Pink: Wie die süsseste Farbe der Welt an die Macht kam
Pink galt lange als eine Farbe, die niemand ernst nahm. Marilyn Monroe trug sie trotzdem. Später spielte Hollywood mit dem Klischee und vor drei Jahren hat Greta Gerwigs Barbie bewiesen, dass Pink keine Angst vor Bedeutung hat
»Red is dead, blue is through, green's obscene, brown's taboo«, trällert Kay Thompson gleich in der Eröffnungsszene der romantischen Komödie »Funny Face«. Hollywood wusste schon 1957, wie man Trends setzt – beziehungsweise wie man sie ironisch zuspitzt. In dem Song »Think Pink« erklärt die gnadenlose Chefredakteurin des fiktiven Modemagazins »Quality« Pink per Dekret zur neuen »In«-Farbe. Sie ruft ganz New York dazu auf, von nun an »Pink zu denken«. Kleider, Tapeten, Telefone, Zahnpasta; ganze Lebenswelten färben sich plötzlich rosarot. Eine Frau, ein Befehl.
Was vor fast 70 Jahren als satirischer Kommentar zur Macht der Mode und Schnelllebigkeit von Trends gedacht war, wirkt rückblickend erstaunlich prophetisch. Nicht für die Frau in einer Machtposition, aber für die Farbe Pink. Denn heute ist Pink eine äußerst präsente Farbe, in der Mode, auf Plakaten und in Gläsern. »Think Pink« ist – unabhängig vom gleichnamigen Song – zu einem universellen Claim geworden.
Dabei war Pink lange ein Missverständnis. Die Farbe wurde früher nicht als Ausdruck verstanden, sondern als Zuschreibung. Wer Pink trug, war zu süß, zu verspielt – zu weiblich. Sie stand für Rollenbilder, für brave Töchter und für ordentliche Kinderzimmer. Wer ernst genommen werden wollte, griff zu Schwarz, zu Grau, zu gedeckten Tönen, aber sicher nicht zu Pink. So blieb Pink eine Randerscheinung. Die Farbe war sichtbar, wurde aber selten respektiert.
Pink wird erwachsen
Parallel zu »Funny Face« liebten die 1950er-Jahre Pink als Luxus-Geste. Marilyn Monroe trug ein ikonisches rosa Seidenkleid in »Gentlemen Prefer Blondes« (1953) und Jayne Mansfield inszenierte sich konsequent in knallrosa Bühnenoutfits und Pelzen. Beide US-Schauspielerinnen verkörperten die Fantasiefigur Hollywoods: blond, glamourös und makellos inszeniert. Pink bedeutete Weiblichkeit im Hochglanzformat. Wer Pink trug, war verführerisch. Gleichzeitig wirkte die Farbe normierend, denn sie schrieb ein Rollenbild zu. Eine Rolle, die sich anpassen musste, begehrt sein und gefallen wollte.
Mit Pink Panther schlich sich 1963 eine neue Figur ins kollektive Bildgedächtnis. Der pinke Panther machte die Farbe charmanter und cooler. Diese Facette gewann jedoch erst in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren an Bedeutung. Pink wurde plötzlich ironisch aufgeladen. Filme wie »Clueless« oder »Legally Blonde« spielten mit dem Girly-Klischee und drehten es ins Gegenteil. Wer Pink trug, war nicht naiv, sondern strategisch. Frauen spielten mit Erwartungen und lieferten ein Augenzwinkern. Sie wussten um die Klischees der Farbe – und nutzten sie bewusst. Das Mädchenhafte wurde zur Taktik.
Seine radikalste Bedeutungsverschiebung erlebte Pink allerdings in den 2010er- und 2020er-Jahren. Seither ist die Farbe nicht mehr an ein Geschlecht gebunden. Wer Pink trägt, macht ein politisches Statement, indem besagte Person die genderfluide Ästhetik bekräftigt. Spätestens seit der feministische »Barbie«-Film im Juli 2023 erschienen ist, hat Pink eine neue Lautstärke erreicht. Der Film überführt die einst mädchenhafte Farbe in ein Symbol für Empowerment. Und wenn Chappell Roan im Song »Pink Pony Club« davon singt, weiterzutanzen, sichtbar zu sein und sich nicht anzupassen, steht die Farbe für Selbstentwurf und Zugehörigkeit. Pink ist im 21. Jahrhundert angekommen – als selbstbewusste Geste.
Ein Schluck Unbeschwertheit
Auch in der Weinwelt hat Pink Karriere gemacht. In der Mode steht die Farbe für Selbstbewusstsein, im Wein zeigt sie sich als Rosé. Einst wurde Rosé belächelt. Noch vor zwanzig Jahren haftete ihm das Image eines unseriösen Sommergetränks, insbesondere für Weintrinkerinnen ohne Anspruch. In der Welt der Connaisseurs galt er nicht nur als zu süß und zu dünn, sondern als minderwertiger Wein. Wer im Restaurant Rosé bestellte, musste mit einem schiefen Blick rechnen.
Heute wirkt dieses Urteil antiquiert. Rosé hat seinen einstigen Ruf hinter sich gelassen und ist zu einem Stil-Symbol geworden. Nicht trotz, sondern wegen seiner Farbe. Connaisseurs trinken heute eher ein Glas Rosé als einen einfachen Weißwein. Hollywoods Promis haben ihm zusätzlichen Glanz verliehen. Brad Pitt und Angelina Jolie machten Rosé mit ihrem Château Miraval zum begehrenswerten Lifestyle-Produkt einer neuen Generation. Sarah Jessica Parker, Kylie Minogue, Cameron Diaz, John Legend und selbst Jon Bon Jovi folgten dem Ex-Traumpaar. So wurde Rosé zum Sinnbild eines neuen Lebensgefühls.
Dieses Lebensgefühl ist Ausdruck eines kulturellen Wandels. Seit den frühen 2010er-Jahren verbreitet sich die »Rosé all day«-Mentalität über Social Media, Sommerkollektionen und Terrassenkultur weltweit. Rosé steht heute für Leichtigkeit und Unbeschwertheit. Wer ihn trinkt, entscheidet sich bewusst gegen Strenge und Etikette. Und selbst Connaisseurs finden Gefallen an dem flüssigen Pink.
Dass der Aufstieg des Rosé der Emanzipation von Pink folgt, ist kein Zufall. Beide stehen für Freiheit, Selbstbestimmung und die Lust, Dinge leichter zu nehmen, ohne dass sie an Substanz verlieren. Pink, ob im Kleiderschrank oder im Glas, hat seinen Platz gefunden. Pink ist lebendig – und das schon lange nicht mehr nur als Farbe.
Pink ist nie nur eine Farbe. Noch vor hundert Jahren galt Rosa als Jungenfarbe – ein abgeschwächtes Rot, kraftvoll und bestimmt. Blau hingegen war eine Mädchenfarbe, zart wie der Mantel der Jungfrau Maria. Warum sich diese Zuschreibungen im frühen 20. Jahrhundert umkehrten, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Sicher ist nur: Die Verbindung von Pink und Weiblichkeit ist kein Naturgesetz, sondern eine historische Momentaufnahme. Seither haben sich verschiedene Bewegungen Pink aktiv angeeignet. ACT UP nutzte 1987 im Rahmen der »Silence = Death«-Kampagne ein pinkes Dreieck – ein Symbol, das die Nazis zur Kennzeichnung schwuler Männer missbraucht hatten und das sich die queere Bewegung damit wieder zurückeroberte. 2017 demonstrierten Millionen Menschen weltweit mit pinkfarbenen Wollmützen – »Pussyhats« genannt – gegen die Amtseinführung von Donald Trump. Und auf der LGBTQIA+-Regenbogenfahne steht Pink für Sexualität.