Wer angesichts der barocken Fassade und der Ansage »seit 1416« historische Stuben erwartet, mag enttäuscht sein. Für den Umgang von Vorgängern mit der historischen Substanz kann Neo-Wirt Christian Schrempf nichts. Er renovierte, was noch vorhanden war, und machte mit schönen Stoffen und neuen Holztischen das Allerbeste draus. Nun ist der »Schanzlwirt« nach Burger- und Vietnam-Phase wirklich wieder Wirt und ein Angebot abseits der Altstadtzone – gleich gegenüber liegt das LKH Graz. Weil in der niedrigschwelligen Gastronomie stets die Gefahr droht, dass jemand Portionen zu klein findet, ist das pensionierte Paar am Nebentisch 30 Minuten mit der Bewältigung des riesenhaften saftigen Schweinsbratens samt Serviettenknödel-Berg und Kümmel-Krautsalat beschäftigt. Eine gute Alternative: das Fünf-Gang-Überraschungsmenü als kleinportionierter Auszug der Karte. Aus der Reihe der beliebten Spielereien mit dem Rezept von Vitello Tonnato gibt’s »Vitello Salmerino« mit Räuchersaiblingcreme – eine intensive Sache, die nach einem Schluck Augustiner vom Fass in der Münchner Version ruft. Die Bärlauchsuppe bekommt die Küche so hin, dass die Mundhöhle nicht den Tagesrest damit verbringt. Danke. Ein solide gebratenes Stück Seesaibling liegt auf Spinat-Zartweizen-Mischung, darauf ein Rhabarber-Chutney als Frischeelement, das nicht stört. Beim trockenen Tafelspitz darf man lernen, warum andere mehr durchzogene Stücke vom Rind oft die bessere Wahl sind. Und das von Obstschnippeln und Beiwerk gezierte Schokoparfait mit Zwergorangenkompott zeigt, dass man sich durchaus als Edelwirtshaus versteht. Zwei Handvoll ordentliche Weine gibt’s auch im wahrscheinlich ältesten Gasthaus von Graz.