Dry Gen Z? Darum verzichten immer mehr junge Menschen auf Alkohol
Cocktail gegen Mocktail tauschen: Die Generation Z trinkt deutlich seltener Alkohol als frühere Generationen. Doch ist der Trend wirklich von Dauer?
Statt Vodka-Red-Bull gibt's jetzt Matcha-Latte, statt durchzechter Clubnacht einen Coffee Rave um 14 Uhr. Die Generation Z rückt Alkohol aus dem Mittelpunkt von gemeinsamen Aktivitäten. Doch wie groß ist der Wandel wirklich? Ist die Gen Z wirklich eine abstinente Generation geworden?
Das sagen die Zahlen
Laut der aktuellsten BZgA-Erhebung von 2023 trinken von den 18- bis 25-jährigen Frauen 18,2 Prozent regelmäßig Alkohol, von den Männern 38,8 Prozent – Werte, die zwar den niedrigsten Stand seit Beginn der Beobachtung erreichen, seit etwa 2016 aber nur noch leicht zurückgehen. Gleichzeitig büßen Brauereien und Spirituosenfirmen sinkende Absatzzahlen ein: Laut dem Statistischen Bundesamt wurden 2025 6% weniger Bier umgesetzt: Brauereien und Bierlager verzeichnen stärksten Absatzrückgang seit 1993. Der BSI – Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie und -Importeure e.V. verzeichnet in den letzten drei Jahren insgesamt eine um 11 Prozent sinkende Nachfrage von Spirituosen.
Experten bestätigen das Phänomen
Bernhard Heinzlmaier ist Sozialwissenschaftler und einer der bekanntesten Jugendforscher Österreichs. Er ist Mitbegründer des Instituts für Jugendkulturforschung. Auch er verzeichnet eine Veränderung im Trinkverhalten der Generation Z. »Die Zahlen sind eindeutig. Der Alkoholkonsum der Jugend (14 – 17 Jahre) geht drastisch zurück, wenn man die Entwicklung der letzten 20 Jahre betrachtet. Der durchschnittliche Alkoholkonsum pro Tag hat sich von 14 Gramm auf 9 Gramm in der Zeit von 2003 bis 2024 reduziert. Die Zahl der vollkommen abstinenten Jugendlichen ist im selben Zeitraum von 21 % auf 43 % angestiegen.«
Das sind die Ursachen
Simon Schnetzer ist Jugendforscher und untersucht die Lebens- und Arbeitswelten junger Generationen. Er verzeichnet eine grundlegende Verhaltensänderung als Grundlage: »Der Verzicht auf Alkohol ist nicht nur ein Trend, sondern sowohl eine bewusste Reflektion des eigenen Verhaltens als auch das der Generation an sich. Die dahinterliegenden Trends sind ein stark erhöhtes Gesundheitsbewusstsein, der Wunsch nach Selbstoptimierung und Fitness. Über den Trend hin aus sind es Entwicklungen wie die Sorge vor Kontrollverlust, weil jede Eskapade dank omnipräsenter Smartphones sofort dokumentiert wird.«
Das bestätigt auch Bernhard Heinzlmaier: »Die Lebensformel der »Erfolgsgesellschaft« ist Askese und selbst kontrolliertes und vernünftiges Handeln. In einer solchen Gesellschaft haben Rausch, Entgrenzung und Ekstase keinen Platz mehr, auch nicht in der Freizeit, denn auch dort muss man als Angehöriger der Erfolgsgeneration der Postmoderne immer selbstkontrolliert und bei wacher Vernunft sein.«
Außerdem hat die Gen Z auch mit der wachsenden Inflation zu kämpfen, die nicht nur die Preise von Wohnen und Lebensmittel beeinflusst, sondern natürlich auch die Clubkultur. Wenn der Eintritt in den Club bereits 20 Euro kostet und jeder Drink weitere siebzehn, ist der Geldbeutel schnell geleert.
Simon Schnetzer
Simon Schnetzer ist Jugendforscher, Speaker und Leadership-Coach aus dem Allgäu, der seit 2010 mit Studien wie »Junge Deutsche« die Lebens- und Arbeitswelten junger Generationen erforscht. Unter anderem unterstützt er Unternehmen dabei, ein besseres Miteinander zwischen den Generationen Y, Z und Alpha in der Arbeitswelt zu gestalten.
© Dietrich KuehneGen Z vs. Millennials
Der Unterschied zur vorherigen Generation ist durchaus messbar, wenn auch nicht immer dramatisch. Eine Auswertung von Statista Consumer Insights zeigt: Nur 24 Prozent der befragten 18- bis 28-Jährigen in Deutschland geben an, regelmäßig Bier zu trinken, bei den Millennials (Jahrgänge 1980-1994) sind es rund 33 Prozent.
Für Bernhard Heinzlmaier gibt es dafür eine klare Ursache: »Generell unterscheidet sich die Generation Z von den Millennials dadurch, dass sie die Selbstdisziplin auf eine höhere Stufe gehoben hat. Dementsprechend gestaltet sich auch der Konsum eines Rauschmittels wie Alkohol.«
Auch bei der gesellschaftlichen Akzeptanz hat sich viel verändert: Die Popularität von Aktionen wie Dry January und Sober October sowie die wachsende Beliebtheit von Mocktails und alkoholfreiem Bier machen es heute leichter, ohne Alkohol auszugehen, als das früher der Fall war.
Mocktails Drinks mit Benefits
Booster. Der »Recharge 3-in-1 Drink« enthält 16 g Protein und einen Elektrolyt-Mix aus Magnesium und Kalium.
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Foto beigestelltCoffee Raves und Matcha-Partys: Die neue Ausgeh-Kultur
Wo früher die Clubnacht stand, treten heute neue Formate ein: Beim Coffee Rave wird statt mit Tequila-Shots wird hier mit Espresso-Shots gefeiert, meist morgens. Bei Matcha Raves trifft Party auf Wellness: Sie starten bereits um 14:00 und bieten Partylustigen neben elektronischer Musik klassische Iced Matcha Lattes.
Und was macht Gen Z sonst, außer Party? »Das Feiern und „Party machen“ ist laut unserer Trendstudie »Jugend in Deutschland 2026« noch nicht einmal unter den Top 10«, erklärt Simon Schnetzer. »Wenn gefeiert wird (19% der Jungen), stehen dabei Sodapops und Energydrinks hoch im Kurs. Die junge Generation hört gern Musik (60%), trifft sich mit dem Freundeskreis (53%), ist auf Social Media aktiv (51%), ist bei Sport und Fitness (47%) anzutreffen – oder erholt sich einfach von Schule und Ausbildung. Das nennt sich in der Jugendsprache „Rumhängen und Chillen“ (44%) und ein Drittel der jungen Generation greift in der Freizeit auch gern zum echten Buch.
Das Phänomen Spaßgetränke
Mit dem veränderten Trinkverhalten entsteht eine neue Getränkekategorie, die über das klassische alkoholfreie Bier hinausgeht. Die alkoholfreien Getränke von heute versuchen nicht mehr, den fehlenden Inhaltsstoff zu ersetzen, sondern bieten selbst funktionale Vorteile und verlockende Aromen: von Adaptogen-Tee-Infusionen bis zu dessert-inspirierten Mocktails. Der globale Markt für alkoholfreie Getränke soll bis Ende 2026 die Marke von 157 Milliarden US-Dollar überschreiten.
Generation Z sucht nach Getränken in gewagten Geschmacksrichtungen, oft ergänzt um Protein oder präbiotische Zusätze. Dass Gen Z anders trinkt, bestätigt Bernhard Heinzlmaier: »Alles was nicht berauscht und dem Körper Energie zuführt anstatt ihm Energie zu entzieht. Alles was hell, aufmerksam, ambitioniert macht und leistungsstimulierend wirkt. Energy-Drinks, Funktional-Drinks, die gesünder, schneller. Leistungsfähiger und schöner machen. Und natürlich antialkoholischer Wein, 0,0%-Bier und nicht-alkoholhaltige Spirituosen.«
Präbiotische Getränke
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Fruchtig. Das ballaststoffreiche Erfrischungsgetränk schmeckt nach Passionsfrucht-Mango und enthält Apfelessig und ist ohne zugesetzten Zucker.
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Foto beigestelltIst sie wirklich die »Dry Gen Z«?
IWSR-Experte Richard Halstead ordnet die frühere Zurückhaltung ökonomisch ein: »Wir wissen, dass Alkoholkonsum mit dem verfügbaren Einkommen korreliert, und die Gen Z ist während einer Lebenshaltungskostenkrise erwachsen geworden. Mit steigendem Einkommen werden sie wahrscheinlich häufiger trinken – genau wie die Millennials vor ihnen«. Gen Z wird als Generation also nicht ganz abstinent werden. Sie trinkt also nicht nicht, sondern anders: phasenweise komplett ohne, dafür mit Coffee Raves, Matcha-Partys und bewussten Abstinenz-Phasen.