Staffelübergabe im Bürgerspital
Mit einer Party und einer großen Verkostung verabschiedet das Würzburger Bürgerspital seinen Weingutsdirektor Robert Haller in den Ruhestand. Hallers Nachfolger wird ab September der langjährige Mitarbeiter und bisherige Leiter Weinbau und Oenologie, Karl Brand.
»Ich bin etwas aufgeregt«, bekannte Robert Haller am Beginn seiner Begrüßungsworte. Auch nach einer 40-jährigen Karriere als Kellermeister, Önologe und Weingutsverwalter gibt es immer noch Momente, die in ihrer Qualität und Stimmung völlig neu und einzigartig sind, auch bewegend. In diesem Fall standen rund 80 geladene Gäste vor Haller, zahlreiche Weggefährten aus dem VDP Franken ebenso wie Prominenz des Bundes-VDP in Person von Geschäftsführerin Theresa Olkus und Präsident Steffen Christmann. Auch ein Dutzend Journalisten waren gekommen, Daniel Deckers von der FAZ etwa und Robert Parker-Mitarbeiter Stephan Reinhardt, dann der Önologieprofessor Ulrich Fischer aus der Pfalz, Hermann Mengler, früher Weinberater im Bezirk Unterfranken, die Sommelière und Gastronomin Christina Fischer aus Köln, der Gastronom und Viehzüchter Franz Keller, und ebenso Hallers Kolleginnen und Kollegen aus dem Bürgerspital, angeführt von der Leitenden Stiftungsdirektorin Annette Noffz.
Haller, der von Falstaff Deutschland im vergangenen November im »Grandhotel Schloss Bensberg« mit der Trophy für sein Lebenswerk geehrt worden war, ließ in seiner Rede die nahezu 18 Jahre Revue passieren, die er dem Weingut Bürgerspital vorstand. Der absolute Höhepunkt, so Haller, sei die Raritätenprobe zum 700. Jubiläum der Stiftung gewesen, als im Jahr 2016 neben Hugh Johnson, Serena Sutcliffe und Markus Del Monego ein gutes Dutzend weiterer Weinfachleute Bürgerspital-Weine aus einem ganzen Jahrhundert verkosten konnten: Die Probe von 17 Weinen, die Haller gemeinsam mit Hermann Mengler im Lauf mehrerer Selektionsproben ausgewählt hatte, zeigte unter anderem, mit welch großer stilistischer Kontinuität das Bürgerspital schon immer gearbeitet hat, mit einem klaren Fokus auf den authentischen Ausdruck der exzellenten Weinbergslagen, die die Stiftung ihr Eigen nennt. Unvergessen aus dieser Probe etwa der 1904er Mischsatz vom Würzburger Schalksberg, einem der oberen Gewanne des Stein, der auch nach über 100 Jahren noch deutliche Muschelkalk-Rauchigkeit ins Glas brachte und einen Gaumen von lebendiger Kernigkeit zeigte.
Die Fortsetzung des auf Mineralik und puristische Finesse zielenden Bürgerspital-Stils in Hallers Ära konnten die nun bei der Verabschiedung im Weinhaus des Bürgerspitals anwesenden Gäste bei einer Verkostung nachvollziehen, in der Jahrgänge von 2007 bis 2020 auf Tischen aufgestellt wurden. Dabei war faszinierend zu sehen, dass Jahrgänge wie 2007 und 2012 noch das Beste eines vor-global-warming-Weinbaus zeigten: mit einem gewissen Streben nach Fülle – nach einer Fülle indes, die indes immer in bestem Gleichgewicht zu Säure und Frische steht. Ab 2016 werden die Weine dann zusehends straffer und präziser, auch nochmals dichter. Die meisten dieser Weine sind derzeit noch weit davon entfernt, voll ausgreift zu sein.
Dass das Bürgerspital ein Hort des Denkens in langen Zeiträumen, der Kontinuität und der ruhigen Hand ist, belegt nun auch die Nachfolgeregelung: Karl Brand, der ab diesem Herbst die Verantwortung tragen wird, hat bereits über ein Jahrzehnt im Bürgerspital und an der Seite Hallers gearbeitet. Dass er nahtlos dort anknüpfen wird, wo Haller aufgehört hat, daran kann kein Zweifel bestehen.
Ein Dutzend Weine aus der Verkostung