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Weinkolumne von Romana Echensperger: Bordeaux kann Gegenwart

Weinkolumne von Romana Echensperger
Bordeaux
Frankreich

Woche für Woche gehen unzählige Weine durch meine Hände – und immer wieder gibt es diese Momente, in denen ich denke: Wow. Genau diese Momente möchte ich mit Ihnen teilen. In meiner ersten Weinkolumne verrate ich, wieso ich ein großer Bordeaux-Fan bin.

Herzlich willkommen zu meiner neuen Weinkolumne.

Ich bin Romana Echensperger, Master of Wine und in der Chefredaktion Wein bei Falstaff.

Diese Kolumne ist kein Frontalunterricht und kein trockenes Weinseminar. Weinwissen funktioniert anders. Es entsteht nicht durch einmaliges Durchlesen, sondern Stein für Stein – wie ein Mosaik. Mit jedem Glas, jeder Rebsorte, jeder Region wird das Bild klarer, größer, spannender. Und genau dieses Bild wollen wir gemeinsam wachsen lassen.

Wir verkosten Weine, vergleichen Stilistiken, stellen zwei Flaschen nebeneinander und arbeiten Unterschiede heraus. Wir sprechen über gelungenes Food Pairing, über Trends, über Irrtümer – und immer wieder über die erstaunlichen, manchmal fast dramatischen Geschichten, die Wein schreibt. Glauben Sie mir: Die Weingeschichte ist alles andere als langweilig.

Kurz gesagt: Es geht um Genuss, Erkenntnis und manchmal auch um ein kleines Aha-Erlebnis im Glas.

Und jetzt sind Sie dran: Welche Fragen brennen Ihnen unter den Nägeln? Worüber wollten Sie schon immer mehr wissen? Schreiben Sie mir – ich freue mich auf Ihre Impulse.


Bordeaux kann Gegenwart

Soll ich Ihnen etwas verraten? Ich bin ein großer Bordeaux-Fan.

Mindestens einmal im Jahr zieht es mich dorthin. Doch weniger die großen, klingenden Namen üben auf mich Anziehung aus. Mich fasziniert die Dynamik in der zweiten und dritten Reihe. Dort wird Bordeaux gerade neu erfunden: weg von Überreife, Marmeladigkeit und Holzorgien – hin zu Frische, Präzision und echter Trinkfreude.

Und wissen Sie, woran man das unter anderem erkennt? An Amphoren. Ja, Sie lesen richtig: Amphoren. Diese großen Tongefäße, die viele reflexartig mit Naturwein-Klischees verbinden. Doch in Bordeaux entstehen darin – richtig eingesetzt – einige der feinsten und präzisesten Weine der Region.

Ein Paradebeispiel ist Château Durfort-Vivens in der Appellation Margaux. Gonzague Lurton hat hier unter anderem den Ausbau konsequent umgestellt. Der speziell gebrannte Ton erlaubt eine kontrollierte Mikrooxidation – ähnlich wie Holz, jedoch ohne dessen Aromatik. Keine Vanille, kein Toast. Stattdessen pure Frucht, Klarheit und eine bemerkenswert seidige Textur. Zudem wird Reife heute anders definiert als früher, und die Trauben werden delikater extrahiert, um Frucht und Frische nicht durch übermäßigen Gerbstoff zu überdecken.

Das passt ohnehin perfekt zu Margaux – jener Appellation am linken Ufer, die neben Pauillac wohl den klingendsten Namen trägt. Die besonders feinen wie tiefgründigen Kiesböden bieten ideale Bedingungen für Cabernet Sauvignon. Hier gilt: Duft vor Wucht. Veilchen, rote Beeren, feine Würze. Eleganz statt Muskelspiel.

Flaschenreife? Kann man auch weglassen.

Ein weiterer, oft unterschätzter Aspekt dieser neuen Bordeaux-Generation: Die Weine sind früher zugänglich, ohne an Tiefgründigkeit zu verlieren. Denn Hand aufs Herz – wer besitzt schon ein Schloss mit perfekt temperiertem Gewölbekeller und das nötige Budget, um Kisten jahrzehntelang einzulagern?

Und dieses ewige »Lassen Sie ihn noch zehn Jahre liegen« gehört für mich zum beliebtesten Bullshit-Bingo der Weinwelt. Oft nichts anderes als ein rhetorischer Rettungsring für Weine, die nicht halten was sie versprechen. Das ist ungefähr so seriös wie der Gebrauchtwagenhändler, der sagt: »Der Motor klingt nur kalt so.« Großer Wein ist immer groß. Er darf sich entwickeln – aber er muss nicht erst genießbar gemacht werden.

Die neue Stilistik zeigt genau das. Die Weine besitzen Rückgrat, Tiefe und Reifepotenzial. Wer junge, saftige Frucht liebt, wird glücklich. Wer gereifte, balsamische Noten bevorzugt, kann gern warten. Der Unterschied ist: Man hat die Wahl.

Bei welchen Jahrgängen macht man nichts falsch?

Bordeaux liegt nahe am Atlantik, das Wetter ist wechselhaft – kaum eine Region ist so stark von Jahrgangsunterschieden geprägt. Doch alle Weinfreunde, die keine Lust auf tiefgründige Jahrgangsanalysen haben, dürfen aufatmen: Greifen Sie zu 2019 oder 2020.

Das waren sehr ausgewogene, reife Jahre, die in großer Breite saftige und balancierte Weine hervorgebracht haben. Sie sind jetzt wunderbar zu trinken, besitzen weiteres Reifepotenzial und sind am Markt gut verfügbar.

Meine Empfehlung heute ist dieser 2019er Château Dufort-Vivens – aber ich kann Sie nur ermuntern, entdecken Sie Bordeaux neu. Selten hat man in dieser Region so gut und zu bestem Preis-Genussverhältnis eingekauft.

Herzliche Grüße

Ihre Romana Echensperger


Romana Echensperger
Romana Echensperger
Wein-Chefredakteurin Deutschland
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