Foodstylistin Hannah Kleeberg: »Essen wird viel zu Ernst genommen«
Vergessen Sie alles, was Sie über steife Dinnerabende wissen – Hosting-Expertin Hannah Kleeberg bringt Leichtigkeit zurück an den Tisch. Ein Gespräch über die Kunst des Gastgebens auf Augenhöhe und über Mut und die Lust, mit Essen zu spielen.
Ein scharfes Messer gleitet über Butter. Besser gesagt: über eine Skulptur aus Butter in Form eines Pokals, der auf einem Silbertablett serviert wird. Wohl für den Sieger des Krocket-Spiels, das auf dem beeindruckend grünen Rasen aufgebaut wurde. Allerdings bestehen die kleinen Tore, die in der Regel aus U-förmig gebogenen Drahtbügeln gefertigt werden, aus einem geflochtenen Gebäckkranz. Der Ball sieht aus wie eine Tomate.
Was nach einer Mischung aus Alice im Wunderland und dem Schlaraffenland klingt, ist in Wahrheit die Welt von Hannah Kleeberg. Sie ist Foodstylistin, erzählt anhand von Essen Geschichten und hat der hohen Kunst des Gastgebens ein ganzes Buch gewidmet: »Herrlich Hosting«. Im Interview mit Falstaff spricht Hannah Kleeberg über Sexismus in der Gastronomie, die Kraft weiblicher Netzwerke, welche Gastgeberregel überbewertet ist und warum sie auf »Fun Dining« statt »Fine Dining« setzt.
Falstaff: Frau Kleeberg, Sie haben Ihr Studium in Politikwissenschaften abgebrochen und stattdessen begonnen in der Gastronomie zu arbeiten. Der Anfang von etwas Großem?
Hannah Kleeberg: Erstmal war das eine ziemliche Krise. Ich war jung, orientierungslos und hatte meine politische Leidenschaft verloren. Als ich anfing, in der Gastronomie zu arbeiten, entdeckte ich Freude an etwas, das mich früher in meiner Jugend immer begleitet hat, nämlich das Kochen. Zuerst fing ich an nur für Freunde zu kochen, dann für private Veranstaltungen wie Geburtstage. Die Bilder dieser kleinen Events postete ich auf Instagram und nur zwei Wochen später fragte mich ein Investor aus London für ein Kundendinner an.
Haben Sie die Anfrage angenommen?
Rückblickend weiß ich nicht, woher ich den Mut genommen habe, aber ich habe es einfach gemacht. Seitdem hat sich das Portfolio von »Herrlich Dining« weiterentwickelt und erstreckt sich über Foodstyling, Kunst mit Essen und Storytelling. Vor allem aber möchte ich Lebensfreude mit Essen transportieren.
Doch das Skurrilste an meinem Job sind tatsächlich die Orte, an denen ich koche
»Mit Essen spielt man nicht« ist ein Satz, der einem schon als Kind beigebracht wird – doch Sie haben ihn zu Ihrem Beruf gemacht.
Ich kann den Satz nicht leiden. Essen wird viel zu ernst genommen. Dabei ist es etwas unglaublich Spielerisches. Wenn ich sage, dass ich mit Essen spiele, meine ich das allerdings nicht im verschwenderischen Sinne. Ich inszeniere es und bringe somit eine kindliche Leichtigkeit zurück an den Tisch. Diese Unbeschwertheit geht uns viel zu stark verloren. Ich bin dafür da, dass Leute wieder Kinder werden, wenn es um das Thema Essen geht.
Was war das Verrückteste, das Sie je mit Essen kreiert haben?
Jedes Mal, wenn ich eine Skulptur aus Butter baue, gibt es einen Moment, an dem ich denke: Was mache ich hier eigentlich? Es schleicht sich dieses leicht zynische Gefühl der Studienabbrecherin ein, die genau das macht, wovor Eltern wahrscheinlich am meisten Angst haben. Doch das Skurrilste an meinem Job sind tatsächlich die Orte, an denen ich koche. Ich habe bereits auf der Treppe der Alten Nationalgalerie, in einem Gewächshaus, in der Umkleide eines Modeladens und in einem Fußballstadion gekocht.
Letztendlich sind Sie keine ausgebildete Köchin, keine Restaurantfachfrau, keine Eventmanagerin – und trotzdem nehmen Sie all diese Rollen ein. Was ist die Geheimzutat Ihres Erfolgs?
Ganz klar mein Netzwerk. Damit meine ich nicht irgendwelche Menschen, die in Führungspositionen arbeiten, sondern Leute, die anpacken können. Menschen, die wissen, wie man Tische aufbaut, eine Bar organisiert oder ein Set aufzieht. Ich würde niemandem empfehlen, ohne solche Kontakte loszulegen. Für mich ist entscheidend, dass ich immer weiß, wen ich anrufen kann, wenn ich nicht weiterkomme. Oft sind das Frauen.
Sie arbeiten bewusst hauptsächlich mit Frauen. Warum?
Weil ich schnell gemerkt habe, dass meine sexistischen Erfahrungen keine Einzelfälle sind. Sie ziehen sich durch viele berufliche Begegnungen mit Männern – mal subtiler, mal offensichtlicher. Ich habe das Privileg, mir meine Zusammenarbeit aussuchen zu können. Ich will mit Menschen arbeiten, die mich respektieren und mit denen es mir Freude macht. Oft sind das Frauen, weil wir ähnliche Erfahrungen teilen und diesen Safe Space füreinander schaffen.
Essen sollte kein elitärer Club sein.
Gab es bestimmte negative Erlebnisse in Ihrer Karriere, die Sie nachhaltig geprägt haben?
Unzählige. Ich habe schon mit 16 Jahren in der Gastronomie angefangen und war oft damit konfrontiert, dass mein Aussehen kommentiert oder instrumentalisiert wurde. Ich musste Sätze hören von »Zieh dich anders an, um männliche Gäste anzusprechen« bis hin zu »Kannst du dich weniger weiblich anziehen, damit du weibliche Begleitungen von männlichen Gästen nicht verschreckst«. Das sind keine Einzelfälle, sondern strukturelle Probleme. Heute finde ich eins besonders spannend: Männer behandeln mich oft anders, sobald sie wissen, dass ich die Chefin bin. Aber ich merke mir, wie sie mich behandelt haben, bevor sie mich gegoogelt haben. Denn genau das zeigt ihren Charakter.
Auf Ihrem Instagram-Profil haben Sie das Wort »Fine Dining« zu »Fun Dining« umetikettiert. Was stört Sie genau an der klassischen Fine-Dining-Welt?
Die Menschen dort sind großartig, professionell und unglaublich begabt – daran liegt es nicht. Aber die Außenwirkung ist oft sehr exklusiv. Sobald etwas verknappt wird, wird es zu etwas Elitärem. Ich frage mich, ob wir weiterhin in der Vermarktung von Essen und kulinarischen Brands auf etwas setzen wollen, das so wirkt, als wäre es nur für bestimmte Menschen zugänglich. Essen sollte kein elitärer Club sein. Mein Ansatz ist ein Anderer: Eine Marke und Räume schaffen, die dazu einladen, sich wohlzufühlen.
Herrlich Hosting
Ein Konzept-Kochbuch, das Rezepte und Essays über das entspannte Gastgeben mit fertigen Menüs und Einkaufslisten kombiniert. Die enthaltenen Zeitpläne sind ebenso simpel beschrieben, damit der Erfolg beim Hosting garantiert ist. Der Fokus liegt nämlich klar auf dem Wohlbefinden des Gastgebers. Das Ziel der Autorin: »Gastgeben sollte dem Gastgeber gut tun, nicht nur den Gästen.«
Herrlich Hosting: Anyone, Anywhere und Anytime
Verlag: gestalten 2026
Preis: € 45,-
www.herrlichdining.de
Durch das Einladen von Freunden kann man genau diese Räume schaffen. Welche Hosting-Tipps sind für Sie essenziell?
Meine wichtigste Regel ist, am Vortag einkaufen zu gehen. Am Abend zuvor schreibe ich außerdem meine To-do-Liste, meine Prep-Liste, Gedanken, mögliche Risiken und kleine Engpässe auf und ich plane feste Zeitfenster zum Fertigmachen oder zum Tischdecken ein. Außerdem hilft es mir, Rezepte zu wählen, die mich nicht an die Küche fesseln. Eintöpfe oder Aufläufe kümmern sich quasi um sich selbst, während ich mir Zeit für die Gäste nehmen kann.
Welche Gastgeberregel finden Sie überbewertet?
Dass der Gast König ist, halte ich für überholt. Diese Regel hat etwas Unterwürfiges und das lehne ich ab. Ich glaube an Begegnungen auf Augenhöhe. Alle dürfen kommen und gehen, wie sie sind.
Ihre Inszenierungen sind oft opulent. Was halten Sie von Minimalismus beim Hosting?
Ich glaube, das ist eine Geschmacksache. Ich persönlich liebe das Übertriebene, das Sinnliche und das Offensichtliche. »Herrlich Hosting« transportiert für mich Sehnsucht und Melancholie, fast schon etwas Romantisches. Als Rheinländerin trage ich mein Herz auf der Zunge – und das spiegelt sich auf dem Tisch wider.
Apropos übertrieben! Wie sieht Ihr persönliches Schlaraffenland aus?
Sprudelnde Getränke, eine Menge verschiedener, kleiner Snacks und viele Freunde. Zwanzig Grad warm, alle sitzen gemütlich draußen. Das ist mein perfektes Lebensszenario.