Weinfest gegen Rassismus in Hamburg: »Flatrate-Saufen für einen guten Zweck«
Martin Schrader vom Weingut Flimmer in Basel ist zum fünften Mal beim »Weinfest gegen Rassismus« am Hamburger Millerntor dabei. Im Interview erklärt der Winzer, warum »Flatrate-Saufen für einen guten Zweck« für ihn kein Widerspruch ist – und weshalb im Fußballstadion manchmal mehr Weinkultur steckt als auf klassischen Messen.
Falstaff: Herr Schrader, wie kommt ein Schweizer Winzer nach Hamburg ans Millerntor?
Martin Schrader: Bevor ich angefangen habe, Wein zu erzeugen, habe ich 20 Jahre als Konzert-Agent gearbeitet und viele Konzerte veranstaltet, vor allem Punk und Metal. Da entwickelten sich auch enge Kontakte nach Hamburg, zur Plattenfirma Grand Hotel van Cleef und zur Band Kettcar, die eng mit der Weinbar und dem FC St. Pauli verbunden sind. 2021 war ich zum ersten Mal als Winzer beim Weinfest, damals noch mit den Weinen vom Weingut Zähringer aus Baden, meinem Lehrbetrieb. Am Donnerstag bin ich schon zum fünften Mal dabei.
Was macht das Weinfest gegen Rassismus für Sie so besonders?
Eine Besonderheit ist, dass St. Pauli der einzige Bundesligaverein mit einer Weinbar ist, in der nur Wein ausgeschenkt wird, der gewissen Ansprüchen genügt. Die Bar hat ein reges Eigenleben: Sie veranstaltet auch das Weinfest gegen Rassismus. Alle Einnahmen werden an antifaschistische Projekte gespendet: Stolpersteine, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern, werden finanziert, oder es werden Ausbildungen zur Demokratieteilhabe an Schulen gefördert. Dieser Hintergrund ist enorm wichtig und wertvoll.
Das Millerntor hat eine ganz eigene Trinkkultur, die es so in der Weinszene nicht gibt.
Vertragen sich politische Korrektheit und ausgelassene Feiern mit Alkohol überhaupt?
Auf alle Fälle, beim Weinfest geht es auch ums Trinken, ich nenne es gerne augenzwinkernd »Flatrate-Saufen für einen guten Zweck«. Trinken und betrunken werden gehört zum Wein dazu, auch wenn das gerade überhaupt nicht zum Zeitgeist passt. Aber das ist mir egal: Wein ist auch ein Mittel, um richtig zu feiern, der Rausch und das Recht auf Rausch werden zelebriert in einem schönen, respektvollen Rahmen. Im Stadion herrschen eine große Achtsamkeit und Rücksichtnahme, man kann in einem sicheren Rahmen trinken und wird nicht blöd angemacht, wenn man ein Glas zu viel erwischt hat. Es gibt keine aufoktroyierten Regeln, die Atmosphäre ist nicht moralinsauer und gleichzeitig ist für alle klar, wie man sich am Millerntor benimmt.
Sie schenken oft auf Weinmessen aus, aber sehr selten in einem Fußballstadion. Gibt es einen Unterschied?
Wein in einem Fußballstadion wie dem Millerntor auszuschenken, ist für mich speziell, es herrscht eine besondere Stimmung, das spürt man. Die Location macht viel aus: die Ränge sind voll, alle haben ein Glas Wein in der Hand und schauen auf das Spielfeld, obwohl da kein Spiel läuft, aber das bewegt etwas in den Leuten. Es wird getrunken wie bei einem Fußballspiel, das Millerntor hat eine ganz eigene Trinkkultur, die es so in der Weinszene nicht gibt.
Gibt es da Parallelen zur Musikkultur?
Als Konzertveranstalter habe ich mich als Gastgeber verstanden und immer gefragt: Wie bringe ich eine Band und das Publikum zusammen? Wie entsteht eine super Stimmung und ein Verhältnis zwischen Bühne und Publikum? Wie der Kessel richtig zum Kochen kommt, das wollte ich immer erspüren. Das hat mich extrem beschäftigt, beim Fußball entsteht im größeren Rahmen eine Euphorie und die ist auch beim Weinfest zu spüren: Es ist ein super friedlicher Anlass, der richtig Bock macht und die Großzügigkeit, die Quantität gehört für mich als Winzer unbedingt dazu: Es werden nicht nur die drei Tropfen eines Probierschlückchens ausgeschenkt wie bei anderen Veranstaltungen.
Verstehen die Besucher:innen am Millerntor etwas von Wein?
Es ist auf alle Fälle ein Wein-affines Publikum. Der Fokus liegt fest auf Wein, es werden Details nachgefragt, zu mir kommen jedes Jahr Leute an den Stand, die meine Weine kennen und den neuen Jahrgang kennenlernen wollen. Gleichzeitig wird keine Wissenschaft daraus gemacht, wie es auf vielen anderen Weinmessen der Fall ist. Es geht insgesamt sehr locker zu. Es ist kunterbunt – und alle sind Fans des FC St. Pauli.
Wie sehr hat sich Ihr Alltag verändert, seit Sie als Winzer zwischen Basel und Baden unterwegs sind?
Ich bearbeite fünf Hektar Weinberge über der Grenze nach biodynamischen Kriterien mit elf Rebsorten, acht davon sind Piwis, also pilzwiderstandsfähigen Rebsorten, die eine immer wichtigere Rolle spielen im Weinbau. Die Weine werden im Weingut Scherer & Zimmer in Bad Krozingen im Markgräflerland ausgebaut. Ich träume von der solidarischen Landwirtschaft. In der Konzertbranche waren immer viele Leute um mich herum, jetzt bin ich oft tagelang alleine unterwegs. Ich suche Möglichkeiten, Leute in den Weinberg zu bringen, bei der Ernte ist mein ganzer Freundeskreis dabei, es dürfen alle kommen, die Bock darauf haben. Die Ernte ist das Schönste beim Wein, ich will das teilen, wenn die Trauben ins Körbchen kommen.
Sie erzeugen auch unorthodoxe Weine mit ungewöhnlichen Etiketten.
An Konventionen muss ich mich nicht halten, ich mache einen Pet Nat, einen naturbelassenen Schaumwein, in der Bierdose, darauf steht: Traditionelle Dosengärung – eine kleine Stichelei gegen die oft erwähnte klassische Flaschengärung beim Sekt. Ein Etikett von mir zeigt schwarze Schlangenlinien auf weißem Hintergrund, wenn man die gerade sieht, sollte man sich nicht mehr hinters Steuer setzen. Das ist mein Humor, mein Weg als Winzer verläuft ohnehin nicht gerade: Ich baue auch Bohnen und Edamame im Weinberg an, die biodynamisch zertifiziert sind. Damit haben sich unerwartet schnell Türen geöffnet, und ich bin in Sterne-Restaurants in der Schweiz und in Baden gelandet – mit meinem Wein bisher allerdings noch nicht.
Eine Weinlinie von Ihnen heißt »Grenzenlos«. Was steckt dahinter?
Ich pendle als Winzer ständig zwischen der Schweiz und Deutschland, ich bin generell für eine Welt ohne Grenzen. Ich glaube daran, dass man meine Einstellung und meine politische Haltung im Wein spüren kann: Ich möchte meine Weine ehrlich machen. Biodynamisch zu arbeiten, bedeutet für mich zu reflektieren, was sich an Charakter, Pflanzen und Lebewesen im Weinberg findet. Ein respektvoller Umgang ist mir generell sehr wichtig. Meine Wunschvorstellung ist, dass meine Haltung im Wein erlebbar ist. Am Millerntor ist definitiv erlebbar, dass Wein viel Spaß macht.
Weinfest gegen Rassismus am Millerntor
Das Weinfest gegen Rassismus findet am 14. Mai 2026 zum achten Mal im Millerntor-Stadion des FC St. Pauli in Hamburg statt. Veranstaltet wird es vom FC St. Pauli-Museum (1910 e. V.) gemeinsam mit der »1910-Weinbar« und Partnern aus der Weinszene. Im Stadion präsentieren rund 30 Winzerinnen und Winzer mehr als 100 Weine, die im Umlauf der Gegengerade verkostet werden können.
Das Event verbindet Weinverkostung mit politischem Anspruch: Alle Einnahmen fließen in antirassistische und demokratiefördernde Projekte, etwa Bildungsarbeit oder Initiativen gegen Rechtsextremismus.
Neben der Weinprobe gehören auch Stadionführungen mit Weinbegleitung, Streetfood-Angebote sowie eine Aftershowparty im FC St. Pauli-Museum zum Programm.
Der reguläre Ausschank endet am frühen Abend, danach wird bis in die Nacht weitergefeiert – begleitet von DJ-Sets und der »1910-Weinbar«.