Shanghai
Um die passende Weinempfehlung ist Zheng Zong Yin nie verlegen. Wie viele Weine er im »Shanghai«, das sein Großvater 1966 in der Lübecker Altstadt eröffnete, anbieten kann, weiß er wohl selbst nicht genau – es dürften rund 300 Positionen sein. Aber nicht alles, was auf der Karte steht, ist im Keller vorrätig, dafür vieles, was gar nicht erst aufgeführt wird. Rotwein etwa spart der Junior-Chef aus, weil er Riesling für die perfekte Begleitung für die Speisen aus der Region Yangzhou hält. Familie Yin arbeitet mit hochwertigen Zutaten, die Ente kommt aus Südoldenburg, das Susländer Schwein aus Schleswig-Holstein. Riesling ist das Größte für Yin, viel Gereiftes listet er auf der Karte, von Dönnhoffs GG Hermannshöhle bietet er allein sechs Jahrgänge an. Natürlich kommt auch auf seine Kosten, wer Rot trinken will. Dann steigt er in den Keller und kommt mit vollen Händen zurück. Der Riesling GG Röttgen von Heymann-Löwenstein aus 2017 begleitet mit seiner präzisen Säure gekonnt die knusprig frittierten und saftigen Krebsfleischbällchen und die im Bambuskorb gedämpften Jiao – mit Schweinefleisch gefüllte, leicht pikante Teigtaschen. Zu den zartschmelzenden Schweinerippchen im eigenen würzigen Sud und zur mongolischen Platte Tien Ban mit butterzartem Rind spielt Dr. Hegers Weißburgunder GG Gras im Ofen aus 2017 seine feste mineralische Substanz aus. Es kommt vor, dass das Geschehen im Shanghai außer Kontrolle gerät, dann steigert sich Zheng Zong Yin in eine Art Sinnesrausch und geht von Tisch zu Tisch, um besondere Flaschen zu teilen, Pinot Noir aus dem Burgund und natürlich seine geliebten Rieslinge. Ans Gehen denkt dann niemand mehr.