Severin Cortis Küchenzettel: Erdäpfelchips mit Labneh
Was vorher kommt, ist oft noch köstlicher als das eigentliche Essen – das gilt im Restaurant ebenso wie zu Hause. Ein Plädoyer für elaborierte Snacks.
Wer gern kocht, der kennt das Dilemma: Natürlich will man die Gäste so richtig im Glück schwelgen sehen, wenn das Essen endlich auf dem Tisch steht und der festliche Abend seinen nominellen Höhepunkt erreicht.
Andererseits aber gibt es auf dem Weg dahin ein paar Unwägbarkeiten: der Druck und Stress etwa, alles zum entscheidenden Zeitpunkt – auf dem Höhepunkt seiner Köstlichkeit abrufbar – hinzubekommen. Was nutzt der aufwendig gefüllte und über Stunden liebevoll braisierte Festtagsbraten, wenn er im entscheidenden Moment, beim Abnehmen des Bindfadens, auf einmal in seine Einzelteile zerfällt? Und überhaupt: Die Zeiten, in denen ein schöner Abend ganz essenziell davon abhängt, dass sich jemand in der Küche zum Sklaven machen lässt, sind doch lange vergangen – und an den Festtagen gilt das noch einmal auf spezielle Art! Soll freilich nicht heißen, dass ab jetzt nur noch Schöpfgerichte und leicht angeranzte Salate auf die Gäste warten sollen. Aber Glamour kann, siehe nebenstehendes Rezept, auch mühelos sein – speziell, wenn man es so anlegt, dass der anstrengendste Teil im Aufreißen einer Packung Chips besteht. Hinweis: Wem das Selbermachen von Labneh zu viel Kopfzerbrechen bereitet, kann auf Sauerrahm ausweichen – wird halt nicht ganz so luxuriös seidig und cremig.
Überhaupt werden die Freuden des Snackens auf hohem Niveau in unseren Breiten noch immer zu wenig wahrgenommen. Dabei gibt es wenig, womit sich die illustre Gästeschar lieber überraschen lässt, als von einer Folge aufregend köstlicher Happen, die wie nebenbei zu den Drinks aufgetragen werden. Beispiele gefällig? Vitello tonnato zum Beispiel, unerreicht gut – wenn das Fleisch schon fertig aufgeschnitten auf den Platten wartet, nur noch mit der Salsa begossen, mit ein paar Kapern (und, wichtig, frischem Pfeffer!) garniert werden muss. Oder Shrimpscocktail: Die Marie-Rose-Sauce ist vorbereitet und wird unmittelbar vor dem Servieren unter die Krustentiere gehoben – Salatblätter auf eine Servierplatte, Shrimps darüberhäufen – danke!
Auch immer gut: Carpaccio vom kurzgebratenen Steak – das vorab rare gebratene Fleisch liegt in dünnen Scheiben auf original Carpaccio-Salsa (gute Mayonnaise mit ein paar Spritzern Worcestersauce, einer Idee von Dijonsenf und einem Esslöffel Milch vermengt) und wird vor dem Servieren mit ein bissl Extrasauce und Rucola vollendet – bitte sehr!
Wenn es dann irgendwann noch sehr al dente gekochte Pasta all’uovo mit Obers, Parmesan und der einen oder anderen bei Tisch darübergehobelten Trüffel gibt, sind hoffentlich alle zufrieden. Vor allem, wenn sie beim letztgenannten Handgriff angehalten werden, gefälligst selbst mit anzupacken!