«Je mehr von einem Wein produziert wird, desto mehr verliert er seine Seele»
Mit Weinen wie dem L’Ermita hat Álvaro Palacios den internationalen Aufstieg des Priorats und ganz Spaniens als Fine-Wine-Nation entscheidend geprägt. Gemeinsam mit Ricardo Pérez Palacios wurde er kürzlich von Baur au Lac Vins zum «Winemaker of the Year 2026/2027» erkoren. Im Falstaff-Talk spricht er über die Magie im Wein, das Potenzial von Garnacha, und welche Region er heute wählen würde.
Falstaff: Spanien gilt heute als eine der spannendsten Fine-Wine-Destinationen der Welt. Warum wurde das Land international so lange unterschätzt?
Alvaro Palacios: Spanien war immer ein grosses Weinland. Wir gehören zur alten Weinwelt, mit einer jahrhundertealten Weinbaukultur. Das Problem war niemals die Qualität der Weinberge, sondern die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Bürgerkrieg, politische Isolation und Industrialisierung haben das Bewusstsein für Herkunft geschwächt. Viele Regionen verloren ihre Identität, viele alte Weinberge gerieten in Vergessenheit. Gleichzeitig entstand die Vorstellung, Spanien müsse Weine nach französischem Vorbild erzeugen. Während meiner Ausbildung in Bordeaux Mitte der 1980er-Jahre, als ich unter anderem bei Château Pétrus arbeitete, wurde mir klar: Grosse Weine entstehen zuallererst im Weinberg. Genau dieses Bewusstsein fehlte damals in Spanien. Erst als man wieder begann, alte Weinberge, autochthone Sorten und historische Terroirs ernst zu nehmen, änderte sich die internationale Wahrnehmung spanischer Weine.
Sie sprechen oft von «Magie» im Wein. Was meinen Sie damit?
Grosse Weine entstehen nicht nur technisch. In manchen Weinbergen kann man förmlich die Energie und die Persönlichkeit eines Ortes spüren. Wein ist kein Industrieprodukt. Man kann Millionen perfekte Schrauben herstellen, aber Wein funktioniert anders. Je mehr von einem Wein produziert wird, desto mehr verliert er seine Seele.
Sie nennen Garnacha immer wieder eine Rebsorte der Zukunft. Könnte sie langfristig wichtiger werden als Tempranillo?
In Rioja Oriental beispielsweise war Garnacha historisch gesehen die prägende Rebsorte, weil sie besser an das warme Klima der Region angepasst war. In den 1990er-Jahren verlangte der Markt jedoch nach kraftvolleren, farbintensiveren Weinen. Deshalb wurde dort zunehmend Tempranillo gepflanzt. Früher gab es in Rioja Oriental rund 23.000 Hektar Garnacha, heute sind es nur noch etwa 4.000. Inzwischen beginnt man wieder zu verstehen, warum Garnacha dort über Generationen hinweg dominierte: Sie bewahrt selbst unter warmen Bedingungen Frische und Säure und ist damit für die Herausforderungen des Klimawandels aussergewöhnlich gut geeignet. Man darf Rebsorten nicht modischen Trends unterwerfen. Entscheidend ist zu verstehen, warum frühere Generationen bestimmte Sorten in bestimmten Landstrichen kultiviert haben.
Wie verändert der Klimawandel Ihre Arbeit?
Wir investieren seit einigen Jahren sehr viel in dieses Thema. Unser Ziel ist vor allem, die Trauben besser vor extremer Sonneneinstrahlung zu schützen. Dafür verändern wir die Erziehungssysteme und schaffen mehr Schatten, wie in einem Wald. In Rioja Oriental pflanzen wir mittlerweile auf 700 Metern Höhe und gleichzeitig beschäftigen wir uns intensiv mit spätreifenden Sorten wie Bobal, Moristel oder Tinta Velasco. Viele sagen, die etablierten Rebsorten würden sich schon anpassen, aber so einfach ist das nicht.
Inzwischen arbeitet auch ihre Tochter Lola bei den Familienprojekten mit. Wie verändert die nächste Generation den Blick auf Wein?
Lola glaubt an unsere Idee. Sie hat in Bordeaux und Dijon studiert und unter anderem bei Romanée-Conti, Pingus und in Napa gearbeitet. Sie besitzt grosses sensorisches Talent und ein grosses Gespür für den Weinberg. Unabhängig von meiner Tochter, stelle ich aber fest, dass immer weniger junge Winzer Ambitionen im Fine-Wine-Bereich haben. Ihnen fehlt die Leidenschaft dafür. Sie wollen durchaus die Besten sein, aber nicht in der absoluten Top-Liga.
Wenn Sie heute nochmals von vorne anfangen müssten, in welche Region würde es Sie ziehen?
Ich würde natürlich das Herausfordernste wählen. Vielleicht die Sierra de Francia in Salamanca. Eine sehr abgelegene, fast unzugängliche Gegend. Rufete ist die Rebsorte dort. Eine Region mit unglaublichem Potenzial.