. Der Austausch untereinander ist für sie elementar in ihrem Schaffen.

Die Vier von der Keller-WG: Rico Lüthi, Diederik Michel, Alain Schwarzenbach und Jonas Ettlin (v. l. n. r.) produzieren ihre Weine alle unter einem Dach in Meilen am Zürichsee. Der Austausch untereinander ist für sie elementar in ihrem Schaffen.
© Manfred Klimek

Keller-WG am Zürichsee: Vier Top-Winzer unter einem Dach

In Meilen am Zürichsee teilen vier Winzer einen Keller. Die Keller-WG – wie sich das Gespann selbst nennt – teilt dabei nicht nur die Kellertechnik, sondern auch eine gemeinsame Vision für ihre Region.

Wohngemeinschaften gibt es in Zürich zuhauf. Eine WG ist nicht nur für Studenten mit beschränktem Budget ideal, sondern offenbar auch für Winzer. Zumindest für Alain Schwarzenbach, Rico Lüthi, Diederik Michel und Jonas Ettlin. Alain Schwarzenbach betreibt das Weingut seiner Familie an der Seestrasse in Meilen in fünfter Generation, 2016 hat er es von seinen Eltern gemeinsam mit seiner Partnerin Marilen Muff übernommen. Das Anwesen Schwarzenbachs besteht aus der 1739 erbauten Reblaube, einem Weinbauernhaus, das 1912 in die Familie kam. Seit 2007 wird dieses von einem modernen Produktionsgebäude ergänzt, das unterirdisch mit dem alten Keller verbunden ist. «Als wir die neue Halle errichteten, hatten wir plötzlich viel Platz», sagt Alain Schwarzenbach. «Für uns lag es nahe, unsere Kelleranlagen mit Winzerkollegen zu teilen.» Der erste Mitbewohner der Keller-WG war Rico Lüthi aus Männedorf, auf den bald Martin Schnorf folgte, dessen Weine Familie Schwarzenbach bis anhin im Lohn kelterte. 2014 gesellte sich Diederik Michel zur Keller-WG, ganz frisch eingezogen ist Jonas Ettlin, der das Weingut von Martin Schnorf per Herbst 2022 übernehmen wird.

Die vier Winzer der Meilener Keller-WG sind allesamt ausgewiesene Spezialisten mit eigenem Charakter. Alain Schwarzenbach ist ein umtriebiger Tüftler. Der Sohn von Hermann «Stikel» und Cécile Schwarzenbach ist überaus erfinderisch, wartet Maschinen eigenhändig und experimentiert mit allerlei Weinbereitungsmethoden – «Ich probiere in jedem Herbst etwas Neues», sagt Schwarzenbach. Rico Lüthi ist der Stillste der Keller-WG. Er hat seinen eigenen, kleinen Bereich im Keller unter der altehrwürdigen Reblaube, wo er seine Weine langsam zur Perfektion reifen lässt. Insbesondere seine Pinot-Noir-Weine sind an Finesse und Eleganz kaum zu übertreffen. Diederik Michel wiederum gilt als einer der besten Önologen der Region. Er engagiert sich im Austausch von aktuellstem Wissen, etwa als Kursleiter der Academie du Vin oder in der Alumni-Organisation der Fachhochschule in Wädenswil. Jonas Ettlin, der neueste WG-Bewohner, ist der Brückenbauer. Er spricht fünf Sprachen und ist seit einiger Zeit Präsident der Walliser Vereinigung Vinea – der erste Nicht-Walliser in dieser Funktion. Eine kleine Sensation in der föderalistischen Schweiz. Ettlin arbeitete bereits auf dem Weingut Schipf am Zürichsee und übernimmt nun das Weingut des langjährigen WG-Mitbewohners Martin Schnorf.

Das schnelle, ungelifterte Feedback, der Austausch unter Kollegen, das ist den vier Winzern der Keller-WG das Wichtigste. Und natürlich teilen sie sich auch Gerätschaften und Kosten.
© Manfred Klimek
Das schnelle, ungelifterte Feedback, der Austausch unter Kollegen, das ist den vier Winzern der Keller-WG das Wichtigste. Und natürlich teilen sie sich auch Gerätschaften und Kosten.

Zusammen sind sie stärker

Die Anlagen und Gebäude der Keller-WG gehören alle dem Weingut Schwarzenbach, die übrigen Benutzer sind eingemietet. «Einen Keller zu unterhalten, ist extrem teuer», sagt Schwarzenbach, «da ist es sinnvoll, sich die Dinge zu teilen.» Die Rebflächen von Schwarzenbachs Mitbewohnern sind klein. Rico Lüthi und Jonas Ettlin bewirtschaften je rund zwei Hektar, Diederik Michel knapp vier, Familie Schwarzenbach selbst verfügt immerhin über deren neun. «Wir könnten uns eine solche Kelleranlage alleine niemals leisten», sagt Ettlin und Rico Lüthi fügt an, dass die Technik in der Keller-WG wirklich an nichts zu wünschen übrig lasse.

Auch Flaschen, Korken und anderes Verbrauchsmaterial kauft die WG in grossen Mengen zu guten Preisen gemeinsam ein. Auch an neuen Ideen mangelt es den Mitgliedern der Keller-WG nicht. Jonas Ettlin will eine Spindelpresse anschaffen, eine Korbpresse, die besonders schonendes Pressen erlaubt – über drei pneumatische Pressen, die heute in den meisten Weinkellern benutzt werden, verfügt die Keller-WG bereits. Diederik Michel zweifelt an, ob eine Korbpresse effizient zu nutzen sei, Alain Schwarzenbach wiederum ist begeistert von der Idee, mit dieser seinen Pinot Noir abzupressen. Und schon befindet sich die Keller-WG in einem regen Austausch über Sinn- und Unsinn solcher Gerätschaften. «Der Austausch ist das Wichtigste für uns», sagt Diederik Michel. «Wenn wir im Keller arbeiten und eine Zweitmeinung brauchen, sind die anderen immer für uns da. Die Rückmeldungen sind dann jeweils sehr ehrlich, ungefiltert könnte man sagen.» «Alles andere würde ja auch keinen Sinn haben», fügt Alain Schwarzenbach hinzu.

Im Herbst seien es eben nicht einfach sieben oder acht Weine, die sie gemeinsam beobachten können, sondern bis zu hundert gärende Tanks. «Das beschleunigt unser Lernen enorm», so Diederik Michel. Alleine von der lokalen Weissweinsorte Räuschling hätten sie jeweils bis zu zehn gärende Standen. «Das ist extrem spannend», sagt Michel. «Ein Wein ist vielleicht fast blank, einer trüb, einer vergärt schneller als der andere. Wir können vergleichen und analysieren, warum Unterschiede vorhanden sind.» Eine wertvolle Situation für alle vier Winzer.

Eine WG ohne Geheimnisse

Im Herbst könne es auch mal eng werden in der Keller-WG, sagt Rico Lüthi. Gerade wenn es regnerisch sei und alle am liebsten gleichzeitig die Trauben in Sicherheit bringen würden. Doch auch dann setzen die vier Mitstreiter auf gegenseitige Unterstützung. Für einen Alleingang ist kein Platz. Geheimnisse voreinander haben die Keller-WG-Winzer nicht. «Wir müssen doch keine Angst haben, dass uns jemand kopiert», sagt Alain Schwarzenbach. «Wir kommen nur zusammen weiter als Winzergemeinschaft, als Region und auch als Weinland.» Die offene Haltung der Keller-WG-Winzer ist vorbildlich und überaus modern. In der Schweiz ist sie jedoch alles andere als selbstverständlich. «Vielleicht braucht es in einer Region dafür einen Generationenwechsel», sagt Alain Schwarzenbach. Diederik Michel erzählt, dass er schon bei seinen Praktika auf Weingütern in Frankreich oder Australien diesen offenen Geist mit auf den Weg bekommen habe. «Das waren alles offene Betriebe, die ihr Wissen gerne geteilt haben – auch mit den Praktikanten. Nur so kommt man weiter.»

Der Keller und die verwendeten Techniken beeinflussen einen Winzer und seinen Wein – das lässt sich nicht abstreiten. Die Vermutung, dass sich Weinmacher, die ihre Kelleranlagen teilen, im Stil angleichen, liegt also nahe. Darauf angesprochen winken die WG-Winzer ab. Alleine ihre Rebflächen, die sich von Küsnacht über Meilen nach Uetikon am See, sowie Männedorf bis nach Feldbach ziehen, sind überaus unterschiedlich – die Böden und Gegebenheiten am See äusserst vielfältig. Dass ein Wein hier zweimal gleich herauskommt, sei fast unmöglich. Eine Aussage, die sich spätestens als wir zur angeregten Verkostung mit gemeinsamem Mittagessen schreiten bestätigt. Alle Winzer der Keller-WG haben ihre eigene Handschrift und dennoch verbindet sie die gemeinsame Region und das gemeinsame Wissen, das Jahrgang für Jahrgang weiter wächst.


Erschienen in
Food Zurich Spezial 2022

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Benjamin Herzog
Benjamin Herzog
Chefredaktion Schweiz
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