Ein kulinarischer Streifzug über Wiens Märkte
Auf Wiens Märkten jagt ein Besucherekord den nächsten. Ihr Aufschwung ist kein kurzer Trend, die Märkte haben sich nachhaltig positiv entwickelt und mit ihnen die Marktgastronomie. Warum wir den Boom noch immer nicht satt haben und die besten Lokaladressen.
Ein Markt behält selbst in der Großstadt seinen Dorfcharakter. Man ist nicht anonym, wird gegrüßt, vielleicht sogar beim Vornamen. Wie Herr Peter, der am Vorgartenmarkt im zweiten Bezirk etwas Blühendes für seinen Balkon kauft. Mit Verkäufer Dagan Nucic unterhält er sich über Begonien und seinen grauen Star. Eine andere Anrainerin verstaut ihre gekauften Blumen im Kinderwagen, in dem zwei Chihuahuas sitzen, während ihr Mops hinterherdackeln muss.
Der ehemals verrufene Vorgartenmarkt ist wohl das Musterbeispiel für die Belebung der Wiener Märkte: Dank neuer Marktlokale jünger und urbaner, aber auch nicht zu gentrifiziert oder auf Hochglanz poliert. Er ist aber nicht das einzige Beispiel. Wiens Märkte stellen wiederholt neue Besucherrekorde auf, das Marktamt zählte im Mai 2024 pro Woche über 527.000 Besucher auf Wiens Märkten. Das entspricht einer Steigerung von satten 28,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Starken Zuwachs konnten der Karmelitermarkt, Hannovermarkt sowie wiederholt der Viktor-Adler-Markt und Floridsdorfer Markt alias Schlingermarkt verzeichnen.
Gut Fürs Geschäft
War die Zahl der Märkte in den 1990er-Jahren durch das Aufkommen großer Supermarktketten stark dezimiert, stellte sich ab den 2000er-Jahren eine Trendumkehr ein. Brunnenmarkt, Kutschkermarkt, Naschmarkt und auch der Vorgartenmarkt wurden sukzessive saniert. Die Einführung verpflichtender Kernöffnungszeiten und ein verlängerter Lebensmittelverkauf attraktivierte die Märkte noch weiter. Für die Gastronomie gibt es eine Quote von maximal 40 Prozent, tatsächlich machen Lokale rund 33 Prozent der verbauten Fläche auf Märkten aus und sind ein wichtiger Faktor für das Geschäft.
Zurück zum Vorgartenmarkt, wo sich die Nachbarschaft in der »Enoteca Amici Miei« trifft. Josef Stachl alias »Pepi« übernahm die Filiale 2020 und ist »eine Anlaufstelle für jeden«, wie er sagt. An den Wänden reihen sich die Proseccoflaschen und Weine aneinander; egal wohin man blickt, scheint man ein neues Schildchen zu entdecken, das eine Spezialität anpreist. In der Vitrine sind Focaccia, Prosciutto, Lardo, Würste, Salami, Kapern, Oliven und Käse liebevoll angerichtet.
Vier Stunden täglich nimmt sich Stachl Zeit, damit alles genauso aussieht, wie er es möchte. Stachls besonders treue Stammgäste kommen mehrmals täglich. Für einen oder mehrere Espressos am Vormittag, zum Mittagessen, später für etwas Süßes und am Abend für eine Jause aus Antipasti.
Eine Liebeserklärung
Dass sich seine Gäste nach eigner Aussage weigern, in ein anderes Lokal zu gehen, selbst wenn er zwei Wochen auf Urlaub ist, empfindet Stachl als Liebeserklärung – eine, die er erwidert: »Ich werde einfach nie mehr zusperren. Am Vorgartenmarkt will ich bleiben, solange ich leb’.«
Unter die Nachbarschaft mischen sich aber auch Studierende der Wirtschaftsuniversität, auch wenn es sie eher in die »Mochi Ramen Bar« zieht. Die japanische Nudelsuppenküche ist ein Besuchermagnet und auch unter der Woche fast immer bummvoll. Zur Auswahl stehen sechs Ramen-Varianten von Schweinebauch bis hin zu Pilzen, die mit zusätzlichen Toppings ergänzt werden können.
Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist der 150 Jahre alte Meidlinger Markt im 12. Bezirk. Das ehemalige Sorgenkind ist zum Anziehungspunkt vieler Hipster und Bobos geworden. Die Atmosphäre aus entspannter »Wurschtigkeit« und Spitzengastronomie schließen sich in Meidling nicht aus: Zu den Alteingesessenen wie Fleischer Nuran haben sich auch hübsche Bilderbuch-Lokale gesellt, wie die »Wirtschaft am Markt« und der Feinkostladen »Heu & Gabel« mit Stadtheurigem. Serviert wird Hausmannskost, Veganes, Brettljause und Aufstrichplatten, alles mit regionalen Produkten aus heimischer Erzeugung.
Der Platzhirsch
Der beliebteste Markt Wiens ist und bleibt der Brunnenmarkt in Ottakring. Mit über 101.000 Besuchern die Woche hat er alle anderen Märkte weit hinter sich gelassen. Nirgends sonst kann man so weit strandeln, schauen, kosten und günstig einkaufen wie auf der fast einen Kilometer langen Marktmeile. Gehandelt wird bei über 170 Ständen mit Kaffee, Kalbfleisch, Käse und frischem Obst und Gemüse.
Was auch zum Bild des Brunnenmarkts gehört: die Stände für Kleidung, Geschirr und anderen Klimbim, von dem man nicht wusste, dass man ihn braucht. 46 verschiedene Nationen sind hier vertreten, viele auch kulinarisch: Lamm- und Rindfleisch-Kebab, syrische Fleischspieße vom Holzkohlengrill, ofenwarmes und gefülltes Fladenbrot oder Falafel mit Hummus und Baba Ganoush. Zu den türkischen und arabischen Geschäftsleuten hat sich auf Höhe des Yppenplatzes modernes Streetfood gesellt, wie die vegane Falafel- und Hummus-Bar »Garbanzo«, die »Tackerei« für kreativ gefüllte Tacos oder »S’Cazzo« für mit Schweinsbraten gefüllte Wachauer Weckerl oder Raclette-Semmeln.
Vielfältiger Yppenplatz
Besonders am Yppenplatz hat sich in jüngster Zeit gastronomisch viel getan. Der Verein »Speisen ohne Grenzen« ist in ein ehemaliges Gasthaus an der Ecke Payergasse eingezogen, wo auch Brunnenmarkt-Kenner Unbekanntes kosten können. Neu übernommen wurde die »Völlerei« in der Schellhammergasse 15, die jetzt »Sanny & Michi – Das Wirtshaus am Yppenplatz« heißt. Gekocht wird traditionelle Wiener Küche aus regionalen Zutaten.
Neben dem Brunnenmarkt ist der Kutschkermarkt der letzte verbliebene Straßenmarkt Wiens. Im 18. Bezirk finden Besucher hochwertige Produkte von frischem Obst und Gemüse bis hin zu Brot, Fisch, Käse, Wein, Säfte und Marmeladen. Inmitten des Markttreibens an Stand 11 liegt das noch recht neue »Paul & Worthmann«. Zunächst als Aperitivo-Bar eröffnet, startete vergangenen Sommer auch der Restaurantbetrieb, vereint wird gutes Essen in Tapas-Format (den Großteil der Produkte bezieht man direkt am Markt) und sehr gute Weine. Umgezogen ist »Takan’s Delikatessen« an seinen neuen Standort bei Nummer 30. Serviert werden die Schätze des Meeres, prachtvoll in der Vitrine präsentiert.
Der Rochusmarkt ist einer der kleinsten Märkte Wiens – das Angebot kann sich dennoch sehen lassen. Das beliebte italienische Standl »Pappa e Ciccia« zaubert in der kleinen Küche traditionelle Pastagerichte und Oktopussalat. Auch in der direkten Umgebung locken Lokale, darunter das »El Gaucho« für bestes Steak oder das »Zuckergoscherl« mit Blick auf den Markt und die Kirche. Im »Stellas 3« werden Tapas und saisonale Pasta gereicht. Oder man kostet sich durch das Tapas-Menü aus Iberco-Backerl, Seezunge und rosa gebratene Entenbrust. Auch ein Blick in die umfangreiche Getränke- und Cocktailkarte lohnt sich.
Der neue Naschmarkt
Der Naschmarkt ist Lokalmeile und Nahversorger, auf ihm treffen Küchen und Kulturen, Stadtbewohner und Touristen, aber auch Meinungen aufeinander. Umstritten sind vor allem die Pläne zur geplanten Markthalle. Das seitlich offene Gebäude soll ganzjährig bespielbar sein, für die Innenräume gibt es noch kein offizielles Konzept.
Kritiker befürchten, der Naschmarkt werde zur Fressmeile, Befürworter freuen sich auf eine moderne Markthalle, wie es sie in anderen Metropolen schon längst gibt. Welche Vision der Realität am nächsten kommt, wird sich im Herbst zeigen, wenn die Realisierung abgeschlossen sein soll. Was man über den Naschmarkt auch denkt, über 60.000 Besucher pro Woche machen ihn zum zweitbeliebtesten Markt – und das nicht grundlos.
Erkan Umar handelt mit den besten Fischen und Meeresfrüchten und serviert sie auch in der zum Geschäft gehörigen »Umar Fisch Bar«. Treffpunkt der Feinspitze ist der »Poehl am Naschmarkt«. Der Feinkostladen handelt mit Delikatessen aus aller Welt: Käse aus Frankreich, Prosciutto aus Italien oder Olivenöl aus Griechenland. Auch Dorfcharakter ist am Naschmarkt noch zu finden, man muss nur wissen, wo. Zum Beispiel in der Vinothek von Familie Urbanek an Stand Nummer 46. Das Generationengeschäft existiert seit 1946 und ist die Adresse für Schinken, Wurst, Käse und Wein. In der 13 Quadratmeter kleinen Greißlerei rennt der Schmäh, vor allem, wenn Gerhard Urbanek mit seinen Söhnen hinter der Budel steht. Wer hier einkauft, bleibt gerne noch auf ein Achterl und begegnet dabei mit etwas Glück dem Trüffellieferanten, der die kostbare Ware im Aktenkoffer transportiert.
Vorgartenmarkt
Meidlinger Markt
Brunnenmarkt
Kutschkermarkt
Naschmarkt
Rochusmarkt
HIER GEHTS ZUM GRÄTZEL-GUIDE DURCH DEN 1. BEZIRK
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