Comeback der alten Reben
Autochthone Sorten wie Completer oder Räuschling verschwanden einst in der Schweiz, weil sie als unrentabel und ungeniessbar galten. Obwohl ihr Anbau nicht weniger anspruchsvoll geworden ist, erleben sie seit geraumer Zeit hierzulande eine Renaissance – als flüssiger Gegenentwurf zur globalisierten Weinwelt.
Nicht rentabel. So lautete vor gut 70 Jahren das Fazit von Christian Obrecht III zur Rebsorte Completer. Nicht sehr fruchtbar sei sie, empfindlich in der Blüte und ohne besondere kellertechnische Massnahmen erst nach drei bis vier Jahren im Fass abfüllreif, heisst es in den Aufzeichnungen des Bündner Winzers, dessen Nachfahre mit gleichem Namen und Beruf heute überaus erfolgreich ist. Genügend Gründe für Obrecht, die Rebsorte im eigenen Betrieb zu eliminieren. 1956 wurden die Completer-Reben gerodet, zu einer Zeit, als die Rebsorte, die in der Region Malans erstmals 1321 schriftlich erwähnt wurde, bereits fast ausgestorben war. Sie war aus der Zeit gefallen, vor allem wegen ihrer markanten Säure, die vielen Schweizern noch heute, unabhängig von Rebsorten, nicht geheuer ist.
Das Schicksal, das die Sorte Completer damals traf, ist bei Weitem kein Einzelfall – sondern nur die Spitze des Eisbergs. Beginnend mit der Reblauskatastrophe, welche die Schweiz 1874 erreichte, veränderte sich die Reblandschaft drastisch. Bis 1932 wurde die Schweizer Rebfläche auf 12.457 Hektaren mehr als halbiert. Beim Wiederaufbau der Rebflächen erhielten häufig ertragreichere, widerstandsfähigere internationale Rebsorten den Vorzug. Wirtschaftliche Zwänge in der Nachkriegszeit und Konkurrenz durch Weine aus dem Ausland verstärkten diesen Trend. Durch die fortschreitende Globalisierung entwickelte sich zudem der Geschmack der Konsumenten weg von regionaltypischen, häufig als altmodische Kuriositäten angesehenen Sorten hin zu internationalen Blockbustern wie Sauvignon Blanc oder Cabernet Sauvignon.
Einzigartig und authentisch
Erst in den 2000er-Jahren formierte sich eine Gegenbewegung und autochthone Rebsorten erlebten eine Renaissance. Begünstigt wurde diese Wiederentdeckung durch mehrere Faktoren: Zum einen wuchs bei den vom Einheitsbrei müden Konsumenten das Interesse an Regionalität und Authentizität, was den autochthonen Sorten in die Karten spielte. Zum anderen wuchs die Bedeutung von Nachhaltigkeit und Biodiversität, und da diese Sorten häufig widerstandsfähiger sind, waren sie plötzlich gefragt. Die Suche nach Authentizität war auch bei den Obrechts der entscheidende Grund, um nach Jahrzehnten des Experimentierens mit Pinot Gris, Gewürztraminer und Merlot dem Completer wieder eine Chance zu geben. «Die anderen Sorten konnten unsere Erwartungen an Terroir-Typizität nicht erfüllen. So sind wir beim Completer gelandet.
Die Renaissance autochthoner Rebsorten zeigt eindrücklich, wie ökonomische, klimatische und kulturelle Faktoren miteinander verwoben sind.
Familie Donatsch in Malans hat uns Rebholz für eine Selection Massale zur Verfügung gestellt und so konnten wir 2011 die erste Fläche von 20 Aren pflanzen», berichtet Francisca Obrecht. Weil die Sorte so unberechenbar ist, was den Ertrag angeht, bauen die Obrechts ihren Completer seit 2018 in einer Solera aus. Beim Solera-Verfahren, das traditionell bei der Sherryproduktion eingesetzt wird, werden Holzfässer übereinander gestapelt, wobei der älteste Jahrgang stets die Basis bildet. Nach und nach wird mit jüngeren Jahrgängen aufgefüllt, wodurch ein homogenes Endprodukt entsteht.
Die Obrechts verwenden bei ihrer Solera Tonkugeln statt Holzfässern. «Wegen der grossen Ertragsschwankungen sind auch die Weine je nach Jahrgang diametral verschieden. Mit dem Solera-Prinzip können wir durch die Jahrgangstiefe sowohl bei Qualität und Quantität einen Ausgleich schaffen», erläutert Francisca Obrecht. Ein erfolgreiches Konzept, wie die Ergebnisse der Falstaff Trophy Autochthone Spezialitäten zeigen, in welcher der Wein, der sensorisch durchaus an die bei der Sherryproduktion verwendete Sorte Palomino erinnert, 96 Punkte und den Gesamtsieg errang. Vereinzelt ist die Sorte Completer übrigens auch im Kanton Wallis und im Kanton Zürich zu finden.
Berauschender Räuschling
In Zürich ist der Completer auch als Zürirebe bekannt und wird heute nur noch vom Weingut Schwarzenbach in Meilen kultiviert. Dem Weingut, das sich um die Rettung einer anderen wichtigen autochthonen Schweizer Spezialität verdient gemacht hat: dem Räuschling. Die seltene Sorte, die ursprünglich aus dem deutschen Rheintal stammt, hat nur in der Schweiz überlebt und war einstmals gemeinsam mit dem Elbling die wichtigste Sorte am Zürichsee. Wie so viele andere autochthone Sorten geriet sie eine Zeit lang unter die Räder der Effizienzsteigerung, erlebt aber seit gut zehn Jahren eine intensive Renaissance.
Kein Wunder, denn die Weine erfüllen viele Attribute, die heute an Weine gestellt werden. Insbesondere die Leichtigkeit und Frische, welche die Sorte an den Tag legen kann, ist hierbei hervorzuheben. Beim Weingut Schipf, das den bestbewerteten Räuschling der Falstaff Trophy Autochthone Spezialitäten stellt, verfolgt man genau diesen Weg. Der Wein hat elf Volumenprozent und glänzt durch besagte Attribute, ohne Substanz vermissen zu lassen. Ein durch und durch authentischer Wein. «Als praktisch autochthone Rebe des Anbaugebiets AOC Zürichsee ist die Sorte Räuschling eine Besonderheit in der Weinwelt, welche wir als grossen Schatz für kommende Generationen weiter pflegen werden», erklärt Claudia von Meyenburg vom Weingut Schipf.
Walliser Schätze
Im Wallis erkannte man die Bedeutung der autochthonen Sorten oder Spezialitäten, wie sie hier gerne genannt werden, bereits in den 1990ern auf breiter Basis. Hier existieren unter anderem Sorten, von denen viele möglicherweise noch nie gehört haben, die aber genau deshalb umso spannender sind. Himbertscha etwa, eine weisse Sorte, die vom Rebenretter Josy Chanton vom Weingut Chanton aus Visp erhalten wurde. Oder der Eyholzer Rote, der nur in einem einzigen Rebberg in Eyholz kultiviert wird und in seiner Filigranität an Jurasorten wie Poulsard erinnert – ebenfalls ein Chanton-Vermächtnis. Underdogs im Gegensatz zu Arvine (Petite Arvine) und Cornalin, den bekanntesten autochthonen Walliser Sorten.
Angelo Gaja etwa war von den salzig-mineralisch anmutenden Weinen der Sorte Arvine derart angetan, dass er sie selbst im Piemont angepflanzt hat – ohne damit Erfolg zu haben. Cornalin wiederum stammt aus dem Aostatal und ist im Wallis auch unter dem irrtümlichen Namen Humagne Rouge bekannt. Trotzdem gilt sie als autochthon, da sie sich seit Jahrhunderten im Wallis etabliert hat. Weine wie der Cornalin L’Enfer du Calcaire von Histoire d’Enfer aus dem Jahr 2015 verdeutlichen eindrücklich, welch grosses Potenzial in der Sorte steckt. Bei der Falstaff Autochthon Trophy belegte der Wein den dritten Platz. «Im Gegensatz zum Pinot Noir, der mit den Jahren an Geschmeidigkeit gewinnt, entwickelt der Cornalin mit der Reife eine lebendige Spannung und eine anhaltende Frische, die bereits bei der Lese gezähmt werden muss», berichtet Patrick Regamey von Histoire d’Enfer.
Auch diese Sorte ist im Anbau anspruchsvoll und verlangt nach der vollen Aufmerksamkeit des Winzers. Cornalin ist anfällig für Frost und schwankt von Jahr zu Jahr deutlich im Ertrag. Die Renaissance autochthoner Rebsorten in der Schweiz zeigt eindrücklich, wie ökonomische, klimatische und kulturelle Faktoren miteinander verwoben sind. Was heute als Standard gilt, könnte morgen schon zur bedrohten Rarität werden. «Wenn ich mir die Klimaentwicklung ansehe, könnte Pinot Noir für Rotwein in Zukunft ähnlich rar werden wie Completer», sagt Francisca Obrecht nachdenklich. Eine Aussage, die aufhorchen lässt, bedenkt man, dass Pinot Noir heute die dominierende Rotweinsorte der Schweiz ist. Doch der Klimawandel könnte die Karten neu mischen.