Laut Psychologe: Romantik wird beim Essen oft überschätzt
Kerzenschein, Vier-Gänge-Menü, Rosen, Schokolade: am Valentinstag soll Liebe auf Knopfdruck entstehen. Doch lässt sich Nähe wirklich eressen?
Am Valentinstag geht es um Nähe, Zuneigung und kleine Rituale. Viele Paare verbinden damit auch das gemeinsame Essen – sei es ein Candle-Light-Dinner zu Hause, ein mehrgängiges Menü im Restaurant oder die klassische Rosen-Schokolade-Kombi. Doch lässt sich Liebe wirklich über den Gaumen stimulieren? Prof. Dr. Christina Bermeitinger, die an der Universität Hildesheim die Professur für Allgemeine Psychologie innehat, erforscht, wie Gerüche, Erwartungen und Erinnerungen Emotionen beeinflussen – und erklärt, wie Paare diese Erkenntnisse für den perfekten romantischen Abend nutzen können.
»Es gibt nicht das eine Gericht, das für alle Nähe erzeugt«, sagt Bermeitinger gleich zu Beginn. »Essen wirkt stark über Erinnerungen, über gemeinsame Erlebnisse – nicht über einzelne Zutaten.« Wer also denkt, ein Abend mit Austern oder teurem Kaviar sei automatisch romantisch, irrt. »Nähe entsteht durch ein Zusammenspiel vieler Faktoren. Geteilte Erfahrungen und ein intensiver Austausch gehören dazu. Das kann auch beim gemeinsamem Kochen oder Essen passieren.«
Details und Erinnerungen
Gerüche spielen dabei eine zentrale Rolle. »Wenn man erwartet, dass ein Geruch positive Stimmung auslöst, passiert das auch eher. Liebe oder Geborgenheit ›riechen‹ wir aber nur, wenn wir mit dem Geruch eine entsprechende Erfahrung verbinden.« Auch Farben, Texturen und Geschmacksrichtungen können subtil wirken: Rot wird oft mit Liebe assoziiert, Schokolade kann kurzfristig stimmungsaufhellend wirken, Kaffee oder Sekt steigern Erregung und Aufmerksamkeit.
Zutaten, die eventuell als besonders romantisch angesehen werden, werden überschätzt, einfachere, vertraute Gerichte unterschätzt
Langfristig sei es jedoch wichtiger, auf vertraute Gerichte zu setzen, die Erinnerungen wecken – etwa ein Gericht aus dem ersten Urlaub – aktiviert automatisch positive Gefühle. »Man kann die Stimmung über kleine Bausteine lenken. Am Ende geht es aber nicht um ein einzelnes Lebensmittel, sondern um jene Erinnerungen und die kleinen Details, die einen Abend besonders machen.«
Wer seine eigenen Vorlieben und die des Partners einbezieht, schafft also eher Nähe und Geborgenheit als durch Luxusprodukte. Selbst die einfachsten Rituale wirken oft stärker als teure Klischees. »Zutaten, die eventuell als besonders romantisch angesehen werden, werden überschätzt, einfachere, vertraute Gerichte unterschätzt«, sagt Bermeitinger.
Valentinstag als Chance
Prof. Bermeitinger betont außerdem: »Es kommt nicht darauf an, wer kocht oder ob es besonders ausgefallen ist. Wichtiger ist, dass beide Spaß daran haben und die Situation bewusst wahrnehmen.« Für manche Paare sei ein Abend im Restaurant ideal, für andere das gemeinsame Kochen – entscheidend sei, dass die Handlung positive Erinnerungen hervorruft.
Gleichzeitig gilt: Weder Candle-Light-Dinner noch Schokolade oder Champagner können eine Beziehung retten – aber es ist eine schöne Gelegenheit, bewusst Zeit miteinander zu verbringen. Wer den Valentinstag nicht als romantischen Härtetest sieht, sondern als Chance, einander Aufmerksamkeit zu schenken, nimmt den Druck raus – und schafft Nähe, die länger nachwirkt.
Über das Menü hinaus zählt nämlich vor allem, was darum herum entsteht: Erinnerungen, Gespräche, kleine Rituale, geteilte Zeit. Das Essen selbst wird fast zweitrangig – genau darin liegt seine größte emotionale Wirkung.