Adieu, Foie gras? Die Delikatesse gibt's weiterhin – aber jetzt auch als gezüchtete Innovation aus der Petrischale.
© Unsplash
»Faux gras« ohne Tierleid: Kommt die Stopfleber bald aus dem Labor?
Stopfleber gehört zum Festtagstisch, trägt aber auch den Hautgout massiven Tierleids mit sich. Zwangsernährung ist aber nicht mehr die einzige Möglichkeit. Kommt die neue Generation der Foie gras gar aus dem Labor?
von Roland Graf
22. Dezember 2025
Martin Haab ist ein guter Verlierer. »Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich die Emotionalität zu diesem Thema total unterschätzt habe«, gab der Zürcher Bauer am Ende im Schweizer Nationalrat zu. Thema war das Verbot des Gänseleber-Imports, das der Abgeordnete auf die Agenda gebracht hatte. Am Ende entschied die Mehrheit diesen Sommer für eine Kennzeichnungspflicht (»schmerzhafte Produktion«). Denn auch Haab musste erkennen: »Mir war nicht bewusst, wie tief die Stopfleber in die DNA des ›Welschen‹ greift«. Tatsächlich sieht sich die Westschweiz hier ganz auf Linie mit Frankreich; Winter-Festtage ohne Stopfleber sind dort kaum vorstellbar.
Der Weg zur Faux gras
Frankreich stellt drei Viertel der weltweiten Foie gras-Menge her. Dahinter folgen Ungarn, Spanien, Bulgarien und Belgien als Geflügelleber-Erzeugerländer. Hochburg der vorweihnachtlichen Delikatesse ist der französische Südwesten mit den Regionen Périgord, Gers und Landes. Von hier stammt auch der klassische Weinpartner Monbazillac, der von Kennern dem wuchtigeren Sauternes vorgezogen wird. Die Tradition der Fettleber entdeckten allerdings bereits die alten Ägypter: Vor ihren Flügen in den Süden fressen sich die Tiere einen Vorrat an, der auch die Leber verfettet. In der Antike schätzte man vor allem Feigen als Futter für die Tiere. Heute ist es vor allem Mais, der zu einer künstlich erzeugten Fettleber bei den Tieren führt.
Rund zwei Wochen (Ente) bzw. drei (Gans) dauert diese Phase der Zwangsernährung, gegen die es seit Jahrzehnten Widerstand gibt. Im deutschsprachigen Raum ist das Stopfen generell verboten, der Import der Foie gras aus dem Ausland aber erlaubt. Im Widerstreit zwischen Genusstradition und Tierwohl mehren sich die Alternativen zur »Gavage«, wie die Züchter die Mästung nennen. Fleischlose Produkte mit Leberanmutung nützen etwa Pilze, Cajou-Nüsse (für »Le Petit Festif«), Hefe und Kokosfett (in der Faux gras aus Belgien) oder auch Bohnenprotein. Letzteres spielt beim australischen Start-up »Vow« eine Rolle. Gemeinsam mit Zellen von Wachteln (!), die vermehrt werden, baut man die Textur der Fettleber nach. Nicht ganz zu Unrecht heißt das Ergebnis, das etwa bereits in Singapur Kücheneinsätze erfährt, »Forged gras« – »forged« wie gefälscht.

Fett nur dank »gavage«
Parallel versuchen es Züchter wie die Elsässerin Aline Meyer mit einer natürlichen Fütterung ohne Trichter im Gänsehals. Ihre »goldene Leber« (Foie d’Or) weist aber maximal 400 Gramm auf. Mehr ist bei der Zucht in Gundershoffen nicht auf die Waage zu bringen: »Beim Stopfen können bei Gänsen auch 800 Gramm erreicht werden.« Der französische Gesetzgeber sieht nämlich lediglich die Untergrenzen vor. Foie gras von der Ente muss roh 300 Gramm erzielen, bei der Gans sind 400 Gramm gefordert.
Leber aus ungestopften Enten oder Gänsen hat vor allem ein Imageproblem, hinter dem der französische »Code rural et de la pêche maritime« steht. Dort ist gesetzlich definiert, dass man unter Foie gras »die Leber einer speziell durch Zwangsernährung gemästeten Ente oder Gans versteht«. Alternativen können also nicht den prestigeträchtigen Namen verwenden, was nicht zuletzt einen Nachteil auf den Speisekarten darstellt. »Foie fin« nennt sich etwa das Bio-Produkt des großen Herstellers »Labeyrie«, das ohne die Gavage auskommt. Gehört haben von dieser Bezeichnung aber nur wenige Köche.
Vielseitig ohne Stopfen
Eine andere Nomenklatur wählte Tobias Sudhoff daher für seine ungestopfte Leber: Happy Foie. Das Produkt folgt dabei dem Motto »Wandel geht nur über Genuss«. Für den Entwickler, der einst in der »Westfälischen Stube« auf Sterne-Niveau kochte, muss die Leber vor allem schmecken. Erreicht wird das durch die Anreicherung der ungestopften Leber mit hochwertigen Fetten (Butter, Kokos oder auch Enten- und Gänsefett). Dieses Verfahren bringt »den typischen Schmelz und Geschmack einer klassischen Foie« hervor, lobt Markus Mayr. Der Produktmanager von »R express«, der die ungestopfte Leber vertreibt, weiß, wovon er spricht. Vielen ist er noch als Chefkoch im »Schloss Mönchstein« in Salzburg (bis 2023) bekannt.

Als Koch mag Mayr vor allem die vielseitige Verwendbarkeit: »Sie ist mit Süße, Herzhaftem und Saurem kombinierbar, kann gebraten, geformt oder pur serviert werden«. Lediglich frieren lässt sich diese Alternative nicht. Neben Klassikern wie einem Mousse für Canapés oder Topping für Tournedos oder Steak empfiehlt Markus Mayr eine schnelle und kreative Präsentation: »Nach dem Temperieren die Masse zu Pralinen formen und diese dann in Pumpernickel- oder Fruchtpulver wälzen!«
Mit Gänsestopfleber im Ganzen, entnervt, in Scheiben, als Terrine oder Block (wahlweise auch mit Leberstücken oder Trüffel) hat man bei »R express« auch die gesamte Palette an klassischen Zubereitungen im Portfolio. Gleiches gilt für die Entenleber, wo es die gern als Upgrade verrechneten Scheiben z. B. vom Weltmarktführer Rougié gibt. Seit über einem Vierteljahrhundert bietet das Unternehmen aus dem Périgord auch Tiefkühl-Foie Gras an. Ironischer Weise sorgt das uralte Produkt auch weiter für Innovation. Geht es nach Gourmey, dann wird nämlich ausgerechnet die Fettleber das erste Produkt aus tierischen Zellkulturen in der EU werden.
»Auch Happy Foie ist mit Süße, Herzhaftem und Saurem kombinierbar, kann gebraten, geformt und pur serviert werden.«

Die Leber aus dem Labor
Bereits seit 2024 läuft der Antrag des Pariser Unternehmens, die im Labor gezüchtete Delikatesse ohne Tierleid genehmigt zu bekommen. Parallel hat das mit viel Vorschusslorbeeren und 65 Millionen Euro Anschub-finanzierung gestartete Unternehmen in den USA, Singapur und der Schweiz um die Zulassung der Innovation aus der Petrischale angesucht: »An der Spitze der Food-Trends steht seit jeher das Premium-Segment, in dem es zu den spannendsten Innovationen kommt«, ist Nicolas Morin-Forest überzeugt. Der Gourmey-Chef setzt auf Köche als beste Kommunikatoren, »um den Verbrauchern neue Produktkategorien vorzustellen und die Nachhaltigkeit voranzutreiben«. Die Tierwohl-Aktivisten werden es gerne hören. Und alle anderen haben weiter die Wahl zwischen Foie fin, Faux Gras oder der originalen Foie gras auf dem Brioche.
Lesenswert
Winzige Weißfische, mit Gewürzen knusprig gebraten: Damit können Sie Ihre Gäste im Sommer überraschen!
© NICO SCHINCO
Streetfood aus der Karibik: Rawlston Williams’ Tri Tri Fritters
Karibische Küche lebt von Gewürzen, Texturen und mutigen Aromen. Rawlston Williams bringt mit seinen Tri Tri Fritters ein Stück Saint Vincent auf den Teller. Ihre Gäste werden das Gericht lieben, vor allem im Sommer!
So bunt wie die Karibik sind auch die Rezepte in Rawlston Williams »Caribbean Cookbook«.
© Phaidon Verlag, canva.com
Buch der Karibik: Rawlston Williams exotisches Koch-Kompendium
Am Image kann es nicht liegen! Und doch erfuhr die Karibik als eine der wenigen Weltgegenden kaum Beachtung als Kücheninspiration. Der New Yorker Chef Rawlston Williams ändert das. Bunte Rezepte, die ideal für den Sommer sind und die er in 28 Inselnationen sammelte.
Tausende Besucher strömten in den kleinen oberfränkischen Ort Wirsberg.
© Jesper Hilbig
Genuss und Wissen: »ZU TISCH!« zeigt, wie Foodfestivals heute funktionieren
Über 80 Manufakturen und Köche sowie mehr als 50 Workshops, Tastings und Talks: Das Festival »ZU TISCH!« erzeugt Aufmerksamkeit weit über die Grenzen Frankens hinaus – und hat sich längst vom Genuss-Event zur Plattform entwickelt.
TVB Paznaun-Ischgl
© Von Juli bis Oktober 2026 verwandeln sich neun ausgewählte Hütten und Almen im Paznaun in besondere Genussstationen.
Gipfel der Genüsse: Gourmetköche warten im Paznaun auf 2.000 Metern
Regionale Produkte allein reichen oft nicht mehr aus, um Gäste zu begeistern. Im Paznaun setzt man deshalb auf eine enge Zusammenarbeit von Produzenten, Hüttenwirten und Spitzenköchen – und macht daraus ein touristisches Gesamtkonzept.
Optisches Highlight: Diese Lasagne erfreut nicht nur den Gaumen, sondern auch das Auge.
© Lena Staal / STAAL & JOHS
Lasagne à la Bottura – italienische Glückseligkeit für Gaumen und Auge
Spitzenkoch Massimo Bottura verwandelt die klassische Lasagne in ein komplexes Gericht für Profis – vielschichtig, geschmacklich ausbalanciert und perfekt ausgeführt. Falstaff empfiehlt dazu einen rubinfarbenen Roten vom Weingut »Drei Donà« in der Emilia-Romagna.
Wer seine Karte modernisieren, jüngere Zielgruppen ansprechen oder einfach einen starken Eyecatcher braucht, liegt mit dem Crunchy Kimchi Burger genau richtig.
© Foto beigestellt
Produkt der Woche: Crunchy Kimchi Burger
Advertorial
Der Crunchy Kimchi Burger bringt frischen Wind auf Ihre Karte – laut, bunt und maximal im Trend. Der Food-Hype aus Südkorea liefert genau das, was Gäste heute lieben: echte Gemüsestücke, internationale Trendgeschmäcker und richtig viel Crunch.
Meist gelesen
Prominente Unterstützung für die »Österreichische Krebshilfe«: Jenny Frankl und Bernhard Murg vom »Kabarett Simpl« mit Bio-Spitzenköchin Clara Aue und ihrer Charity-Kreation.
© Moving Stills
Im Marktrestaurant Gutes tun: »HEU & GABEL« kocht für die »Krebshilfe«
Bio-Spitzenköchin Clara Aue, Jenny Frankl und Bernhard Murg vom Kabarett Simpl zeigten bei Sonnenschein am Meidlinger Markt, wie viel Wärme entsteht, wenn Genuss und guter Zweck aufeinandertreffen.
Milch übrig: Georg und Andrea Blochberger machten aus einer kreativen Idee eine erfolgreiches Unternehmen.
© Eis-Greissler
15-Jahr-Jubiläum: Wie der »Eis-Greissler« aus einer Notlösung ein Geschäftsmodell machte
Mit »Schnitzel«- und »Grammeleis«: Der »Eis-Greissler« feiert Jubiläum und zeigt, wie sich aus einem einfachen Produkt durch Storytelling, Erlebnisse und mutige Ideen eine starke Freizeitmarke entwickeln lässt.
Hommage an die Mama: Thi Ba Nguyen (links) und ihre Suppe dürfen auch auf dem Top-Level nicht fehlen!
© Roland Graf
Fine Dining auf Vietnamesisch: Das »Vina« Graz schwimmt gegen den Strom
Es ist ein Statement gegen Spar-Wahn. Und eines, das dem Gästewunsch folgt: Zusätzlich zu den Streetfood-Klassikern bietet Robert Nguyen ein aufwändiges Sechs-Gang-Menü. Mit dabei natürlich auch: die Suppe von seiner 85-jährigen Mutter.
Manfred Ronge präsentiert bei der 17. Branchentagung der Österreichischen Gemeinschaftsverpfleger Zukunftsthemen – darunter KI, Robotik und Digitalisierung.
© Schörg VISUALS
KI, Kosten und Robotik – das treibt Österreichs Gemeinschaftsverpfleger derzeit um
»Zukunft nicht abstrakt diskutieren, sondern gemeinsam greifbar machen« – unter diesem Motto trifft man sich bei der 17. Branchentagung der Gemeinschaftsverpflegung zum Austausch über Digitalisierung, Automatisierung und Sicherheit.
Nach 47 Jahren in der österreichischen Spitzengastronomie treten die Brüder Karl und Rudi Obauer am Nationalfeiertag den Ruhestand an.
© Marco Riebler
»Restaurant-Hotel Obauer« schließt nach 47 Jahren seine Türen
Fast ein halbes Jahrhundert bieten Karl und Rudi Obauer in Werfen im Salzburger Land feinste Kulinarik – bis Oktober. Die Brüder treten den wohlverdienten Ruhestand an.
BU: Das »Cookies Cream« stellt seine Küchenführung neu auf: Viktor Gerhardinger, Gründer »Cookie« Heinz Gindullis und Küchenchef Patrick Ziegert (v. l.).
© Alexander Gnädinger
Führungswechsel im »Cookies Cream« – Patrick Ziegert und Viktor Gerhardinger stellen sich vor
Das Berliner vegetarische Fine-Dining-Restaurant »Cookies Cream« stellt sich neu auf: Patrick Ziegert wird Küchenchef und Viktor Gerhardinger ergänzt das Team als Head of Culinary Development. Gemeinsam sollen sie die kulinarische Linie des Lokals weiter schärfen.
Der Newsletter für echte Profis
Be inside and take your chance! Regelmäßige Karriere-Updates aus Gastronomie und Hotellerie, kostenlos in Ihr Postfach!

