Mexiko ist der weltgrößte Coca Cola-Konsument. Der Einfluss der Getränkeindustrie reicht dort tief hinein in die Politik.

Mexiko ist der weltgrößte Coca Cola-Konsument.  Der Einfluss der Getränkeindustrie reicht dort tief hinein in die Politik.
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Land der Verführten: Was Coca-Cola mit der Fettleibigkeit in Mexiko zu tun hat

Ein Viertel der mexikanischen Bevölkerung ist zu dick. Wird es Mexiko gelingen, sich aus der Abhängigkeit von Zucker und Fett zu befreien?

Mexiko hat eine Obsession für Fast- und Junk-Food, die Straßen des Landes sind mit Burger-, Pizza- und Taco-Buden geradezu übersäht. Sie haben die traditionelle – zwar hochkalorische, aber nicht ungesunde –, auf Mais, Bohnen und Chili basierende, Küche peu à peu aus dem Alltag verdrängt. Mit Ausnahme der USA hat kein anderes Land der Welt ein derart engmaschiges Netz an Fastfoodketten. Das Bild von Eltern, die ihre Babys mit Schnullerflaschen voll Fanta stillen, verdeutlicht am besten den Ernst der Lage – und es ist in Mexiko längst keine Seltenheit mehr.

Zwei Liter Softdrinks konsumiert im Schnitt jeder Bewohner Mexikos täglich, ein bestürzender Weltrekord. Und Experten rechnen damit, dass die dortige Erfrischungsgetränke-Industrie ihren Umsatz in den nächsten Jahren sogar noch steigern wird: Von aktuell etwa 18,3 Milliarden auf 21,06 Milliarden Euro im Jahr 2027.


Epidemischer Zustand

Natürlich fordert dieser achtlose Umgang mit Kalorien seinen Tribut: In keinem anderen Land der Welt ist die Zahl der Übergewichtigen und Fettleibigen in den vergangenen zwei Jahrzehnten so stark in die Höhe geschossen. 75 Prozent der 126 Millionen Einwohner Mexikos leiden an Übergewicht, lediglich die USA haben eine höhere Ziffer zu beklagen. In Österreich liegt die Betroffenenzahl im Vergleich dazu lediglich bei »mageren« 34,5 Prozent. Noch stärker ist Fettleibigkeit in Mexiko unter Minderjährigen verbreitet. Jedes dritte Kind hat deutlich zu viel auf den Rippen und muss Typ-2-Diabetes befürchten – eigentlich eine Alterserkrankung.

Überhaupt ist Diabetes die Todesursache Nummer 1 in dem lateinamerikanischen Land. Von 2011 bis 2021 hat sich die Zahl der Patienten verdoppelt. Experten sagen für Mexiko bereits eine Abnahme der durchschnittlichen Lebenserwartung voraus.

Bei den Indigenen ist Cola ein wahres Kultobjekt, das sogar bei religiösen Ritualen als Opfergabe verwendet wird.
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Bei den Indigenen ist Cola ein wahres Kultobjekt, das sogar bei religiösen Ritualen als Opfergabe verwendet wird.

Große Amerikanisierung

Doch warum hat sich ausgerechnet das Land der Azteken in diese desaströse Lage manövriert? Versucht man dieser Frage auf den Grund zu gehen, findet man als Erklärung eine Erscheinung, die ihrerseits als unersättlich beschrieben wird – und die, das will erwähnt sein, dem einstmals armen, strukturschwachen Mexiko auch viel Gutes brachte: der Kapitalismus. Im Jahr 1994 schlossen sich die USA, Mexiko und Kanada im Zuge des NAFTA-Abkommens zu einer gemeinsamen Freihandelszone zusammen, mit jeweils offenen Märkten für die anderen, was vor allen Dingen die Industrie in dem Niedriglohn-Land Mexiko florieren ließ. Milliardeninvestitionen flossen. Automobilkonzerne wie Toyota, General Motors, Volkswagen und Audi eröffneten Werke in Mexiko. Auch Tesla wird im Land eine Gigafabrik errichten.

Zugleich – und das ist die andere Seite der Medaille – nutzten US-amerikanische Lebensmittelkonzerne den Wegfall der Importzölle, um den neu geöffneten Markt zu erobern. Zug um Zug übernahmen Supermarktketten die alten, traditionellen Lebensmittelläden und dezimierten das Angebot an frischem Obst und Gemüse zugunsten von industrialisierten Nahrungsmitteln voll Salz, Zucker, Fett und künstlichen Inhaltsstoffen. Der Konsum von unverarbeiteten Lebensmitteln hat sich im Verlauf der letzten zwanzig Jahre um ein Drittel reduziert, der von Bohnen gar um die Hälfte. Parallel dazu hat sich die Anschauung von Softdrinks, Junkfood und Co. als Symbole des Aufstiegs, in den Köpfen der Mexikaner festgesetzt. Die Amerikanisierung der Ernährung ist so tief in die Gesellschaft vorgedrungen, dass selbst Maya-Schamanen Cola als Heilmittel einsetzten. Über Jahrzehnte hat der Softdrink-Konzern sie und den Rest der indigenen Bevölkerung gezielt mit spirituell konnotierter Werbung beeinflusst.

Und dann gibt es noch das Wasserproblem: In San Cristóbal de las Casas etwa, einer Stadt im Süden Mexikos, sind Softdrinks leichter zu finden, als sauberes Wasser aus dem Hahn. Mehr als eine Million Liter Grundwasser darf Coca-Cola in der 215.000-Einwohner-Stadt mit Erlaubnis vom Staat täglich zapfen. Und das ist längst nur ein Beispiel von vielen.

Was also tun? Für die Bevölkerung sei es alles andere als leicht, sich aus ihrer Abhängigkeit zu lösen, erklärt der Mediziner Siegfried Meryn. »Wenn ein Körper vom Kindheits-Stadium an auf Zucker und Fett konditioniert wird, lässt er sich nur mit großer Mühe umkrempeln, und die Verführungen der Nahrungsmittelindustrie werden immer raffinierter.« Der Körper entwickle eine regelrechte Sucht nach Zucker, Weißmehl und anderen leicht verfügbaren Kohlehydraten. Je mehr man davon isst, desto mehr verlange der Organismus danach. »Ein Teufelskreis, aus dem wir nur schwer entkommen können. Und selbst wenn es uns gelingt, bleibt die Sucht wie eine fest installierte Software in unserem Hirn gespeichert«, warnt der Gesundheitsexperte.

Hilflos im Kampf

In Mexiko wird derzeit viel unternommen, um es erst gar nicht so weit kommen zu lassen: An öffentlichen Plätzen werden Trinkwasserspender aufgestellt, Fitnessprogramme an Bushaltestellen sollen die Wartenden zu spontanen Sporteinheiten animieren, Warnetiketten auf Lebensmittelverpackungen die Bevölkerung aufklären. Doch all diese Maßnahmen erzielen noch nicht die gewünschte Wirkung – wohl, weil sie vor allem aus der Zivilbevölkerung kommen, und die ist in Mexiko mit vergleichsweise wenig Einfluss ausgestattet.

Der Staat reagiert bislang nur verhalten. Und dafür gibt es einen Grund. In Mexiko ist die Beziehung zwischen Regierung und der Lebensmittel- und Getränkeindustrie traditionsgemäß so eng, dass Führungskräfte regelmäßig zwischen staatlichen und unternehmerischen Posten hin- und herwechseln. Der Weg zurück zur gesunden Ernährung, er ist noch ein weiter in Mexiko.


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Erschienen in
Falstaff Nr. 09/2023

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Sebastian Späth
Sebastian Späth
Chefredakteur Gourmet Deutschland
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