Zum Inhalt springen
© Shutterstock (Symbolbild)

«Im Dunkeln zu essen ist ein echtes Erlebnis»

Zürich
Restaurant
Jubiläum
Service

Was für die Gäste der «Blinden Kuh» ein gesuchtes Erlebnis ist, ist für Arso Painda alltägliche Realität. Die 33-Jährige ist sehbehindert und arbeitet als Servicemitarbeiterin in dem Restaurant in Zürich. Auf dem linken Auge sieht sie fast gar nichts mehr, auf dem rechten noch 25 Prozent. Trotz ihrer Einschränkungen sprüht Arso nur so vor Lebensfreude. Anlässlich des 25-Jahre-Jubiläums der «Blinden Kuh» hat Falstaff ein Interview mit der jungen Frau geführt. Darin verrät sie, wie sie sich im Dunkeln zurechtfindet – und ihren Gästen die Angst davor nimmt.

Falstaff: Arso Painda, deine Welt ist dunkler als die der meisten. Wie orientierst du dich im Berufsalltag in dieser Dunkelheit?

Arso Painda: In der «Blinden Kuh» verwenden wir Sehbehinderten keine Hilfsmittel. Es gibt eine Uhr, die spricht, damit wir wissen, wie spät es ist. Wo sich was befindet, habe ich bei meiner Einführung gelernt. Da bin ich anderen Servicemitarbeiter:innen nachgelaufen und habe mir die Stationen eingeprägt. So habe ich mir im Kopf eine Karte konstruiert. Gewisse Sachen sind auch in Brailleschrift angeschrieben, aber die kann ich nicht lesen. 

Was ist die grösste Schwierigkeit bei deiner Arbeit?

Am Anfang war es für mich unvorstellbar, dass ich mir die Bestellung einer grösseren Gruppe merken kann. Wie soll ich das hinkriegen, wenn acht Personen verschiedene Speisen und Getränke bestellen und vielleicht noch Allergien und Unverträglichkeiten angeben? Meine Kolleg:innen sagten zu mir: «Bleib locker, das kommt mit der Zeit.» Heute fällt es mir tatsächlich nicht mehr schwer, mir Bestellungen zu merken, egal von wie vielen Leuten. Unser Gehirn ist wirklich ein unglaublicher Muskel! 

Wie reagieren die meisten Gäste, wenn sie zum ersten Mal in völliger Dunkelheit essen?

Sehr unterschiedlich. Das Servicepersonal gibt den Gästen im Vorverdunkelungsraum Instruktionen. Dort sind die meisten schon überrascht, wie wenig sie sehen können. Sie dürfen sich auch umgehend bei mir melden, falls sie sich nicht mehr wohl fühlen sollten. Ich richte mich sofort nach meinen Gästen. Es ist verständlich, dass man mit einer solch ungewohnten Situation anfangs nicht zurechtkommt. Einige Gäste fühlen sich in der Dunkelheit verloren, andere erdrückt. Ich glaube, die Menschen werden mit ihren Urängsten konfrontiert. Als Kinder hatten wir doch alle Angst vor der Dunkelheit (lacht).

Was war dein lustigstes Erlebnis in der «Blinden Kuh»?

Vor ein paar Wochen habe ich eine ziemlich grosse Gruppe ins Restaurant begleitet, einer der Gäste hat mich offenbar gar nicht gesehen. Beim Rausbringen, als er mich dann gesehen hat, sagte er: «Ach, ich dachte, du wärst blond, weil du Hochdeutsch sprichst». Da musste ich echt lachen. 

Arso Painda ist Servicemitarbeiterin in der «Blinden Kuh». Man sieht der jungen Frau nicht an, dass sie sehbehindert ist.
Foto beigestellt
Arso Painda ist Servicemitarbeiterin in der «Blinden Kuh». Man sieht der jungen Frau nicht an, dass sie sehbehindert ist.

Schön, dass du das so locker nimmst. Was gefällt dir an deiner Arbeit in der «Blinden Kuh» am besten?

Ich muss mich nicht erklären, weil ich unter Gleichgesinnten bin. Ausserdem finde ich das Konzept sehr spannend. Im Dunkeln zu essen, ist ein echtes Erlebnis. Es ist Geniessen auf eine andere Art. Dass ich als Sehbehinderte unsere Gäste durch den Abend führen darf, ist ein Rollentausch, der mir sehr gut gefällt. Die «Blinde Kuh» ist auch ein Ort der Begegnung – und wir alle haben einen Bildungsauftrag. Oft kommen neugierige Fragen oder Bemerkungen von den Gästen und dann ist es unsere Aufgabe, offen darauf zu reagieren. Sehr schön finde ich auch, dass ich vielen Gästen die Angst vor der Dunkelheit nehmen kann. Viele bedanken sich für den Abend, weil sie mit einem mulmigen Gefühl reinkommen und mit einem Lächeln das Restaurant verlassen. Ich sehe meine Arbeit als etwas Spielerisches an, damit wir alle einen ausgelassenen Abend verbringen können.

Welche Rolle spielt das Restaurant für die Inklusion sehbehinderter Menschen in die Arbeitswelt?

Die «Blinde Kuh» ermöglicht es uns, auf dem ersten Arbeitsmarkt zu arbeiten. Das ist ein sehr schönes Gefühl. Dabei geht es nicht ums  Geld, sondern um die Wertschätzung. In der Aussenwelt bin ich als Sehbehinderte benachteiligt, hier hingegen können Menschen ohne Sehbehinderung im Service gar nicht arbeiten. Durch solche Orte, schafft man Möglichkeiten für Menschen, offen miteinander zu kommunizieren und sich zu informieren. Man baut Barrieren ab. 

Gibt es noch etwas, das du den sehenden Menschen da draussen mitteilen möchtest?

Ich freue mich immer, wenn mir Menschen ihre Hilfe anbieten. Viele haben das Gefühl, es sei nervig oder aufdringlich, dabei empfinde ich es als sehr aufmerksam und zuvorkommend. In der «Blinden Kuh» bin ich so intim mit meinen Gästen – das ist die ideale Gelegenheit für einen Austausch. Ich lege allen ans Herz, solche Angebote zu nutzen und bei Interesse nachzufragen! So können wir das Bewusstsein stärken, dass es Menschen wie mich gibt. 

Danke für das spannende Gespräch, Arso Painda.

Über die «Blinde Kuh»

Das Menü im Restaurant «Blinde Kuh» wechselt jeden Monat. Es gibt auch Surprise-Menüs (drei oder vier Gänge). Am besten geben Gäste ihre Allergien und Unverträglichkeiten vor dem Besuch online bei der Reservation an. Bevor die Gäste in die Dunkelheit eintauchen, können sie die übersichtliche Menükarte lesen, die meist aus etwa drei Vorspeisen, zwei Hauptgängen und zwei Desserts besteht und sich bereits überlegen, was sie später im Dunkeln bei Arso und ihren Kolleg:innen bestellen möchten.


NICHTS MEHR VERPASSEN!

Melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an.

Linda Carstensen
Linda Carstensen
Portalmanagerin Schweiz und Autorin
Mehr zum Thema
1 / 12