Die Geschichte des Mémoire des Vins Suisses
Vor zwanzig Jahren wurde der Verein Mémoire des Vins Suisses gegründet – eine weltweit einzigartige Struktur, die gleichermassen eine Sammlung reifer Weine enthält, ein Netzwerk von Weinexperten und Winzern ist und ein langfristiges Dokumentationszentrum für die Stilgeschichte des Schweizer Weins seit der Jahrtausendwende sein könnte.
»Wir waren wirklich aufgeregt«, erinnert sich Christian Zündel an das Jahr 2002 zurück und an das erste Treffen von vier Journalisten mit rund 20 Winzern aus allen Landesteilen der Schweiz. Grund der Versammlung war ein ungewöhnlicher Plan: An einem zentralen Ort sollten Jahrgang um Jahrgang jeweils 60 Flaschen der ikonischen Weine der Schweiz eingelagert werden. »Natürlich kannte ich beispielsweise Raoul Cruchon und Raymond Paccot aus dem Kanton Waadt«, erzählt der aus Zürich stammende Tessiner Winzer Zündel. »Aber wir hatten noch nie zusammen an einem Projekt gearbeitet.« Es sei ein spannender Moment gewesen, doch dann hätten sie »einander in die Augen gesehen«, so Zündel, und die Arbeit habe begonnen. Sogar so eifrig, »wir haben nicht mal Wein getrunken«.
Aber wie kam es zu dieser Idee? Alles begann damit, dass der in Hamburg lebende Journalist Christian Wenger von der Schweizer Weinwerbung zu Weihnachten 2000 ein Päckchen Schmelzkäsefondue und eine Flasche Supermarkt-Fendant geschickt bekam. Wenger, ein publizistisches Schwergewicht, aufgewachsen in Arbon am Bodensee, schon während des Studiums verantwortlich für Kultur in Friedrich Dürrenmatts »Sonntags-Journal«, dann Redakteur bei der »Zeit«, Verlagsleiter und Geschäftsführer bei der »Wirtschaftswoche«, beim »Manager Magazin« und beim »Spiegel«, anschliessend CI-Berater mit eigener Agentur, platzte der Kragen über diesen PR-Missgriff – und er organisierte auf eigene Faust in Hamburg eine Verkostung mit den besten Schweizer Weinen.
Bei dieser Verkostung im Mai 2001 wurde unter anderem auch der 1996er Orizzonte von Christian Zündel präsentiert – die letzten Flaschen des Weinguts. »Damals kam mir der Gedanke«, erzählt Zündel, »man müsse solche Weine eigentlich an einem zentralen Ort sammeln, damit man Bestände für solche Präsentationen hat.«
Die nächste Etappe hat mit einer langen Bahnfahrt über die Alpen zu tun. Zündel unterstützte damals den Journalisten Stefan Keller beim Aufbau eines Weinguts im Veltlin. Während einer der gemeinsamen Fahrten auf der Albulastrecke erzählte Zündel Stefan Keller von seiner Idee. »Es stellte sich die Frage, wer die ikonischen Weine für eine solche Sammlung auswählen könnte«, erinnert sich Stefan Keller, »und ich sagte, da kommen nur die drei K in Frage: Andreas Keller, Stefan Keller, Martin Kilchmann.« Auf derselben gemächlichen Bahnfahrt mit ihren vielen Schlaufen und Kehrtunneln entstand auch der Name des Projekts: Mémoire des Vins Suisses.
Zum ersten Arbeitstreffen in Zürich kam es, nachdem die »drei K« und Susanne Scholl als Partnerin von Andreas Keller in einer Serie von Auswahlverkostungen die Weine bestimmt hatten, die würdig waren, eingelagert zu werden. So wurden diese vier Journalisten zu den Gründern des »Mémoire«. Als Lager wurde das Gewölbe einer Zürcher Weinhandlung erkoren, die sich im Besitz von Charles Rolaz des Mémoire-Mitglieds Hammel-Terre des Vins befand. Die anfängliche Form war die eines Clubs, der jedoch zwei Jahre später in einen Verein umgewandelt wurde. Denn es zeigte sich, es würde nicht ohne Geschäftsstelle gehen, und nicht ohne eine strukturiertere und besser finanzierbare Organisationsform.
Gewaltenteilung
Die Funktionen der Geschäftsstelle übernahm nun Andreas Keller mit seinem damaligen Unternehmen Weininformation. Und es kam noch eine weitere Aufgabe hinzu, denn die Entwicklung der Weine müsste ja auch systematisch überprüft und dokumentiert werden. Andreas Keller erkannte darin eine Profilierungschance für den Schweizer Wein als Ganzes: »Wenn sich die Schweiz in der internationalen Weinszene behaupten will, muss sie noble, und das heisst: reifefähige Weine erzeugen. Das Mémoire ermöglichte den Beweis, dass es solche gibt, die einen zehn- oder gar 20-Jahre-Test bestehen.«
Die bei der Gründung angelegte »Gewaltenteilung« zwischen Winzern und Journalisten wurde nun elaborierter: Die Winzer alimentieren den Verein mit ihren Weinen und ihren finanziellen Beiträgen, die Expertenmitglieder, und zu ihnen zählten mit der Zeit neben Journalisten auch Wissenschaftler und Gastronomen, bilden das Scharnier zur öffentlichen Wirkung und leisten den intellektuellen Beitrag der Einordnung und Bewertung. Gleichzeitig wuchs auch die Anzahl der im Mémoire vertretenen Weine und Winzer. Der Plan war, die gesamte Schweiz abzubilden, mit allen regionalen Besonderheiten und Spezialitäten.
Das Mémoire wird bekannt
Als im Jahr 2008 die Schweiz und Österreich gemeinsam die Fussball-Europameisterschaft ausrichteten, brachte das Andreas Keller und Willi Klinger, den damaligen Kopf der österreichischen Weinwerbeorganisation ÖWM, auf die Idee, ein »Weinländerspiel« Österreich-Schweiz auszurichten. »Willi Klinger sagte aber«, erinnert sich Andreas Keller, »wir kommen mit 170 Winzern, da könnt Ihr nicht nur mit 30 dagegenhalten.« Dieses Duell gab den Startschuss zu der später jährlich wiederholten Leistungsschau »Mémoire & Friends«, an der schon bei der ersten Auflage 72 Winzer aus allen Landesteilen der Schweiz teilnahmen – neben den Mémoire-Mitgliedern auch befreundete Betriebe: »Durch die ‹Memoire & Friends›-Veranstaltungen wurde das Mémoire richtig bekannt«, sagt Andreas Keller im Rückblick, »das gab einen gewaltigen Schub im öffentlichen Ansehen, und das Mémoire wurde erst so recht als Elite herausgehoben.«
Das heutige »Swiss Wine Tasting«, das jedes Jahr Ende August in Zürich rund 150 Aussteller und eine vierstellige Zahl an Besuchern anzieht, ist das direkte Nachfolgeformat von »Mémoire & Friends«.
Zukunft
In den letzten 20 Jahren hat sich die Weinwelt gravierend verändert, die alten Fragen aber sind geblieben: Wie kommen Geologie und örtliche Traditionen am prägnantesten in die Flasche? Wo ist der Platz der Schweizer Weine in den Reihen der noblen Klassiker? Und wie gelangt die Botschaft von ihrer Noblesse zu den Kennern im In- und Ausland? All diese Fragen sind so aktuell wie vor 20 Jahren. Auch die Untersuchung der reifen Weine dauert an: Viele von ihnen, das zeigen die regelmässigen »Kontrolldegustationen«, sind auch nach 15 oder 20 Jahren noch lange nicht am Ende ihres Trinkfensters angekommen. Die Arbeit, die 2002 ohne einen einzigen Schluck Wein und voller Anspannung begann, steckt letztlich noch immer in den Kinderschuhen.
Mémoire-Fakten
Produzentenmitglieder: 59
Expertenmitglieder: 32
Ehrenmitglieder: Susanne Scholl, Cécile Schwarzenbach, Reblaube Obermeilen (ZH), Thierry Grosjean, Château d’Auvernier (NE), Andreas Keller, Stefan Keller, Martin Kilchmann, Christian Zündel, -Zündel Azienda Agricola SA, Beride (TI)
Eingelagerte Flaschen: ca. 30.000
Gründungsjahr: 2004
Ältester Jahrgang im Bestand: 1999
Öffentliche Verkostung: einmal jährlich während des »Swiss Wine Tastings« in Zürich, unterjährig bei lokalen Anlässen.
Memorabler Jahrgang 2014: Das »Best of« auf der folgenden Seite ist dem Gründungsjahr von Falstaff Schweiz gewidmet. Die Notizen stammen aus den diesjährigen Tastings zum »Swiss Wine Vintage Award« – einem Concours, der zehn und 20 Jahre alte Weine prämiert. Ausgerichtet wird der Wettbewerb von Andreas Kellers Firma Swiss WIne Connection unter dem Patronat des Mémoire. Die Projektleitung liegt beim angesehenen Önologen Hans Bättig.