Ist die Abnehmspritze die nächste Gefahr für die Gastronomie?
In den USA stellen Restaurants ihre Karten um: Mini-Burger, halbe Cocktails – für Gäste, die kaum noch Appetit verspüren. Verantwortlich sind Abnehmspritzen wie Ozempic und Wegovy, die inzwischen auch in Deutschland populärer werden. Droht der Trend auch hierzulande?
New York, Sommer 2025: In der Pub-Restaurant-Kette »Clinton Hall« gibt es seit kurzem das »teeny-weeny mini meal« – ein Burger mit kaum mehr als einem halben Patty, dazu eine Handvoll Pommes und einem Mini-Bier. Kostenpunkt: acht Dollar. Der Grund für das Schrumpfmenü? Immer mehr Gäste bringen kaum Hunger mit, weil sie sich GLP-1-Medikamente wie Ozempic, Wegovy oder Mounjaro spritzen. Ursprünglich gegen Diabetes entwickelt, bremsen sie den Appetit drastisch – und werden in den USA längst millionenfach zur Gewichtsreduktion genutzt.
Laut einem PwC-Bericht von Oktober 2024 nehmen derzeit rund 8 bis 10 Prozent der Amerikaner GLP-1-Mittel, 30 bis 35 Prozent können sich eine Einnahme vorstellen. Kein Wunder bei einer Bevölkerung, von der laut CDC (zentrale Gesundheitsbehörde der USA) 73,6 Prozent übergewichtig oder adipös sind. Und auch daran ist die Gastronomie nicht unbeteiligt, denn in den USA sind Portionen traditionell deutlich größer als in Europa. Was in den USA als »Mini-Meal« gilt, wäre hierzulande oft schon Standardgröße oder sogar eine großzügige Portion.
Nicht nur Taillen schrumpfen
Für die amerikanische Gastronomie hat das deshalb spürbare Folgen, wenn der Appetit abhanden kommt: Eine Morgan-Stanley-Umfrage zeigt, dass 63 Prozent der Ozempic-Nutzer kleinere Portionen bestellen und mehr als die Hälfte seltener essen geht. Fast-Food-Ketten wie Smoothie King bieten inzwischen »GLP-1-Support-Menüs« an, Bars mixen Mini-Cocktails, Fine-Dining-Restaurants bieten ihre Degustationsmenüs, als »Menü für eine Person mit kleinem Appetit« an. Selbst Lebensmittelkonzerne wie Conagra oder General Mills bringen Produkte speziell für diese Zielgruppe auf den Markt. Die US-Gastronomie reagiert damit gezielt auf eine Medikamentenwelle, die nicht nur Taillen, sondern auch Umsatz schrumpfen lässt.
In Deutschland ist davon bisher wenig zu sehen. Hier gelten strengere Regeln, und Medikamente wie Wegovy (seit Juli 2023 zugelassen), Ozempic oder Mounjaro sind verschreibungspflichtig. Und: Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts haben rund 55 Prozent der Erwachsenen einen BMI über 25, knapp ein Fünftel gilt als adipös, deutlich weniger als in den USA. Exakte Nutzungszahlen gibt es zwar nicht, doch der Markt wächst rasant: 2024 setzte die Pharmaindustrie mit »Semaglutid«-Präparaten hierzulande schätzungsweise 740 Millionen US-Dollar um – Tendenz steigend, bis 2035 könnte sich der Umsatz mehr als verdreifachen.
Mehr als Nahrungsaufnahme
Die Auswirkungen auf die deutsche Gastronomie sind bislang kaum messbar. Weder liegen branchenspezifische Daten zu veränderten Bestellmengen vor, noch berichten Restaurants von Gästen, die nur noch Mini-Portionen ordern. Umsatzschwankungen im Gastgewerbe sind weiterhin stärker von Inflation, Personalmangel und der allgemein herrschenden Konsumzurückhaltung geprägt. Die Abnehmspritze spielt da noch keine Rolle.
Zudem tickt die deutsche Gastronomie anders: Hier geht es oft um Erlebnis, Geselligkeit und Genuss – Essen ist nicht nur Nahrungsaufnahme, sondern Inszenierung. Gerade Fine-Dining- und Szenelokale profitieren davon, dass Gäste mehr wollen als nur satt zu werden.
Wird es überhaupt soweit kommen?
Auch die gesellschaftliche Debatte verläuft in Deutschland anders als in den USA. Die Medikamente gelten hier vergleichsweise weniger als modischer Trend, sondern werden in einem eher vorsichtigen, medizinisch begleiteten Rahmen gesehen. Prof. Siegfried Meryn, Facharzt für Innere Medizin an der Neuen Wiener Privatklinik, beschreibt im Falstaff-Interview den Wirkmechanismus der Präparate zwar als »revolutionär« betont aber gleichzeitig, dass sie »nur als Ergänzung zu einem umfassenden Lebensstilwandel« zu verstehen sind.
Nebenwirkungen seien zwar möglich, aber selten und meist mild. Meryn hat das Medikament sogar selbst getestet – mit moderatem Gewichtsverlust, der nach dem Absetzen wieder teilweise zurückkam. Die Diskussion um die Abnehmspritze in Deutschland ist daher auch eine Frage von Nutzen und Risiken, von Gesundheitsaufklärung und gesellschaftlicher Verantwortung – weit entfernt von einer reinen Lifestyle-Welle, wie sie in den USA zu beobachten ist.
Die Frage bleibt dennoch spannend: Wie lange dauert es, bis auch die deutsche Gastronomie auf den wachsenden Kreis von Abnehmspritzen-Nutzern reagieren muss? Oder wird es überhaupt soweit kommen?