Ein Highball, bitte – und was genau ist das nochmal?
Highballs versprechen einfache, schnelle Erfrischung. Zudem umgibt sie etwas Weltmännisches, ja fast Elitäres. Aber was ist der Unterschied zum Longdrink? Woher kommt der Name? Und warum stehen sie für die Demokratisierung der Bar-Welt?
Manchmal sind es die vermeintlich simplen Dinge, die sich bei genauerem Hinschauen als unerwartet vielschichtig erweisen. So wie der Highball, diese Drink-Kategorie, die, basierend auf den vier Säulen Eis, Spirituose, karbonisierter Filler und eventuell einem abrundenden Additivum wie Likör oder Bitter, nicht sonderlich kompliziert erscheint. Dieses Unterschätzen liegt zweifelsfrei auch an der stilistischen Nähe zu den Longdrinks, die sich in Sachen Zutaten nicht wirklich unterscheiden und für einen legeren, schnellen Genuss stehen. Was also macht einen Highball so besonders?
Um das zu verstehen, hilft ein direkter Vergleich, etwa bei einem Gin & Tonic. Bestellt man diesen als Longdrink, so hat man die Bälle selbst in der Hand: die Wahl des Gins, die Wahl des Tonics, der Garnitur und vor allem das Mischungsverhältnis, da Spirituose und Filler getrennt voneinander serviert werden. Ein Highball hingegen ist ein vom Barkeeper kreiertes Gesamtkunstwerk und wird immer fertig serviert. Es geht um die Einfachheit für den Gast und um das Vertrauen zum Barkeeper. Er ist für die Betonung der diversen Aromen verantwortlich, für das Aussteuern der Feinheiten. Auch ist ein Highball meist etwas kleiner und alkoholhaltiger als ein Longdrink, da oftmals weniger Filler zum Einsatz kommt. Genau gesagt sollte sich das Verhältnis zwischen Spirituose und Filler klassischerweise irgendwo zwischen 1:1 und 1:2 bewegen, damit der Filler nicht zu sehr dominiert. Heute sehen viele Mixologen dies aber nicht mehr ganz so dogmatisch und verschieben die Gewichtung nach Bedarf.
Elitär und mit Geschichte
Wie es sich für jeden guten Drink (oder noch besser, jede gute Kategorie) gehört, braucht es für den Ruf, etwas Besonderes zu sein, einen Schuss Historie. Und auch da können Highballs punkten. Allgemein erzählt man sich in Barkreisen gern die Geschichte, der Name »Highball« gehe auf ein Eisenbahnsignal aus dem 19. Jahrhundert zurück. Ein »Highball« war damals ein Signal, das dem Lokführer freie Fahrt signalisierte, indem ein Signalball nach oben gezogen wurde. Da der Drink, damals meist Scotch oder Brandy mit Soda, belebte und oft schnell getrunken wurde, passte der Name. Eine weitere Theorie geht auf einen Artikel aus dem Jahre 1906 zurück, der zuerst im Kansas City Star erschienen war. Darin heißt es: »Der Drink hat seinen Namen von einem alten Brauch der Getränkemixer. In ihren freien Momenten rollten sie ein Stück Eis zwischen ihren Händen, bis es die Form einer Kugel hatte. Diese Eiskugeln wurden dann aufbewahrt, um sie in ein Glas mit Whiskey, verdünnt mit Wasser oder Ginger Ale, zu geben. Das Getränk wurde als ›High Ball‹ bezeichnet, weil die Eiskugel hoch im Glas schwebte.« Ob das wirklich so stimmt, lässt sich heute nicht mehr mit Gewissheit sagen.
Ein Highball ist ein vom Barkeeper kreiertes Gesamtkunstwerk. Er ist für das Betonen der diversen Aromen zuständig, für das Aussteuern der Feinheiten.
Unabhängig von der Entstehung seines Namens hat es der Highball heute aber zu weltweitem Ruhm gebracht. Von Japan aus hat sich die Vollendung des Whisky Sodas, der »Mizuwari«, auf einen Siegeszug um den Globus gemacht, und in Washington ist eine Highball-Variante zum offiziellen Hauptstadt-Drink mutiert: der »Rickey«. Benannt nach Colonel Joseph K. Rickey, einem um 1883 bekannten Lobbyisten und Besitzer des berüchtigten »Shoomaker’s Saloon« an der Pennsylvania Avenue, in dem sich trotz seines üblen Rufs regelmäßig die Elite der Stadt traf. Er soll es auch gewesen sein, der den ersten »Rickey« kreierte, zubereitet mit Rye Whiskey. Erst etwas später wurde der Rye durch Gin ersetzt und der »Gin Rickey« auf Anordnung des Stadtrats zum offiziellen Cocktail von Washington D. C.
Der Highball als Demokrat
Die vollendete Highball-Kultur verbindet man heute jedoch automatisch mit Japan, wo diese erfrischenden Drinks von zahllosen Bars mit großer Hingabe serviert werden. Ihre Zubereitung kommt einem regelrechten Ritual gleich, und anders als in der westlichen Welt, wo der Filler variabel ist, meint ein Highball hier fast immer einen Whisky mit Soda. Viele Bars lagern ihre Whiskys hierfür sogar im Gefrierschrank, denn die Kälte von eisgekühlter Spirituose auf Soda und Eis unterstreicht die angenehme Frische des Drinks. In Japan bekommt man Highballs nicht nur in High-End-Izakayas, sondern fast an jeder Ecke und sogar in Dosen aus dem Automaten.
Diese urdemokratische Form des Genusses, die quasi jedem offensteht, hat mittlerweile auch in Nachbarländern wie Südkorea eine Veränderung der Trinkkultur bewirkt. Die Soju- und Bierklassiker des koreanischen Barbecues haben spürbar Konkurrenz durch Whisky-Highballs bekommen, vor allem bei Millennials und der Generation Z, die es nach moderatem Alkoholkonsum und erschwinglichem Luxus dürstet. Hinzu kommt geschicktes Marketing: Laut dem Business-Magazin »Global Drinks Intel« haben Werbekampagnen mit lokalen Prominenten wie K-Pop-Star CL sowie die Einführung von mixaffinen Einsteigerwhiskys dazu beigetragen, die Beliebtheit von Whisky-Highballs im Land zu steigern. Von Highballs aus der Dose sind wir bei uns zwar noch ein Stück entfernt, aber der Zauber der Highballs hat auch die europäischen Bars längst erfasst.