Haifischflossensuppe: Wer jagt hier wen?
Haifischflossensuppe gilt in weiten Teilen Asiens als Delikatesse und Potenzmittel – sehr zum Unverständnis des Westens. Was kaum jemand weiß: Fast die Hälfte der Haie für den asiatischen Markt stammt aus Europa – ohne Aussicht auf ein Ende. Verschwindet der Hai, gerät das fragile Gleichgewicht der Meere in Gefahr.
Ich erinnere mich noch genau an den Abend, an dem sich meine Beziehung zum Wasser für immer veränderte. Ich war zehn, im Fernsehen lief »Der weiße Hai«, und irgendwie überzeugte ich meinen Vater, mich mitschauen zu lassen. Obwohl ich mir an den grausamsten Stellen die Augen zuhielt, betrete ich seitdem kein Gewässer mehr mit einem guten Gefühl – nicht einmal ein Hallenbad. Das Meer? Auf keinen Fall. Zu tief sitzt die Angst, von einem Raubfisch an den Beinen gepackt und in Stücke gerissen zu werden.
Völlig schwachsinnig, ich weiß. Denn eigentlich sollten nicht wir Menschen uns vor Haien fürchten, sondern umgekehrt. Das lässt sich leicht mit Zahlen belegen. Zehn Personen fielen im Jahr 2023 einer Haiattacke zum Opfer – tragisch, keine Frage, doch nichts im Vergleich zu den Toten, die scheinbar harmlose Kugelschreiber jedes Jahr fordern: Rund 300 Menschen allein in Deutschland. Die meisten ersticken an verschluckten Einzelteilen.
Für Haie hingegen sind wir Menschen Bedrohung Nummer eins: 100 Millionen von ihnen töten wir jährlich. Sei es für die Verarbeitung zu Kosmetika, als Zusatz in Tiernahrung, oder um sie selbst zu verspeisen. Haifischflossensuppe beispielsweise gilt in China, in Thailand und in vielen anderen Teilen Asiens nach wie vor als Delikatesse. Sie wird bei Hochzeiten oder bei anderen festlichen Anlässen serviert und gilt als Statussymbol.
Hundert Euro pro Schüssel
Geschmacklich bietet die Flosse jedoch wenig Exklusives: Sie besteht größtenteils aus Knorpel und hat kaum Eigengeschmack. Das Aroma der Suppe entsteht fast ausschließlich durch die kräftig gewürzte Brühe. Allerdings werden der Flosse in der traditionellen asiatischen Medizin wundersame Kräfte zugeschrieben. Sie gilt als Appetitanreger, soll Organe stärken und wird sogar als Potenzmittel geschätzt. Belege dafür gibt es nicht, weshalb wir Europäer oft die Nase über die fremde Essgewohnheit rümpfen.
Dummerweise sind wir selbst nicht ganz unbeteiligt: Fast die Hälfte des asiatischen Markts wird von Europa aus beliefert – mit jährlich rund 2300 Tonnen Haiflossen. Mit Ausnahme weniger geschützter Haiarten ist die Jagd auf den Raubfisch in der EU nämlich noch immer erlaubt. Spanien und Portugal verfügen über die weltweit größten Fangflotten für Haie. Ihre Flossen bringen den Fischern durchschnittlich 16 Euro pro Kilo – ein beschämend niedriger Preis für den Tod so vieler intelligenter Tiere.
Die Endverbraucher in Asien jedoch lassen sich ihre Delikatesse ganz schön was kosten. Über 1000 Euro pro Kilo Haifischflossen sind keine Seltenheit, was den Handel äußerst lukrativ macht – und die Haifischflossensuppe zur teuersten der Welt: bis zu 100 Euro pro Schüssel. Kein Wunder also, dass Haifischflossen als »Gold des Meeres« bezeichnet werden. Doch wie so oft gilt: Nicht alles, was glänzt, ist tatsächlich Gold.
Bei lebendigem Leib
Wie man sich denken kann, ist die Jagd auf Haie ein blutiges Geschäft: »Finning« nennt sich die brutale Fangmethode, bei der ihnen bei lebendigem Leib die Flossen abgeschnitten werden, um die Tiere dann zurück ins Meer zu werfen, wo sie über Stunden qualvoll verenden. In Europa ist diese Methode zwar verboten, laut Gesetz muss das gesamte Raubtier verwertet werden, doch auch hier hat der Fang oft wenig mit Tierschutz zu tun. In vielen Fällen werden Haie lebendig ausgeweidet und erleiden dabei grausame Schmerzen. Weltweit ist mittlerweile jede zweite Haiart vom Aussterben bedroht.
Verschwindet der Raubfisch vollständig, droht das fragile Gleichgewicht des Unterwasserökosystems zusammenzubrechen. Welche Schäden wir uns durch die Jagd auf Haie selbst zufügen, lässt sich bislang nur erahnen. Eine Studie aus dem Jahr 2007 zeigte beispielsweise, dass der Rückgang der Weißen Haie im Nordatlantik zu einem massiven Anstieg der Kuhnasenrochen führte – was wiederum die Bestände von Jakobsmuscheln, Austern und Meeresschnecken drastisch reduzierte. Haie übernehmen zudem eine wichtige Rolle als Aasfresser, da sie treibende Kadaver beseitigen und so die Ausbreitung von Krankheitserregern im Meer verhindern.
Mit Österreich tritt nun ausgerechnet ein Land ohne direkten Meerzugang als Schutzpatron der Haie auf. Seit April sind der Import und die Verarbeitung von Hai fischfleisch dort streng verboten. Wer
gegen dieses Gesetz verstößt, muss mit bis zu fünf Jahren Haft rechnen. Haifischflossensuppe wird damit nicht nur zur teuersten, sondern auch zur bestgeschützten Delikatesse – zumindest in Österreich. Ob das wirklich etwas ändert, bleibt allerdings abzuwarten. Vielleicht ist es an der Zeit, meine Angst vor Haien abzulegen – und stattdessen zu erkennen, wovor wir uns wirklich fürchten sollten: vor den Schäden, die wir durch die Jagd auf Haie unserer Umwelt zufügen.
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