Steiermark: Wo Kunst(t)räume wahr werden
Wer in der Steiermark in die Kunstszene der anderen Art eintauchen will, muss sich viel Zeit nehmen. Übergroß ist das Kulturangebot jenseits des Mainstreams und gängiger Klischees. Zu verdanken ist diese Vielfalt kreativen und zugleich tatkräftigen Menschen, die Kultur für jedermann erlebbar machen.
Bunt ging es zu beim Urban Art Festival Styria, auch dieses Jahr wieder. Bereits zum 24. Mal fand im September in Graz und der gesamten Oststeiermark das internationale Kunstevent statt, bei dem junge, innovative Künstler aus ganz Europa aus den Bereichen Bildende Kunst, Urban Art, Graffiti und Medienkunst ihre Werke vor den Augen aller, die es interessierte, entstehen ließen. Zentrum des Geschehens war wie schon bisher das Studentenwohnheim StudentCity Graz. Im Juni 2019 war es erstmals Schauplatz des Festivals gewesen, das der Verein »Future Icons« veranstaltet.
Damals hatte die Studentenheimleiterin Christa Lorenz die Idee, das 7-stöckige Gebäude der StudentCity Graz in ein »Kunstwerk« zu verwandeln. Seitdem sind zahlreiche Kunstwerke und Installationen im Innen- und Außenbereich sowie in der Tiefgarage entstanden. Und auch dieses Jahr wurde es wieder zu einer Freiluftgalerie und einem Kunstlabor. Weder Mainstream noch Erwartbares soll in diesem experimentellen Umfeld entstehen, vielmehr wird Neues gewagt. »Mir geht es darum, Plätze des Staunens entstehen zu lassen und aktuelle Geschichte(n) begreifbar zu machen. Darum stellen wir uns jedes Jahr der Herausforderung, die Kunstproduktion, gesellschaftspolitischen, aktuellen Themen zu widmen«, sagt Artistic Director und Festivalleiter Norbert Lipp.
Jugend für Kunst begeistern
Er ist der Gründer des Kunst- und Kulturvereins »Future Icons«, der in Graz seinen Sitz hat: »Unser Ziel war von Anfang an, junge Leute für Kunst und Kultur zu begeistern und ihnen einen lustvollen, kreativen Zugang zu ermöglichen«, sagt der Klarinettist und Kulturmanager. Als Musiker erlebte er jeden Abend aufs Neue, dass auch in Graz überwiegend ältere Zuschauer in der Oper und den Konzertsälen zu finden sind. Nicht viel anders war es um den Altersdurchschnitt der Museumsbesucher bestellt. »So entstand Ende der 90er-Jahre die Idee, Konzepte zu entwickeln, mit denen man Kinder und Jugendliche abholt. Denn in der Steiermark gab es in Sachen non-formaler Kulturvermittlung eine große Lücke.« Deshalb beschloss Lipp, Musiker direkt in die steirischen Schulen zu schicken, damit sie dort mit ihrem Publikum von morgen singen, tanzen und musizieren. »Diese Begegnung in vertrauter Umgebung hat wunderbar funktioniert. Mit der Zeit haben wir immer mehr Formate entwickelt und eben auch Street-Art-Künstler eingeladen, verschiedene Orte in der Steiermark in Farbe zu tauchen; zuerst Fürstenfeld, dann Leoben und natürlich auch Graz.«
Wenig überraschend konnten sich anfänglich nicht alle mit den bunten Motiven der anderen Art auf Häusern, Brücken und Flusspromenaden anfreunden. Mittlerweile hat sich jedoch das Urban Art Festival etabliert und erfreut sich großer Beliebtheit weit über die Grenzen der Grünen Mark hinaus: 2015 wurde es als eines der drei besten Jugendkulturprojekte mit dem Erasmus+Award ausgezeichnet. Die größte Anerkennung für Norbert Lipp ist jedoch, dass die Neugier der vielen Menschen, die an dem Festival teilnehmen, jedes Jahr größer wird: »Keine Frage, in der Steiermark hat sich im Bereich Kunst sehr viel getan, es herrscht eine viel offenere Atmosphäre.«
»Die Steiermark ist speziell«
Nicole Pruckermayr bestätigt: »Die Steiermark ist sehr speziell. Was in diesem Bundesland und allen voran in Graz an kulturellem Schaffen in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut wurde, ist immens, vor allem wenn man es mit anderen Städten Österreichs vergleicht. Wien ausgenommen. Aber Graz ist – salopp gesagt – nicht größer als ein Stadtteil von Wien. Dennoch war und ist in dieser Stadt Platz für Kunst aller Genres«. Die Architektin und Konzeptkünstlerin ist seit Februar 2023 Geschäftsführerin der Steirischen Kulturinitiative (ki), die in den letzten 50 Jahren kulturell und gesellschaftspolitisch viel bewegt hat. Der steirische Künstler Richard Kratochwill, der Kulturjournalist Herbert Nichols-Schweiger und der ehemalige Grazer Bürgermeister Alfred Stingl riefen diese Kulturinitiative 1977 ins Leben, um steirischen Künstlern steiermarkweit neue Möglichkeiten zu eröffnen.
Die Galerie-Situation war zu dieser Zeit nämlich äußerst prekär. Zusätzlich zeigten sich die öffentlichen Kunst- und Kultureinrichtungen gegenüber den heimischen Künstlern sehr reserviert. Vor allem Nichols-Schweiger, der erste Geschäftsführer der ki, erwies sich als unermüdlicher kulturpolitischer Motor. »Das Thema ›Volksbildung‹ war von Anfang an eines der zentralen Anliegen der ki. Es ging und geht darum, niederschwellige Kunstformate zu finden, um alle Menschen, unabhängig von Vorbildung, Geschlecht, sozialem Status und anderen Faktoren, zu erreichen«, sagt Pruckermayr. Dass es der Kulturinitiative gelungen ist, über so viele Jahrzehnte zu bestehen, führt sie »auf die vielen kritischen und interessanten Geister zurück, die hier eine Spielwiese für sich gefunden haben. Das macht uns aus: Wir wollen Künstlern und Künstlerinnen bei all unseren Projekten ermöglichen, zu experimentieren, sich auszuprobieren und auch zu scheitern. Denn Scheitern gehört zur Kunst.«
Auf der Suche nach Raum
Schon lange beschäftigt sich Pruckermayr als Künstlerin und als Kuratorin mit Kunst im urbanen Raum und sozialen Gefügen. Mit dem Stadtteil Reininghaus am rechten Mur-Ufer hat sie sich in den letzten Monaten besonders intensiv auseinandergesetzt. Die 55 Hektar Land, die bis 2004 der Brau Union gehörten, zählen zu den größten Stadtentwicklungsgebieten Österreichs. Was teilweise noch eine große Baustelle ist, soll schon bald Wohn- und Wohlfühlort für Tausende Menschen werden.
Darum spielt auch Kultur- und Kunst in den verschiedenen Reininghaus-Quartiers eine wichtige Rolle: Am 12. September 2024 hat die Steirische Kulturinitiative in Kooperation mit dem Stadtteil Graz Reininghaus die Ausstellung »Ein Zimmer für mich« eröffnet. Inspiriert wurden die Veranstalter von der britischen Schriftstellerin Virginia Woolf, die schon 1929 in ihrem Essay »A Room of One´s Own« für jede Frau, die schreiben will, eigenes Geld und einen eigenen Raum gefordert hat. In den vergangenen Wochen konnten sechs Künstlerinnen zeigen, was sie mit einem Raum für sich verbinden, und zwar im »Metaraum Reininghaus«, der sich selbst gerade noch in Entwicklung befindet.
Weingüter als Kulturbotschafter
Mindestens genauso wie die Kunst, prägt die Weinkultur die Grüne Mark. Was liegt daher näher, als beides miteinander zu verbinden, fragte man sich in der Südsteiermark. Und so kam es, dass im Frühjahr 2023 dort, wo sonst allein der Wein zu Hause ist, die Kunst Einzug hielt. Acht kulturaffine Weingüter – von Ratsch an der Weinstraße über Gamlitz und Leutschach bis nach Tombach/St. Martin im Sulmtal – erklärten sich bereit, Kulturbotschaften zu werden. Sie beherbergten für eine Woche Künstlerinnen und Künstler aus acht verschiedenen Ländern, und diese ließen sich beim Malen, Zeichnen und Fotografieren von den vielen neuen Eindrücken inspirieren. So verwandelten sich Weinkeller, Lauben und Buschenschenken in Galerien. Eine Mischung, die viele kulturinteressierte Weinliebhaber ansprach. Sie kamen, um den Künstlern in ihren temporären Ateliers zu begegnen. Gleichzeitig nutzten sie die Gelegenheit, die Weingüter kennenzulernen und deren Wein und andere regionale Produkte zu verkosten. 2025 wird es, so steht seit Kurzem fest, zu einer Neuauflage der Kunst-Wein-Symbiose kommen. »Dieses Mal werden wir das Projekt noch breiter aufstellen als beim ersten Mal«, sagt Lasse Kraack, der Geschäftsführer des Regionalmanagement Südweststeiermark. »Nicht nur Weingüter aus der Südsteiermark werden Residenz für ausgewählte Künstler verschiedener Herkunft und Genres sein, sondern auch welche aus dem Schilcherland, Deutschlandsberg und anderen Regionen.«
Wer Fotografie und Malerei nicht so viel abgewinnen kann wie Musik, ist beim Jazz Festival in Leibnitz bestens aufgehoben. Alljährlich spielen dort an vier Tagen im September renommierte Jazzmusiker auf. »Besonderer Wert wird darauf gelegt, dem Publikum Ausnahmetalente zu präsentieren«, sagt die Geschäftsführerin des Jazz Festival Leibnitz, Isabella Holzmann. Seit vielen Jahren hat sich die umtriebige Kulturmanagerin zum Ziel gesetzt, auch am Land für kulturelle Diversität zu sorgen. Eine Aufgabe, die mit ständigen Herausforderungen verbunden ist. Seit 2019 leitet sie auch das Greith Haus – ein Kulturhaus im Dorf St. Ulrich im Sulmtal. Zum jährlichen Fixprogramm gehören Konzertreihen, Lesungen, Kabarett- und Filmabende sowie Theaterproduktionen. Jährlich zieht es mehrere Tausend Kunst- und Kulturinteressierte in das »Zentrum in der Peripherie«, weil sie die Vielseitigkeit des Programms begeistert. Holzmann fühlt sich in ihrer Mission bestärkt. »Kunst soll lernen, auch auf dem Land zu Hause zu sein«, sagte der österreichische Aktionskünstler Hermann Nitsch einmal. In der Steiermark ist sie das längst.