New Orleans: Ein Paradies für Jazzliebhaber und Fusionsküchen-Foodies
New Orleans ist keine Stadt, die man einfach besucht – man fühlt sie. Zwischen Jazz, Voodoo, kreolischer Küche und Kolonialarchitektur entfaltet sich ein Lebensgefühl, das in den USA einzigartig ist.
Die schönste Liebeserklärung an New Orleans stammt von Louis Armstrong: »Jedes Mal, wenn ich meine Augen schließe und in meine Trompete blase, schaue ich direkt ins Herz des guten alten New Orleans. Es hat mir etwas gegeben, wofür es sich zu leben lohnt.« Der weltberühmte Jazzmusiker und seine Heimatstadt – der eine ist ohne die andere nicht zu denken. Armstrong schenkte New Orleans seine Stimme, New Orleans gab ihm den Rhythmus seines Lebens. Der Flughafen trägt diese enge Verbindung im Namen: Louis Armstrong New Orleans International Airport. Wer hier ankommt, spürt es sofort: diesen eigenen Klang, diese Wärme, dieses sinnliche Versprechen, das in der Luft liegt. Live-Jazz im Terminal, der erste Akkord noch vor dem Gepäckband; der Duft frisch gebackener Beignets vom »Café du Monde«: Willkommen in New Orleans – wo alles Musik ist.
Die Altstadt – das sogenannte French Quarter – mit ihrer pittoresken kolonialen Architektur ist die Herzkammer der Stadt und ein Anziehungspunkt für Hunderttausende Besucher jedes Jahr. Zwischen historischen Fassaden und geheimnisvollen Innenhöfen verschmelzen französische Eleganz, spanisches Temperament und karibische Lebenslust zu einer einzigartigen kulturellen Melange.
Anders als viele amerikanische Großstädte hat New Orleans seine historische Bausubstanz nicht abgerissen, sondern bewahrt. Weit über die Hälfte des Stadtgebiets steht heute unter Denkmalschutz. Auf den Gusseisenbalkonen im French Quarter wuchern Farne in den Himmel. Früher dienten sie als Rückzugsorte bei Überschwemmungen – wenn der Regen kam und die Straßen knöcheltief unter Wasser standen, verlagerte sich das Leben einfach eine Etage höher. »In New Orleans brauchst du drei Dinge«, sagen die Einheimischen: »Gute Schuhe, einen Regenschirm – und Geduld.«
Kultur für alle Sinne
New Orleans’ Museumslandschaft ist so vielfältig wie die Stadt selbst. Da ist etwa das National WWII Museum, eines der meistbesuchten Museen der Vereinigten Staaten. Besonders eindrücklich ist hier der nachgebende Boden in der Asien-Sektion, der das Gefühl vermittelt, mitten im Dschungel zu stehen. Kunstliebhaber kommen im New Orleans Museum of Art (Noma) auf ihre Kosten – wer tiefer in die lokale Kultur eintauchen möchte, dem seien das Backstreet Cultural Museum und das Historic Voodoo Museum ans Herz gelegt.
New Orleans gilt als Zentrum des Voodoo-Kults: Handleserei, Kartenlegen und schützende Talismane – wohl an keinem anderen Ort der Vereinigten Staaten ist die Dichte solcher »Dienstleistungen« so hoch wie im French Quarter der Hauptstadt von Louisiana. Mit dem Sklavenhandel gelangten diese okkulten Praktiken aus Westafrika in den Süden der USA.
Und dann ist da natürlich das New Orleans Jazz Museum – nirgendwo sonst lässt sich die Seele dieser Musikrichtung so unmittelbar erleben. »In Storyville, dem Teil von New Orleans, in dem ich aufgewachsen bin, gab es Musikbars an jeder Straßenecke. Meistens gab es da einen Klavierspieler, manchmal Bands. Um Leute anzulocken, spielten die Musiker auch draußen vor dem Laden. Wir Kinder standen dann auf der anderen Straßenseite, hörten zu und tanzten. Ich war immer besonders begeistert, wenn ich Joe Oliver zuhören konnte – wenn er bei einem der Straßenumzüge spielte, lief ich ständig neben ihm her, um keinen Ton zu verpassen.« So erinnert sich Louis Armstrong in seinen Memoiren an jenen Ort, den viele als die Geburtsstätte des Jazz bezeichnen: Storyville, das ehemalige Rotlichtviertel der Stadt.
Es wurde 1897 von Stadtrat Sydney Story als offizieller – und damit legaler – Bordellbezirk eingerichtet, um die Prostitution in der Hafenstadt zu regulieren. Der Bezirk umfasste 38 Häuserblocks, in denen es nicht nur um körperliche Vergnügungen ging: In den Freudenhäusern sorgten Hauspianisten, die sogenannten Bordellprofessoren, für musikalische Unterhaltung. Hier konnten sie ausprobieren, was anderswo undenkbar gewesen wäre. Das Publikum war offen und großzügig wie nirgendwo sonst – und genau dieses Umfeld wurde zur treibenden Kraft eines neuen musikalischen Stils: des Jazz. Am 12. November 1917 wurde Storyville geschlossen. Zwar war das Viertel eine bedeutende Einnahmequelle für die Stadt, doch die Kriminalität war vielen ein Dorn im Auge. Nachdem bei Schießereien vier Soldaten ums Leben gekommen waren, verfügten Verteidigungs- und Marineministerium – gegen den Willen des Bürgermeisters –, dass es im Umkreis von fünf Meilen um Marinestützpunkte keine Bordelle mehr geben dürfe. Der Jazz aber blieb. Mehr noch: Er eroberte die Welt.
Stimmen der Gegenwart
Kevin Blanq, in New Orleans geboren, ist Trompeter, Bandleader und Musikpädagoge und verkörpert wie kaum ein anderer die enge Verbindung zwischen Musik und Stadt. Schon seine Eltern waren Musiker, und wie er tief verwurzelt in der Klanglandschaft der Südstaaten. Früh begegnete Blanq seinem großen Vorbild, dem 2020 verstorbenen Jazzpianisten Ellis Marsalis, einem der einflussreichsten Köpfe der New Orleans School of Music, Vater des international bekannten Trompeters Wynton Marsalis.»Er hat uns gelehrt, wie Jazz wirklich klingen muss; nicht durch ellenlange Vorträge, sondern indem er einfach mit uns drauflosspielte«, erinnert sich Blanq an die Lehrstunden mit Marsalis. So positiv das Image, das New Orleans heute als Wiege des Jazz genießt, ist – die Geschichte dieser Musik ist auch eine Geschichte von Ausgrenzung und Ungleichheit. Blanq spricht offen über die Schatten der Vergangenheit: »Ellis und mein Vater konnten in den 1960er-Jahren nicht gemeinsam in einer Band spielen, wegen der damals geltenden Rassentrennung. Im ›Playboy Club‹ wurden weiße und schwarze Musiker sogar auf verschiedenen Etagen untergebracht. Es war eine geteilte Bühne, im wahrsten Sinne des Wortes.«
Mit dem Aufkommen der US-Bürgerrechtsbewegung wurde Jazz plötzlich politisch: Viele Musiker, die sich zuvor als unpolitisch verstanden hatten, prägten mit ihren Songs den Widerstand – sie gaben dem Protest Rhythmus, Seele und Ansteckungskraft.
New Orleans ist aber nicht nur ein Paradies für Musikfans, sondern auch für Feinschmecker. Ob Gumbo (ein würziger Eintopf aus Fleisch oder Meeresfrüchten, Gemüse und dunkler Mehlschwitze), die pikante Reispfanne Jambalaya oder der legendäre Po’ Boy: In dieser Stadt ist Essen Kultur, Geschichte und Identität zugleich.
Der Po’ Boy, traditionell serviert in knusprigem Baguette und gefüllt mit frittierten Shrimps, Austern oder Roastbeef, wird »dressed« – also liebevoll belegt mit Salat, Tomaten, Mayonnaise und Gurken. Und natürlich: Beignets! Die frittierten quadratischen Teigteile mit einer Wolke aus Puderzucker sind Kult; besonders im berühmten »Café du Monde«. Ein gut gemeinter Tipp: Tragen Sie besser nichts Schwarzes – der Puderzucker macht keine Gefangenen.
»Hier gab es Fusionsküche, bevor der Begriff überhaupt existierte«, sagt Köchin Amy Cyrex Sins von der Kochschule Langlois. Und tatsächlich: Die kreolische Küche, stark beeinflusst von der französischen, hat sich über Jahrhunderte hinweg stetig weiterentwickelt – durch spanische Kolonialherren, afrikanische Sklaven, deutsche Einwanderer, italienische Händler und karibische Nachbarn. All diese Einflüsse vermischten sich, verschmolzen mit lokalen Zutaten und Gewohnheiten – und wurden zur Grundlage einer der vielfältigsten Regionalküchen der Vereinigten Staaten.
Der Fluss, der alles verbindet
Die Lebensader von New Orleans war und ist der Mississippi – wirtschaftlich, historisch, kulturell. Wer die Uferpromenade entlangschlendert, hört das dumpfe Stampfen der Schaufelraddampfer – ihr tiefes Brummen, das rhythmische Rattern der Räder, es klingt wie ein Echo vergangener Zeiten. Dazwischen kreuzen Frachtschiffe: weniger romantisch, aber umso bedeutender für den Handel der Region. New Orleans war schon immer ein Tor zur Welt; ein Umschlagplatz für Waren, Menschen und Ideen.
Bis heute gehört der Hafen zu den wichtigsten logistischen Verteilerzentren der USA – besonders für landwirtschaftliche Exporte. Neben Weizen werden hier vor allem Kakao, Kaffee, Sojabohnen und Mais verschifft. Und auch kulinarisch schlägt der Puls des Hafens bis direkt in die Küchen der Stadt: Meeresfrüchte aus dem Golf von Mexiko – Garnelen, Austern, Krabben – landen fangfrisch von hier aus auf den Tellern. Die Warteschlange vor dem legendären »Acme Oyster House« spricht Bände. Wer am Nachmittag kommt, muss kürzer warten – aber es lohnt sich immer.
Nicht zuletzt gehört auch der Tod zum Stadtleben: Die historischen Friedhöfe mit ihren kunstvoll gestalteten überirdischen Gräbern zählen zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Und oft wird der letzte Weg nicht in Stille begangen, sondern mit Musik: Blaskapellen treten auf, erst langsam, getragen, klagend. Doch sobald der Verstorbene beigesetzt ist, ändert sich die Stimmung: Es wird getanzt, gelacht, gefeiert – New Orleans verabschiedet sich nicht in Schweigen, sondern im Rhythmus des Lebens.