Rum mit Seltenheitswert: Das war die Weltpremiere des »Chancellor«
Kanzler-Bonus aus Venezuela: »Diplomático« feierte die Geburt eines besonderen Tropfens, der erstmalig französische Eichenfässer nutzt. Zudem machen alte Pot-Still-Destillate ein Sammlerstück aus, dem man sogar eine eigene Komposition widmete.
Pot Still, Batch Kettle und Column Still – die drei Brennverfahren prägen den nuancierten Geschmack eines der beliebtesten Rums: »Diplomático« dosiert vor allem den Einsatz der kräftigen Pot-Still-Destillate. Doch gerade sie – für Rummeister Nelson Hernandez »das Herz unseres Rums« – prägen eine rare Neuheit der Brennerei. Dafür verwandelte sich die »Banking Hall« im Londoner Finanzdistrikt für einen Abend in einen Außenposten der venezolanischen Kultur. Mit leisem Maraca-Klang wurde sogar der Wind in den Zuckerrohrfeldern in die noble Location gebracht. Mit diesem ätherischen Sound begann die Uraufführung von »The Chancellor’s Treasured Notes«, mit der Clara Rodríguez und ihr Ensemble auch den Nationaltanz Joropo zitierten.
Der Soundtrack zur Rarität
Das vier Minuten dauernde Musikstück sollte aber auch die komplexen und teils gegensätzlichen Geschmacksnoten des neuen Ultra-Premium-Rums »Chancellor« widerspiegeln. 900 Flaschen gibt es davon weltweit, drei davon wurden z. B. für Österreich (à 1.900 Euro) vorgesehen, rund 100 für die USA, die Heimat von Markeneigentümer Brown-Forman. Entstanden ist die Idee bereits vor einigen Jahren, noch bevor die Amerikaner bei der weltbekannten Marke eingestiegen sind, wie sich Hernandez im Falstaff-Gespräch erinnerte. »Er ist ein Schatz, ein Meisterwerk, einfach etwas ganz Besonderes«, so der 70-Jährige.
Denn erstmals hat man zwei ungebrauchte Fass-Typen (»Virgin Oak«) zur Reifung eingesetzt. US-Weißeiche traf auf einen gänzlich neuen Fass-Typ für »Diplomático«, nämlich französische Eiche, die ebenfalls noch keine andere Vorbelegung erfahren hatte. »Sie fungiert wie ein Gewürz«, merkte man Señor Hernandez die Begeisterung über die »Virgin French Oak« an. Als dritter Fass-Typ wurden klassischerweise mit Bourbon vorbelegte Fässer verwendet.
Schokolade und Handlettering
Die einzelnen Geschmacksnoten der Fassreifung der alten Rums wurden in der »Banking Hall« stilecht wie Museumsexponate vorgestellt: Tabak, Vanille oder auch Zimt. Dazu gab es handgeschriebene Notizen des fiktiven »Kanzlers« als Hinweis auf das Handwerk hinter dem Rum, der in 25 Ländern für Sammler mit tiefen Taschen erhältlich sein wird.
Der Launch in London zeigte aber auch die anderen Qualitäten des Hauses – von Cocktails mit der »Reserva Exclusiva« bis zur Masterclass mit Schokolade und dem »Ambassador«. Höhepunkt allerdings war die Verkostung einer der 900 Flaschen durch die geladenen Gäste. Und die Erwartung an den »Kanzler« unter den Rums wurde nicht enttäuscht, wie die exklusiven Tasting Notes zeigen.
»Diplomático Chancellor«, 47 Prozent vol., Venezuela
Der extrem vielschichtige Rum beginnt mit Haselnuss und Tabak, beide leicht röstig im Duft. Orangenschale sorgt für dezente Frucht, Mandelcreme für leichte Süße, mit Luft gesellen sich Eichenholz-Würze, Vanilleschoten und eine an »Dulce de Leche« erinnernde Milch-Kaffee-Note hinzu. Das Mundgefühl ist reich und recht viskos, auffällig ist auch die lebhafte Gewürzwelt des »Chancellor« – fast tanzend kommen Cassia-Zimt und etwas Ingwerraspel auf den Gaumen. Auch Macis ist dabei. Pflaumen und etwas Steinobst vermeint man dann im Mittelteil zu schmecken. Der Nachklang setzt mit einem an Myrrhe und Tabakblätter (wie in einer Trockenscheune!) erinnernden Akkord ein. Herb und würzig ist auch das Rückaroma, das die schokoladige Bittersüße mit einem Hauch Lorbeerblatt beschließt. Fazit: Ein »sipping rum« von Rang, der minütlich neue Facetten entdecken lässt und seine ganz eigene Dramaturgie vorgibt!
Vor allem der relativ hohe Alkohol von 47 Prozent vol. trägt die Aromen der Rum-Rarität gut. Die ebenso reichhaltige wie trockene Art am Gaumen wird unterstützt, zumal der »Chancellor« nie eckig oder spritig wird. »Erstaunlich angenehm, oder?«, wird Nelson Hernandez dann später nach dem persönlichen Eindruck von der Stärke fragen. Dabei ging es aber nicht um den »Espresso Martini«, natürlich mit »Diplomático« gemixt, in der »Artesian«-Bar, sondern immer noch um den »Chancellor«. Denn ein Rum wie dieser klingt nicht nur lang am Gaumen nach, sondern auch im Gespräch.