Südafrika: Grapes of Good Hope
Der südafrikanische Wein hat eine beachtliche Bedeutung auf dem internationalen Markt erreicht und besticht durch seine aromatische Tiefe.
Wer die Weinregionen Südafrikas jetzt besucht, spürt eine ungeheure Aufbruchstimmung. Regionale und internationale Investoren haben das große Potenzial erkannt. Jahr für Jahr entstehen neue Projekte, die alle Möglichkeiten ausloten, die die unterschiedlichen Appellationen bieten. Die Stimmung ähnelt sehr stark jener enthusiastischen Zeit Anfang der 90er-Jahre in Kalifornien – Stellenbosch hat den Sound, den damals das Napa Valley vermittelte.
Eine junge Generation für die Zukunft: Alex Starey von Newcomer Keermont im Blaauwklippen Valley / Foto: beigestelltJung und innovativ
Die Zahl der Boutique Wineries wächst, ihr Angebot geht meist über die reine Produktion von hochklassigen Weinen hinaus: attraktive Hotels, innovative Restaurants, Kochschulen, bestens organisierte Weinstraßen. Überall trifft man auf die Weine einer jungen, innovativen Generation von Winzern, die sowohl bei den Weißweinen als auch bei den Roten zum Sprung in das Spitzenfeld ansetzen und dabei dank eines exzellenten Preis-Leistungs-Verhältnisses nur wärmstens zu empfehlen sind. Die Investitionen steigen, immer öfter setzen auch branchenfremde Südafrikaner auf Wein, Landwirte stellen auf Traubenproduktion um, ausländische Interessenten stehen Schlange, wenn gutes Weinland zum Verkauf steht. Sie kommen aus Frankreich, England, Deutschland, der Schweiz oder den USA.
La Motte Estate liegt mitten im Franschhoektal. Winzer Jacques Borman setzt vorwiegend auf französische Stilistik / Foto: beigestellt
La Motte Estate liegt mitten im Franschhoektal. Winzer Jacques Borman setzt vorwiegend auf französische Stilistik / Foto: beigestellt
Facettenreiches Repertoire
Die Sortenvielfalt Südafrikas spiegelt die sehr unterschiedlichen Weinbaubedingungen wider. Bei den Rotweinen dominiert klar der Cabernet Sauvignon, der reinsortig angeboten wird, aber auch oft als Partner für Cuvées dient. Es folgt der Syrah, der so gut wie immer im Holz ausgebaut wird, stilistisch aber die Bandbreite vom nördlichen Rhônetal bis Australien abdeckt. Die typische Rotweinsorte des Landes ist der Pinotage, der um 1920 aus Pinot Noir und Cinsault (Hermitage) gekreuzt wurde und unverwechselbare fruchtig-erdige Weine entstehen lässt. Der Pinot Noir selbst, der in den kühleren Regionen des Südens ausgezeichnete Weine bringt, liegt bei etwa einem Prozent der Anbaufläche, Tendenz leicht steigend.
In den heißen Regionen wie Swartland setzte man ursprünglich auf Ruby Cabernet (eine amerikanische Kreuzung aus Cabernet und Cinsault) sowie auf Sorten aus dem portugiesischen Dourotal. Die junge Generation der Winzer orientiert sich heute eher an Südfrankreich und produziert Grenache, Mourvèdre und Carignan.
Kevin Arnold von Waterford zählt zu den Topwinzern aus der Kultregion Stellenbosch / Foto: beigestelltDie mit Abstand am meisten verbreitete Weißweinsorte ist der Chenin Blanc, lokal auch als Stehen bezeichnet. In Südafrika wächst davon sogar mehr als an den Ufern des Loiretals in Frankreich. Neben dem eher uninteressanten Colombard spielt Chardonnay eine wichtige Rolle, der wie überall in großer qualitativer Bandbreite auftritt. Südafrika erzeugt heute sehr ambitionierte Vertreter zu höchst attraktiven Preisen. Waren früher auch Gewürztraminer und verschiedene Muskatspielarten populär, so ist heute der Sauvignon Blanc die Trendsorte schlechthin. In kleinen Mengen werden spannende Weine aus Semillon, Viognier und sogar Rheinriesling erzeugt. Diese Änderungen gehen nicht nur auf die neuen Trinkgewohnheiten zurück, sie resultieren auch aus der besseren Anpassung an geologische Bedingungen. Waren früher fast nur die klassischen Regionen Stellenbosch, Paarl, Franschhoek und Constantia gefragt, so suchen die jungen Winzer von heute gezielt nach dem besten Terroir für spezielle Rebsorten. Da nun nicht mehr die Erntemenge, sondern die Qualität im Vordergrund der über 500 Privatweingüter steht, gewinnen noch wenig bekannte Gegenden wie Elgin, Elim oder Robertson an Bedeutung. Auch weiter die Hänge hinauf dehnt sich der Weinbau in kühlere Lagen aus, die zu eleganteren und finessenreicheren Produkten führen. Auffallend ist auch eine Veränderung in der Bewirtschaftung. Das Umweltbewusstsein ist in Südafrika stark ausgeprägt, viele Betriebe haben auf biologische oder biodynamische Landwirtschaft umgestellt, Energieeffizienz und ökologischer Fußabdruck in der Weinwirtschaft gewinnen zunehmend an Beachtung.
Bessere Rahmenbedingungen
Etwa 275.000 Menschen leben in Südafrika direkt oder indirekt vom Wein. Soziale Ungerechtigkeiten nehmen ab, die Rahmenbedingungen für die Landarbeiter wurden massiv verbessert. Bis vor wenigen Jahren waren die Gutsbesitzer ausschließlich Weiße, heute gibt es dank »Black Economic Empowerment« bereits eine Handvoll Betriebe mit farbigen Eigentümern. Dazu kommen Sozial- und Ausbildungsprogramme, ein eigenes Siegel garantiert die Einhaltung von entsprechenden Arbeitsbedingungen und sozialethischen Standards. Fairtrade spielt ebenfalls eine Rolle, im deutschsprachigen Raum werden aktuell etwa 50 verschiedene fair gehandelte Weine aus Südafrika angeboten.
Das Beste aus Alter und Neuer Welt
Stilistisch sind die Südafrikaner auf dem besten Weg, eine eigenständige, wiedererkennbare Sprache zu entwickeln. Man versucht bewusst, die Vorteile aus Alter und Neuer Welt zu verbinden. Frische und Eleganz, kombiniert mit ausgereifter Frucht, die durch die vielen Sonnenstunden garantiert ist, ergeben bereits heute sehr ausbalancierte Weine, die auch dann noch völlig harmonisch wirken, wenn sie einen etwas höheren Alkoholgehalt aufweisen. Wobei auch in Good old Europe die durchschnittliche Alkoholausbeute wegen der Klimaerwärmung in den letzten Jahren nach oben schnellte. Ein von Merlot bestimmter Bordeaux aus Saint-Émilion oder Pomerol ist ebenso ein Brocken wie der Masseto aus der Toskana. Es macht also wenig Sinn, bei den überseeischen Weinen immer mit erhobenem Zeigefinger über den Alkoholwert zu reden.
Der Vorteil des meist gut ausgereiften Traubenmaterials in Südafrika ist das runde, gut integrierte Tannin, ein gutes Management des Einsatzes von neuem Holz, das hier selten in den Vordergrund rückt, und die Möglichkeit, die Weine auch jung bereits gut antrinken zu können.
Autochthone Gewächse
Eine Besonderheit der Südafrikaner ist ihre aromatische Tiefe, bei der die Biodiversität des Landes eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt. Die typische Vegetation der Kapregion ist der Fynbos, er beeindruckt mit seiner unglaublichen Artenvielfalt. Der Großteil der Weingärten ist direkt in diese Flora integriert, die Winzer entfernen alle nicht heimischen Pflanzen und ersetzen sie durch
autochthone Gewächse. So gewinnen die Weine ihre spezielle Aromatik nicht nur aus Terroir und Kleinklima, sondern sie nehmen auch etwas vom »Geschmack« ihrer Umgebung an. So wie die Würze der Maccia der Toskana im Brunello oder ein typischer Garrique-Touch in den südfranzösischen Weinen zu schmecken ist. Seit 2010 tragen südafrikanische Weine, die eine geprüfte nachhaltige Produktion im Einklang mit der Natur garantieren, ein grünes »Integrity & Sustainability Certified«-Label.
»Waterkloof Restaurant«: feinste Küche, genialer Blick auf die False Bay / Foto: beigestelltTop-Destination
Die landschaftliche Schönheit der Kapregion, tolle Weine, attraktive Weingüter, regional geprägte Kulinarik und eine Gastfreundschaft, wie man sie sich nur wünschen kann – was will man mehr? Dazu kommt ein Preis-Leistungs-Verhältnis, von dem man in Ländern mit vergleichbarem Qualitätsangebot nur träumen kann.
Information: www.wein-suedafrika.de
> Zu den Verkostungsnotizen
Text: Peter Moser
Aus Falstaff Deutschland 02/13