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Foto beigestellt/APA Images

»Es geht um Intensität, um nichts als Intensität« – Arnulf Rainer im Künstlerportrait

Opernball
Kunst

Arnulf Rainer galt als radikaler Erneuerer der österreichischen Nachkriegskunst. Mit seinen Übermalungen machte er Bruchstellen sichtbar. Sein Spätwerk zeigt oft überraschende Leichtigkeit. Wie das Gemälde »Schwarzer Samt, rote Seide«, das Sujet des diesjährigen Wiener Opernballs.

Bereits zu Lebzeiten war man sich über Arnulf Rainers Bedeutung einig. Unumstritten galt er als Malgenie von Weltrang. Der gebürtige Badener, der im Dezember 2025 kurz nach seinem 96. Geburtstag verstarb, verkörpert wie kaum ein anderer den künstlerischen Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg. Und er fühlte diese Stunde null in radikaler Konsequenz. Rainer suchte rastlos nach neuen Ausdrucksformen, wagte Experimente, wo andere noch zögerten, und ging immer einen Schritt weiter. Künstlerische und intellektuelle Verweigerung waren für ihn kein Selbstzweck. Er hinterfragte nicht nur geltende Normen, er löschte sie aus.

Der Übermaler

Es mag paradox erscheinen, dass gerade aus dieser Auslöschung Neues entstand: neue Inhalte, neue Formen, ein neues Verständnis von Malerei. »Ich male nicht, sondern ich bemale, übermale oder zermale, das heißt, ich brauche einen Auslösefaktor, etwas Existierendes, das ich bestalte.« Für Rainer diente, wie er selbst schrieb, »das Werk des Anderen als Humus für das eigene«. In diesem schöpferischen Prozess verband sich Zerstörung mit Erneuerung, Kritik mit Kreation.

Dass er sich auf keiner Akademie länger als drei Tage halten wollte, weder an der bildenden noch an der angewandten Kunst, war folgerichtig. Schließlich suchte Rainer, dieser große Einzelgänger, in seiner Kunst keine Lehre, sondern Erfahrung. Mit seiner »Bestaltung« wollte er die Kunst nicht verbessern, sondern vertiefen: Sie sollte innere, psychische Schichten freilegen, die hinter dem Sichtbaren verborgen liegen. Es ging ihm darum, das Verschweigen, das Verbergen, das Verdrängen sichtbar werden zu lassen. Ein Avantgardismus, der von Zeitgenossen verstanden wurde. Rainer wurde so zum Übermaler. Er übermalte Bilder, er übermalte Denkweisen und stand letztlich vor allem in der internationalen Wahrnehmung immer eine Stufe über anderen heimischen Künstler:innen, insbesondere wenn es um das Prädikat »zeitgenössisch« ging.

Meine Fresse

In diesem Licht erscheinen auch seine berühmten Face Farces, die ab Ende der 1960er-Jahre entstanden. In Automatenfotos, aufgenommen am Wiener Westbahnhof, verzog Rainer sein eigenes Gesicht zu komisch-erschreckenden Grimassen. Die Vergrößerungen dieser Aufnahmen überarbeitete er anschließend expressiv mit Farbe. Auch hier zeigt sich erneut: Rainer löscht nicht nur aus, er erweitert. Es entsteht ein völlig neuer Umgang mit dem (eigenen) Abbild, ein radikales Spiel mit Identität, Selbstbefragung und körperlicher Präsenz.

Amüsiert blickte Rainer später auf diese Schaffensphase zurück: »Als ich einmal bei einem Großphoto über die Wangen malte, brach mir im Malrausch der Pinsel. In der Hast versuchte ich es mit den Händen, schlug, drosch auf die Wange und war fasziniert von der Ohrfeigerei, von den Spuren meiner Handschläge.« Der Künstler malträtiert und traktiert sein Abbild und sein Werk und verwandelt dabei Zerstörung in Schöpfung, Aggression in Energie. Wild, ungestüm und von Körperlichkeit getrieben, wird die große Geste gefeiert. »Ich bin ein Malschwein, das ungeniert in Farbe wühlt«, formulierte er einmal deftig und nicht ganz frei von Selbstironie. Wohl auch, weil er wusste, dass man, wenn nur tief genug gewühlt wird, dem Kern dessen, was Welt und Mensch ausmacht, sehr nahe kommen kann.

STECKBRIEF

Arnulf Rainer wurde 1929 in Baden bei Wien geboren. Nach frühen Begegnungen mit der internationalen Avantgarde und Künstler:innen wie Maria Lassnig entwickelte er ab den frühen 1950er-Jahren eine radikal eigenstän-dige Position jenseits akademischer Traditionen. Erste Experimente führten zu Reduktionen (monochrome schwarze Bilder mit abgegrenztem weißem Rest) und schließlich zu den für ihn zentralen Übermalungen.

 

Ab Mitte der 1950er-Jahre war Rainer international präsent, u. a. in Paris, Venedig und New York. Ab den 1960er-Jahren erweiterte er sein Werk um Zeichnungen, Druckgrafik, Fotografie, Film und performative Selbstexperimente. Körper, Gesicht, Ekstase, Kreuzformen, Tod und Verwandlung wurden zu zentralen Themen. Selbstbemalungen, Face Farces, Totenmasken, Kreuzübermalungen und die Schleierbilder zählen zu seinen bekanntesten Werkgruppen.

 

Rainer nahm mehrfach an der documenta teil, vertrat Österreich auf der Biennale von Venedig und erhielt zahlreiche internationale Auszeichnungen. 1981 wurde er Professor an der Akademie der bildenden Künste Wien. Große Retrospektiven führten ihn u. a. ins Guggenheim Museum New York, die Albertina Wien und internationale Museen. Mit dem Arnulf Rainer Museum in Baden bei Wien wurde seinem Werk ein dauerhafter Ort gewidmet.

 

Arnulf Rainer starb im Dezember 2025 kurz nach seinem 96. Geburtstag.

So auch, als er sich gegen Ende der 1970er-Jahre intensiv mit dem polnisch-russischen Tänzer Vaslav Nijinsky auseinandersetzte. Rainer widmete dem Ballettvirtuosen, berühmt dafür, seine Sprünge scheinbar in der Luft anzuhalten, eine ganze Werkserie. »Ich vermeinte, bei ihm die Verwandlung des Künstlers zum Engel zu entdecken«, hielt er einst schriftlich fest, und schonte auf dem Weg zu dieser Entdeckung seine eigene Psyche keinen Millimeter: »Durch Beschäftigung mit Nijinsky wurde ganz Altes, Abgetanes, Gewelktes geweckt, als herausfordernd erlebt.« Denn, so Rainer: »Als kleines Kind, oft auf Zehenspitzen trippelnd, wollte ich nicht Maler, sondern ›Springinkerl‹, also Tänzer, werden. Später, als Halbstarker, interessierte mich mehr Ganzstarkes. Ich strebte nach Festem statt Festen, Gebautem statt Schwebendem, verachtete das Grazile, das Leichte und Weiche.«

Verschleierungstaktik

Rainer als Tänzer an der Staatsoper? Schwer vorstellbar. Und doch hält das Grazile, Leichte und Weiche in seinem Spätwerk verstärkt Einzug. Nach wie vor der schöpfungsstarken Geste aus Farbe verpflichtet, braucht er nun jedoch nichts mehr Darunterliegendes. Das zeigt sich etwa in den Schleierbildern, die ab Mitte der 1990er-Jahre entstehen. Rainer, der die kalten Monate inzwischen nicht mehr auf seinem Vierkanter in Oberösterreich, sondern in seinem Atelier auf Teneriffa verbringt, schafft darin zarte, lichtdurchflutete Farbnebel, die zu eindrucksvollen Grenzgängen zwischen dem Sicht- und Unsichtbaren werden. Der Infight mit der Leinwand wird nun mit dem Pinsel ausgetragen, in unzähligen dünnen Farbschichten, die übereinandergelegt sind.

Flapsig ließe sich kommentieren, dass das Zudecken nun vom Verschleiern abgelöst wird. Doch so einfach ist es nicht, wie man etwa am Gemälde »Schwarzer Samt, rote Seide« erkennen kann. Die Arbeit, die als Grundlage für das Plakatsujet des diesjährigen Wiener Opernballs dient, hat Arnulf Rainer im Mai des Vorjahres der Staatsoper für die Benefizauktion »Österreich hilft Österreich« zur Verfügung gestellt. Sie wird online über das Dorotheum versteigert. Im Bild liegen die Farbschichten in ihrer Abfolge gleichermaßen dicht nebeneinander und sind doch hauchdünn übereinander aufgetragen. Alles wirkt durchscheinend, wie transparente Schleier aus Gaze. Es ist ein gleichzeitiges Verhüllen und Vorzeigen, schwungvoll und elegant wie ein Linkswalzer.

Diese Spannung erzeugt einen großen Interpretationsspielraum, der nicht nur das Spätwerk öffnet, sondern auch frühere Arbeiten neu lesbar macht. Übermalung, Auslöschung, Geste, Schleier, alles fügt sich rückblickend zu einer konsequenten Haltung zusammen, die auf Verdichtung hinausläuft. Oder, um es mit Rainers eigenen Worten zu sagen: »Es geht um Intensität, um nichts als Intensität«.


 

Erschienen in
Falstaff Opernball Special 2026

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Manfred Gram
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