Zum Inhalt springen
© MUMEMORIES

Steirische Unternehmen: Alles, ausser gewöhnlich

Steiermark
Innovation

Zahlreiche steirische Unternehmen sind mit ihren Produkten Weltmarktführer. Daneben gibt es aber auch findige Geschäftsmodelle, die dank Innovationsgeist und Spezialisierung in Nischen erfolgreich sind. Die Palette reicht von Industriebetrieben bis zu Handwerkern, von Technologie-Start-ups bis zu Traditionsbetrieben.

Hightech-Trainingslabor für Fussballer

Anton Paar SportsTec, Wundschuh

Nicht in Barcelona, Liverpool, Manchester, Madrid oder München, sondern im Gewerbepark von Wundschuh wurde das weltweit modernste Fußballtrainingssystem entwickelt. Die Anton Paar SportsTec hat hier mit dem Fußball-Simulator »skills.lab« eine Anlage gebaut, mit der Fußballer aus dem Profi- und Amateurbereich ihr Können und Spielverständnis unter realen Bedingungen perfektionieren können. Der Simulator gleicht einem »Sportkäfig«, wie man ihn aus Großstädten für Basketball oder Fußball kennt. Nur ist das Spielfeld in diesem Fall sechseckig und statt Maschendrahtzaun begrenzen Hightech-Leinwände das Ministadion, das in etwa die Größe eines halben Fußballfelds hat. Auf diese Wände projizieren Beamer spezifische Spielsituationen. Integrierte voll automatisierte Ballmaschinen spielen dem in der Mitte des Kunstrasenplatzes stehenden Sportler Bälle zu, mit denen er vorgegebene Ziele treffen muss. So können mehr als 50 verschiedene Trainingsformen abgerufen und trainiert werden. Die Leistung der Spieler wird dabei präzise vermessen. Das digitale Trainingssystem schult technische und kognitive Fähigkeiten und verbessert die Handlungsschnelligkeit. Neben Sturm Graz setzt unter anderem auch Bayern München auf die Trainingsmethode »made in Styria«.
skills-lab.com

© Anton Paar GmbH

Laden über die Bodenplatte

Easelink, Graz

Sperrige Kabelschlingen, klobige Stecker und Ladesäulen soll es in Zukunft nicht mehr brauchen, um ein Elektroauto mit Strom »aufzutanken«. Das Grazer High-tech-Start-up Easelink hat nämlich eine »Matrix Charging« genannte, patentierte Technologie entwickelt, mit der E-Fahrzeuge kabellos über eine im Boden verbaute Platte aufgeladen werden. Man muss das Auto nur über der Platte parken, ein Connector senkt sich vom Unterboden des Fahrzeugs, verbindet sich automatisch mit der Platte im Boden und lädt mit höchstmöglicher Übertragungseffizienz den Batterieblock im Auto. Ein entsprechender Pilotversuch läuft noch bis Anfang 2025 mit Taxis in Graz, ein globales Ausrollen wird dank Partnern in der europäischen und chinesischen Autoindustrie angepeilt.
easelink.com

Badewannen für draussen

Feuerwasser, Bad Schwanberg

Martin Auer verlegt entspannende Badezimmer- und Wellnessoasen-Atmosphäre an die frische Luft. Der gebürtige Tiroler bietet dafür Outdoorbadewannen, Badefässer und Badetassen aus Edelstahl und Holz, die mit einem integrierten Holzofen beheizt werden. »Man braucht keinen Strom und auch keine Chemikalien wie bei einem Whirlpool«, wirbt Auer für seine »Feuerwasser«-Produktlinie, die im Frühjahr um eine Dusche aus Edelstahl erweitert wurde. Gefertigt werden die stylishen Gartenmöbel am Ortsrand von Bad Schwanberg in einer 600 Quadratmeter großen Halle. Die Inspiration dazu kam Auer in Skandinavien, wo er einige Zeit lebte, die Idee zur Selbstständigkeit in Mittelamerika. Die ersten Fässer baute der gelernte Dachspengler in einer Garage in Tirol. Im Folgenden wurden Design, Produktion und Vertrieb optimiert. Wegen steigender Nachfrage und eines schrumpfenden Platzangebots übersiedelten Martin und Sophie Auer vor zwei Jahren aus dem Inntal in die Weststeiermark, wo man jetzt auf dem Areal eines ehemaligen Metallverarbeitungsbetriebs, gleich neben einem kleinen Wasserkraftwerk, für Kunden in ganz Europa produziert.
feuerwasser.co

Recyclingtechnologie Altkleider & Münzen

Redwave, Eggersdorf bei Graz

Kleider machen nicht nur Leute – die füllen auch Mülltonnen. So fallen jährlich 220.000 Tonnen Textilabfälle an. Nur rund ein Viertel davon wird über das Altkleidersammelsystem recycelt. Um diese Quote zu erhöhen, ist ab 2025 eine getrennte Erfassung vorgeschrieben. Die damit steigende Nachfrage nach entsprechenden Recyclinglösungen bedient Redwave. Das Unternehmen aus Eggersdorf bei Graz hat eine voll automatische, sensorgestützte Lösung entwickelt, um Textilien, basierend auf Materialzusammensetzung, Farbe, Form sowie spezifischen Kleidungstypen – von zarten Seidenblusen bis zu robusten Jeans, aber auch geschredderten Textilien –, präzise und effizient zu sortieren. Es ist aber nicht die einzige innovative Abfalltrenntechnologie des Unternehmens der oststeirischen BT-Systems GmbH. So hat man unter anderem die größte Glasrecyclinganlage Australiens gebaut und nach Melbourne geliefert. Mit der Anlage können 200.000 Tonnen Altglas pro Jahr mittels sensorgestützter Sortiertechnik nach Farbe und Größe getrennt und für die Glasproduktion zurückgewonnen werden. Außerdem hat man ein eigenes System entwickelt, das Münzen aus Schwermetallfraktionen herausfiltern kann. Ein »lukratives« Geschäft: Immerhin befinden sich in der Schlacke aus industrieller Abfallverbrennung durchschnittlich ein bis zwei Prozent Nichteisenmetalle – und davon ein erheblicher Anteil Münzen. In komplexen Sortierprozessen auf Basis von chemischen Analysen, Farberkennungssensoren und künstlicher Intelligenz kann ein Mix aus Nichteisenmetallen ab einer Größe von nur vier Millimetern erkannt und sortiert werden, um daraus reines Kupfer, Messing, Zink oder Edelmetallfraktionen aufzubereiten.
redwave.com

Beigestellt

Die Kraft der Bohne

Steirerkraft, Sankt Ruprecht an der Raab

Kernöl gilt als steirisches Ersatzblut. Zweieinhalb bis drei Kilo an getrockneten, dickbauchigen und dunkelgrünen Kürbiskernen werden für einen Liter Steirisches Kürbiskernöl benötigt. Dass der Weltmarktführer in der Produktion von Kürbiskernöl, Käferbohnen und Kürbiskernen mit Steirerkraft aus der Steiermark kommt, überrascht daher nicht. Das Unternehmen baut seine Spitzenposition jetzt noch weiter aus, indem die Produktionskapazitäten am Standort in St. Ruprecht an der Raab verdoppelt werden. Auf den neuen Flächen wird die Lagerung von bis zu 20.000 Tonnen Rohwaren möglich – das entspricht dem Jahresbedarf für die gesamte Lebensmittelproduktion. Durch die Expansion will man jetzt auch bei bislang meist aus Asien importierten, flachen und hellen Kürbiskernen für Backwaren wie Kürbiskernweckerl oder Kürbiskernbrot Weltmarktführer werden.
steirerkraft.com

© Steirerkraft

Besser hören dank KI

Neuroth International AG, Graz

Es begann mit einem zwanzig Kilo schweren Tisch-Hörapparat. Heute wiegen Hörakustiksysteme wenige Gramm, werden von 3-D-Druckern maßangefertigt, die Technologie unter Lupe oder Mikroskop in die Otoplastiken verbaut und mittels künstlicher Intelligenz gesteuert. Zwischen dem ersten Gerät, mit dem Paula Neuroth ihre eigene Schwerhörigkeit auszugleichen versuchte, und den Hightech-Produkten, die das von ihr 1907 gegründete Unternehmen heute entwickelt, produziert und in acht Ländern vertreibt, liegen beinahe 120 Jahre. Neuroth ist nicht nur Österreichs führendes Hörakustikunternehmen, sondern zählt in Europa zu den führenden Anbietern. Innovation ist dabei zur Konstante der Firmengeschichte geworden. So bietet man in einer eigenen kostenlosen App einen medizinisch-zertifizierten Hörtest an, der erste Hinweise auf eine mögliche Hörminderung liefert. In den Hörgeräten selbst setzt man auf künstliche Intelligenz: Damit können Hörsituationen in Echtzeit analysiert und das Hörsystem automatisch an die entsprechende Situation angepasst werden. Moderne Hörgeräte schaffen bis zu 1,2 Milliarden Rechenoperationen pro Sekunde. »Dabei wird die gesamte Klangumgebung gescannt und die Stimme, der man zuhören möchte, herausgefiltert, unerwünschte Störgeräusche und Hintergrundlärm werden ausgeblendet«, erklärt Lukas Schinko, der das Familienunternehmen in vierter Generation führt. Zu den Geschäftsbereichen der Gruppe, die insgesamt 1300 Mitarbeiter an 280 Standorten beschäftigt, gehören auch Kinderakustik und Medizintechnik. Man bedient einen wachsenden Markt: Laut WHO sollen im Jahr 2050 global bereits rund 2,5 Milliarden Menschen Probleme mit dem Hören haben.
neuroth.com

Beigestellt

Der All-Inclusive-Logistiker

Jerich Transporte, Hofstätten an der Raab

»Wir orchestrieren die gesamte Lieferkette ab dem Zeitpunkt der Bestellung durch den Endkunden, damit sich unsere Klienten auf ihre Produktion konzentrieren können, während wir die Logistik nahtlos koordinieren«, erklärt Herbert Jerich sein »Holistic Logistic«-Modell. Dafür werden klassische Speditionsdienstleistungen mit Terminallogistik sowie Informations- und Kommunikationstechnologie kombiniert und Aufträge über ein Netzwerk aus Logistikzentren, Containerterminals, Depots und optimierte Lkw-Lieferketten in Europa und Nordamerika auf der Straße, der Schiene, auf dem Seeweg und in der Luft ganzheitlich abgewickelt. Nachdem sich dieses Modell als »All-inclusive-Logistiker« vor allem in der Papier- und Zellstoff- sowie in der Automobilindustrie bewährt hat, arbeitet Jerich mittlerweile sowohl in Nordamerika als auch Europa als Partner für Amazon und führt für den Onlineriesen täglich mehrere tausend Bestellungen durch. Insgesamt konnte das Unternehmen zuletzt einen Umsatz von rund 305 Millionen Euro erwirtschaften und betreibt mittlerweile 33 Standorte in 22 Ländern. Mit Mexiko wird gerade ein weiterer Auslandsmarkt erschlossen. Allein in Europa sind rund 600 Lkw für Jerich International unterwegs, etwa hundert davon in Österreich – letztere teilweise CO2-neutral durch Zertifikatskäufe bei einem Nutzhanfanbauprojekt. Der Konzern hat rund 860 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, mehr als 200 davon in der Zentrale in Gleisdorf, in deren Ausbau aktuell 30 Millionen Euro investiert werden.
jerichtrans.com

© Shutterstock

Hustensaft für Pferde

Ewalia, St. Margarethen an der Raab

»Das kann ja nicht so schwer sein«, haben sich Cornelia und Ewald Seidl gedacht, den Rezeptvorrat der Oma um Wissen aus dem Internet und Expertentipps ergänzt und begonnen, einen eigenen Hustensaft zusammenzumischen. Für Pferde! Die Geschäftsidee ging auf. Das Unternehmen Ewalia – zusammengesetzt aus den Vornamen der Gründer – produziert in Sankt Margarethen an der Raab mittlerweile pro Jahr rund 600.000 Liter »Ergänzungsfuttermittel«. Über hundert Produkte für Pferde, Hunde und Menschen finden sich mittlerweile im Sortiment – zusammengemixt aus 200 verschiedenen Kräutern. Neben Kräutersäften zur Stärkung von Stoffwechsel, Immunsystem, Verdauung und Nerven gibt es auch Zusatzfutter in Pulver- und Ölform, Pflegeprodukte vom Juckreiz- übers Hautwohl- bis zum Kräuterhuföl sowie Cremen, Salben und Sprays. Die Rezepte? Streng geheim. Nur so viel: »Es handelt sich um hoch konzentrierte Kräuterauszüge. Alle Produkte werden ohne chemische Konservierungsmittel, Zusatzstoffe und Zucker hergestellt«, so Seidl.
ewalia.com

Beigestellt

Ski nach Mass mit Luftfahrttechnologie

Nagl & Haiden Ski, Hafning  Hilitech, Kindberg

Normalerweise beschäftigt sich Manfred Nagl, Chef der Kindberger Firma Hilitech, mit Carbon- und Composite-Leichtbauteilen für luxuriöse Business-Jets und Jachten. Seit zwei Jahren fließt diese Expertise aber auch in die Produktion maßgefertigter Ski. Der Mürztaler Unternehmer entwickelt zusammen mit Gerhard Haiden, der in Niederösterreich seit 2012 die kleine Skimanufaktur Haidenski betreibt, verschiedene Aufbauten und Oberflächen für Ski, bei denen jedes Paar – je nach Fahrkönnen, Gewicht und Geschmack der Kunden – individuell modifiziert wird. Sie können zwischen den Modellen Pro Carve, Performance, Backcountry und Powder und in limitierten Stückzahlen auch aus Oberflächendesigns von Künstlern auswählen. Verarbeitet werden hochwertigste Materialien wie kurz vor Vollmond geschlägertes, besonders robustes Eschenholz, Carbon, Bambus und Titanal. »Wir haben mit unseren Furnieren und edlen Hölzern eine sehr hoch entwickelte Oberfläche, die nur 0,7 Millimeter dick ist«, erklärt Nagl. Der Belag beschleunigt dank eigens entwickelten Schliffs schneller, die robusten Stahlkanten sind extrabreit und langlebig. Die Konstruktion dieser Unikate zeichnet aber vor allem die Verwendung von Basaltfasern aus. Das Material hat beste Dämpfungseigenschaften, absorbiert Schläge und Vibrationen und bringt somit besonders Skiläufern mit Bandscheiben- oder Rückenproblemen mehr Fahrkomfort. »Zielgruppe sind anspruchsvolle Sportler, die höchste Qualität und präzise handgefertigte Produkte schätzen und sich von der Masse abheben möchten«, erklärt Nagl. Vertrieben werden die Ski nicht im Handel, sondern über die unternehmenseigene Website. Zuletzt wurden pro Jahr etwa hundert maßgefertigte Ski produziert.
haidenski.at, hilitech.at


Nichts mehr verpassen!

Melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an.

Klaus Höfler
Mehr zum Thema
1 / 12