Kulinarik in Caorle: Es tut sich was in Klein-Venedig
Die besten Adressen am beliebten Ferienort an der Mündung der Livenza.
Der venezianische Badeort Caorle will sein »Hausmeisterstrand«-Image endgültig loswerden. Das sieht man bei den Investitionen am Hotelsektor, wo mit der Eröffnung des Fünfsterne-Tempels »The One« nahe dem historischen Zentrum ein neues Kapitel aufgeschlagen wurde. Dass an manchen Wochenenden vor dem Hoteleingang des architektonisch diskutablen aber immerhin auffälligen Betonwürfels demonstrativ Ferraris oder Lamborghinis (letztens mit Kennzeichen JO für Sankt Johann im Pongau) zur Schau gestellt werden, interessiert nicht nur die vielen Kinder, die das Bild in Caorle traditionell prägen, sondern auch so manchen Papa, der sich mit bescheideneren Marken zufriedengeben muss. Ob Autonarren oder Normalsterbliche: das Hotel hat auch ein stylishes Restaurant im Parterre, das »Stelù«, und beim Apero in der Skybar 360° mit Rooftop-Pool im achten Stock hat man einen atemberaubenden Blick über die Skyline der Stadt und den gut 12 km langen Sandstrand. Dieser unterteilt sich bekanntlich in die weite, extrem flache Sandbucht Spiaggia levante im Osten und die in stadtnähe schmälere Spiaggia Ponente im Westen, wo das Wasser schneller eine zum Schwimmen angenehme Tiefe erreicht.
Neben dem »The One« verleihen das ganzjährig geöffnete Hotel International Beach mit Spa und das großzügige Wellness-Resort Marina Verde der Meile hinter dem Ponente-Strand trotz der vielen Klimbim-Läden einen gewissen Anschein von Luxus.
Fisch & Meeresfrüchte
Hier sind auch einige der beliebstesten Fischrestaurants angesiedelt: das »Pic Nic« an der Livenzamündung ganz im Westen, das immer noch stylishe, aber in der Saison oft überlaufene Postiglione (Reservierung abends nur bis 18:30 möglich, dann steht man in der Schlange!) und weiter Richtung Zentrum das »Antico Petronia« mit dem besten Fischrisotto weit und breit. Das »Il Centrale« am Hafen ist eines der Lieblingsrestaurants der Caorlotti, denn auch in der Hochsaison dominiert in dem kleinen Fischlokal der lokale Dialekt. Hier gibt es außer Fisch auch sehr gute Tortelloni mit Ricotta – ein Tribut an die Familienwurzeln in Parma.
Das vielleicht interessanteste Gourmetlokal Caorles, »Ristorante da Buso«, liegt versteckt in einer unscheinbaren Gasse hinter dem Hotel »The One«. Hier kocht der Patron Andrea Vio eine kreative und dennoch schmackhaft-erdige Version der Cucina Caorlotta, zum Beispiel »Radicio e Fasoi«: Geräucherte Cannelinibohnen-Creme mit Miesmuscheln, Rotbarbe und Stockfisch. In schlichtem Ambiente sitzt man an weiß gedeckten Tischen, kompetent bedient von Andreas Frau Alessandra. Ihr Lieblingsthema sind interessante kleine Weine aus seltenen Rebsorten abseits des Mainstreams wie Durello , Manzoni oder Vitovska aber gute Proseccos und Schaumweine. Die Karte verrät auch ihre geheime Liebe für Frankreich.
Auf der Piazza San Pio gleich beim Dom hat der aus Apulien stammende legendäre Gastronom Pasquale Cagiano das altehrwürdige Nappa aufwändig restauriert und zum neuen Hot-Spot der Stadt gemacht. Am besten bespricht man direkt an der eindrucksvollen Präsentationstheke fangfrischer Fische und Meeresfrüchte, was dann auf den Holzkohlengrill, gleich daneben, gelegt werden soll. Aus dem imposanten Weinklimaschrank lachen berühmte Etiketten von Gaja bis Soldera nebst Champagner & Co und warten auf die gut bestückten Portemonnaies, während die meisten Gäste mit den zuhauf vorhandenen einfacheren Gewächsen vorliebnehmen. Sie fühlen sich im Wintergarten und bei warmem Wetter auf einer der schönsten Terrassen der Adria sichtlich wohl, sofern die Bedienung mit dem Andrang zurande kommt.
Zu den Pluspunkten in Caorle zählt definitiv auch die gemütliche Weinbar »Enoteca Enos«, egal, ob einem der Sinn nur nach einem Teller Pata Negra Schinken und einem Glas Wein oder nach einem richtigen Essen mit Steaks vom Holzkohlengrill steht. Wegen der langen Öffnungszeiten bis Mitternacht fallen hier auch viele nach dem Dinner zu einem Absacker auf der »Enos«-Terrasse ein.
Eine richtige Gourmet-Hochburg wird Caorle ähnlich wie auch Grado nie werden. Fast Food und Junk ist in den meisten Bedarfslokalen gang und gäbe. Ich habe mich unlängst nach kurzem Blick auf das Frühstückbuffet unseres nicht gerade berauschenden Hotels auf die Suche nach vernünftigen Tramezzini zum Frühstück gemacht. Das war eine richtige Ochsentour, weil es - wenn überhaupt - nur vorverpackte Convenience-Versionen gab. An einer Ecke der vielbefahrenen dritten Parallelstraße fanden wir schließlich die unspektakuläre, von der Nachbarschaft frequentierte »Bar Andrea«: die Besitzerin macht die prall gefüllten, deftigen Tramezzini mehrmals täglich frisch im Haus und serviert dazu frisch gepresste Spremuta und einen guten Hausbrandt Espresso. Anderswo in Italien ist das Normalstandard, in den Tourismusorten der Adria zusehends die Ausnahme.
Pizzerien mit Tradition
Irgendwann hat man dann Lust auf eine wirklich gute Pizza als Abwechslung zum Fisch. Die im »Postiglione« ist auch sehr gut, aber auch nicht so überragend, dass ich mich dafür anstellen muss, wie bei »Da Michele« in Neapel. Außerdem esse ich, wenn ich dort Platz bekomme, lieber Fisch und suche mir dazu eine gute Flasche Wein aus der nicht schlecht sortierten Karte aus. Profaner geht es im wohlfeilen und freundlichen »Ae Do Rode« (»Zu den zwei Rädern«) zu, wo sich Familien mit Kindern gut aufgehoben fühlen, auch wenn es hier kulinairsch nichts zu gewinnen gibt. Leider hat Raffaele di Stasio, einer der besten Pizzamacher Italiens, nach zwei Saisonen den Standort Caorle wieder aufgegeben. Und damit verliert Caorle in Sachen Pizza sein kurzzeitiges Aushängeschild. Echt schade! So ist das halt in den Touristen-Hochburgen. Wer mit der Qualität höher hinaus will als der Durchschnitt hat bei der Masse keinen leichten Stand.
Fazit: Trotz seiner Prägung durch den Massentourismus ist Caorle mit seiner bunten, verwinkelten Altstadt und dem schönen Dom für viele immer wieder ein willkommenes Urlaubsziel. Für Insider haben hier die Zwischensaisonen und sogar der Winter einen eigenen Reiz.