Die Namen der KI-Designs: gewöhnungsbedürftig.
© Midjourney
/imagine a new craft beer design: PROFI hat Midjourney um ein mögliches Design gebeten
Künstliche Intelligenz ist gekommen, um zu bleiben. Auch wenn Branchen-Giganten wie Becks aktuell mit ihren »sich selbst brauenden Bieren« Schlagzeilen machen, zeigt sich: die KI war längst da. PROFI tippt bei Midjourney den Befehl »/Imagine« ein und lässt sich überraschen.
von Nicola Afchar-Negad
26. Juli 2023
»Vergriffen« prangte im April in fetten grünen Lettern auf der Webseite von Becks. Und das schon am Tag des Launches von »Autonomous«, einem Jubiläumsbier, von dem es heißt: »Wir haben Autonomous nicht kreiert. Autonomous hat sich selbst kreiert.« Das Ganze hört sich – auch aufgrund der doch sehr limitierten Stückzahl von 450 – doch sehr nach Marketing-Gag an, aber Obacht: damit macht man es sich zu leicht. Dazu später mehr. Das Packaging von »Autonomous« sieht aus, wie so ziemlich alles, was Programme wie Midjourney derzeit so ausspucken. Man hat tendenziell das Gefühl, die Künstliche Intelligenz (manche präferieren den Ausdruck Erweiterte Intelligenz) hat zu viel Gaudi aufgesaugt. Ecken und Kanten sind irgendwie en gros abgeschafft, alles – von der Hausarchitektur bis eben hin zur Bierdose – kommt mit üppigen Kurven daher. Nach etwa einem halben Jahr AI-Hype muss man ehrlich sagen: es besteht ein wenig die Gefahr, sich daran satt zu sehen und es darf durchaus gezweifelt werden, ob dieser »futuristische Look«, wie es gerne heißt, wirklich so uniform sein muss. Die ersten Designer:innen machen auch längst auf dieses »more of the same« aufmerksam. Becks selbst wird sich mit dieser Thematik vermutlich im nächsten Schritt beschäftigen, das Unternehmen hat bereits angekündigt, im Laufe des Jahres ein Produkt zu launchen, dessen Packaging mit Hilfe einer KI entwickelt wurde.

© Ben Trueman
Was Autonomous angeht: hier wurde ein System namens »Compound Prompting« entwickelt, bei dem jede Eingabe in die KI und die erhaltene Antwort, die nächste Eingabe beeinflussten. Kick-off- Gespräch, Rezeptur, Logo, Werbekampagne – bis hin zu Textvorschlägen für Influencer – alles künstlich generiert. Weiter oben im Norden Europas ist fast zeitgleich ähnliches passiert: die Vorzeige-Craft-Brauer von Mikkeler präsentierten im März gleich zwei AI- Biere: das »West Coast IPA Warriors« und das »Pilsnerful Pursuit«. Der Brauerei-Gründer Mikkel Borg Bjergsø wird in der Presseaussendung wie folgt zitiert: »Wir sind begeistert, zwei Biere zu präsentieren, die die Zukunft des Brauens repräsentieren.« Konkret spricht der Däne davon, dass die KI insbesondere dabei helfen solle, neue Geschmackskombinationen und Brau-Techniken zu erforschen. »Verpassen Sie nicht Ihre Chance unter den Ersten zu sein, die diese bahnbrechenden Biere probieren«, so endet die Mitteilung an die Presse. Wobei – es gibt noch einen nicht unwichtigen Hinweis am Ende des Schreibens: »Diese Presseaussendung wurde von ChatGPT geschrieben.«
Sudlesen
Schöne neue Welt? Oder eher erschreckend? Vielleicht weder noch. Denn neu ist daran nicht allzu viel, wie ein Gespräch mit KI-Forscher Marc Bravin von der Hochschule Luzern zeigt. Bereits 2020 wurde in einem Gemeinschaftsprojekt der Hochschule Luzern, der Rothenburger Mikrobrauerei MNBrew und des Luzerner Softwareunternehmens Jaywalker Digital ein solches Bier entwickelt. »Deeper« hieß es – der Name stammt übrigens nicht von der KI, »er wurde von der dahinterliegenden Technologie abgeleitet: Deep Neural Networks«, wie Bravin zum Einstieg erklärt. Ein auf 1.500 Flaschen limitiertes hopfenlastiges Indian Pale Ale mit Zitrusnote war es damals. 2022 folgte ein weiteres Rezept »mithilfe unseres Rezeptgenerators. Ein erfrischendes Pale Ale, das wir ›Deeper Brain Ale‹ genannt haben.«

© Modular Media
Ob er vom plötzlichen Hype um die Künstliche Intelligenz überrascht gewesen sei, möchte PROFI vom Schweizer wissen. »In der Vergangenheit haben Menschen eher unbewusst mit AI-Modellen interagiert, zum Beispiel bei der Google-Suche. Durch die Veröffentlichung von general-purpose AI-Tools wie ChatGPT konnte die breite Bevölkerung zum ersten Mal bewusst mit AI-Systemen interagieren, das hat diesen Hype ausgelöst. Mich persönlich hat überrascht, wie gut ChatGPT in verschiedensten Domänen funktioniert. ChatGPT kann innerhalb von Sekunden ein neues Bierrezept generieren, obwohl es eigentlich gar nicht darauf trainiert wurde. Zum Vergleich: Wir haben unseren Bierrezeptgenerator darauf fokussiert, eben Bierrezepte zu kreieren. Dazu haben wir einen Algorithmus mit einem Datensatz von über 150.000 internationalen Bierrezepturen trainiert.«
»Für kleine Brauereien mit schmalem Budget könnte KI eine Unterstützung sein – aber es bräuchte trotzdem einiges an Arbeit, die KI zu kontrollieren.«
Peter Monrad, Autor »Craft Beer Design«
Bravin entwickelt im Luzerner Forschungslab »Algorithmic Business Research Lab« Algorithmen für diverse Bereiche – von Medizintechnik bis hin zur Lebensmittelindustrie. »Ich könnte mir vorstellen, dass in Zukunft vermehrt AI-basierte Tools, die explizit für Brauereien entwickelt wurden, im Markt auftauchen und diese großflächig von Brauereien verwendet werden, um den Brauprozess zu optimieren. Somit wird in Zukunft wohl jedes Bier ein AI-Bier sein. Man darf jedoch nicht vergessen, dass solche Tools in naher Zukunft keine Brauexperten ersetzen, da sie – das haben auch wir festgestellt – am besten in Zusammenarbeit mit einem Menschen funktionieren.« Darauf weist auch Mikkeller – bzw. deren KI-Mitarbeiter:innen hin: »Wir werden uns immer auf menschliche Brauer verlassen, um die höchsten Qualitätsstandards zu gewährleisten.« Na dann doch: schöne neue Welt!
Aus dem Buch

Craft Beer Design
Autor: Peter Monrad
Jahr: 2022
Umfang: 208 Seiten
Verlag: Gestalten Verlag

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