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Austern, aber anders – Wie zwei Berlinerinnen Meeresfrüchte cool machen

Austern
Meeresfrüchte
Berlin

Frischer Wind für die Auster: Mit »Clamsy« bringen Cléo Foata und Emma Depres eine neue Leichtigkeit in die Welt der Meeresfrüchte. Ihre Abende verbinden Genuss mit Haltung. In Berlin erzählen sie, warum Austern mehr sind als Luxus – und was junge Menschen an ihnen reizt.

Ein halbes Dutzend Austern, ein Glas naturbelassener Wein und Vinylklänge: Im Berliner »The Rad« versammelt das monatliche Format »Clamsy’s Oysters & Records« eine bunte Mischung aus Neugierigen, Stammgästen und Genusssuchenden. Dahinter stehen zwei Frauen, die mehr verbindet als ihre Liebe zum Meer. Cléo Foata (32), aufgewachsen im südwestfranzösischen Bordeaux, bringt die Familientradition des Austernöffnens mit. Emma Depres (26), aus den französischen Alpen, fand ihren Zugang zur Fischwelt in Berlin.

Kennengelernt haben sich die beiden beim Arbeiten an einer Fischtheke in der »Markthalle Neun« wenig später gründeten sie »Clamsy«: ein mobiles Seafood-Konzept mit Haltung, viel Lebensfreude und dem Anspruch, Meeresfrüchte aus der elitären Ecke zu holen. Ihr Ziel: Austern erschwinglich machen, Fisch als unkomplizierten Genuss etablieren – und zeigen, dass maritime Küche auch jung, feministisch und sinnlich sein kann.

 

Falstaff: Sie arbeiten bis heute gemeinsam in der »Markthalle Neun« – wie kam es von dort aus zur Idee für »Clamsy«?

Emma Depres: Ich war damals neu in der Stadt, kam ursprünglich aus der Gastronomie, wusste aber so gut wie nichts über Fisch. Der Job war ein Zufall, aber ich habe schnell gemerkt, wie spannend das Thema ist – und dort traf ich auf Cléo.

Cléo Foata: Ich komme aus Bordeaux, also direkt vom Atlantik, und bin mit Austern aufgewachsen. Jeden Sonntag gab es bei uns Meeresfrüchte – das gehörte einfach dazu. Beruflich habe ich unter anderem in der Clubszene gearbeitet, doch als mein damaliger Arbeitgeber schließen musste, habe ich im Fischhandel angefangen. Als ich Emma dort traf, hat es sofort gepasst. Wir waren beide voller Ideen, wollten etwas Eigenes auf die Beine stellen – und vor allem Fisch neu denken. Weg von der Fine-Dining-Nische, hin zu mehr Zugänglichkeit.

Was genau macht »Clamsy« aus – was ist Ihr Konzept?

Cléo Foata: Wir organisieren kulinarische Abende mit Austern, Fischsandwiches und handwerklich hergestellten Weinen – aber in einem ganz anderen Rahmen, als man es vielleicht erwartet. Kein weißes Tischtuch, keine steife Atmosphäre. Dafür Vinyl-Sets, entspannte Leute, faire Preise und ein sehr offenes Setting.

Emma Depres: Unser Anspruch ist, Schwellenangst abzubauen. Viele Menschen trauen sich gar nicht, Fragen zu stellen, etwa wie man eine Auster richtig isst – dabei ist genau das bei uns absolut willkommen. Es geht um Genuss, ums Ausprobieren, um Neugier – nicht um Perfektion.

 

Wenn du selbst Austern und eine Weinflasche öffnen kannst, brauchst du keinen Mann.

 

Cléo, Sie haben erzählt, dass früher in Ihrer Familie nur Männer Austern öffnen durften. Hat das etwas mit Ihrem heutigen Antrieb zu tun?

Cléo Foata: Absolut. Ich fand das als Kind schon ungerecht. Mein Vater und Großvater sagten immer: Austernöffnen ist nichts für Frauen. Zum Glück hat mir meine Mutter heimlich alles beigebracht. Sie war Feministin und sagte einmal zu mir: Wenn du selbst Austern und eine Weinflasche öffnen kannst, brauchst du keinen Mann. Dieser Satz ist hängen geblieben – und hat mich in gewisser Weise geprägt. Heute machen wir alles selbst: schleppen, verkaufen, organisieren. Das hat viel mit Selbstermächtigung zu tun.

Emma Depres: Und selbst die Sprache ist aufgeladen. Auf Englisch heißt eine Fischhändlerin »fish wife« – das klingt, als sei sie nur die Frau eines Fischers. Wir wollen zeigen: Frauen können in dieser Branche nicht nur mitarbeiten, sondern sie auch prägen. Fisch ist eben auch ein feministisches Thema.

Was macht Austern aus Ihrer Sicht gerade für ein jüngeres Publikum spannend?

Emma Depres: Weil sie frisch, gesund und nährstoffreich sind – und, wie wir oft scherzen, sogar gegen Kater helfen. Viele Freund:innen haben bei uns zum ersten Mal Austern probiert und waren überrascht, wie gut sie schmecken. Man muss sie einfach ausprobieren.

Cléo Foata: Es gibt auch hier viele Missverständnisse. Viele glauben, man müsse Austern einfach nur schlucken – aber das ist falsch. Man sollte sie kauen, um überhaupt etwas zu schmecken. Es geht um bewussten Genuss, nicht um Show. Und: Bei uns darf man fragen. Das ist vielleicht das Wichtigste.

 

Fisch kann sexy sein.

 

Was ist Ihnen bei Ihren Veranstaltungen besonders wichtig?

Emma Depres: Wir möchten zeigen, dass Fisch kein Luxusprodukt für Feinschmeckerinnen ist. Unsere Fish Rolls sind wie Streetfood – frisch, schnell und bezahlbar. Es gibt kaum vergleichbare Angebote in Berlin.

Cléo Foata: Die Atmosphäre bei unseren Events ist sehr divers. Es kommen Nachbarn, Foodies, Künstlerinnen, Familien. Wir lieben diese Mischung – und sie zeigt: Meeresfrüchte können für alle etwas sein.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in Ihrem Konzept?

Cléo Foata: Eine sehr große. Austern sind extrem nachhaltig – sie reinigen das Wasser, brauchen weder Futter noch Pestizide und wachsen ganz natürlich. Das macht sie zu einem der ökologischsten Lebensmittel aus dem Meer.

Emma Depres: Und sie empfinden keinen Schmerz, weil sie kein zentrales Nervensystem haben. Deshalb akzeptieren manche Veganer sie auch. Wir achten sehr genau auf Herkunft und Transportwege. Viele unserer Produkte kommen aus Deutschland oder Irland – so lokal wie möglich.

Gibt es bestimmte Vorurteile, die Sie abbauen möchten?

Emma Depres: Viele Menschen denken, Fisch stinkt – dabei riecht frischer Fisch nach fast nichts. Oder sie glauben, man muss sich gut auskennen, bevor man damit anfängt – auch das stimmt nicht.

Cléo Foata: Fisch ist ein Genussmittel mit Geschichte und Sinnlichkeit. Wir wollen das Bild verändern, Wissen vermitteln – und gleichzeitig Freude bereiten.

Bleibt es beim monatlichen Pop-up – oder schmieden Sie schon größere Pläne mit »Clamsy«?

Emma Depres: Wir wollen unser Angebot ausbauen: privates Catering, neue Locations, mehr Formate. Es gibt viele Ideen, und die Nachfrage wächst.


Rosa Velten
Autor
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