Staatsballet-Direktorin Alessandra Ferri im Interview: »Armani ist die Essenz von Eleganz«
Giorgio Armani starb an dem Tag, als seine Opernballkostüme das erste Mal probiert wurden. Alessandra Ferri über »Mr. Armani« und das Geheimnis seines Erfolgs.
Falstaff: Frau Ferri, wo lernt man Giorgio Armani so gut kennen, dass man ihn einfach anrufen konnte – und er sofort ein paar Kostüme entwarf?
Alessandra Ferri: (lacht) Mr. Armani und ich haben uns vor vielen Jahren in Mailand kennengelernt. Und ich wollte etwas Erhabenes, Glamouröses für den Ballettauftritt schaffen – und genau das ist Armanis Kunst. Also habe ich ihn angerufen und er war sofort begeistert. Mr. Armani ist ein Mann, der die Mode verändert hat. Er kann glamourös sein, ohne kitschig zu wirken – das ist wahre Eleganz. Es ist mehr: Es ist die Essenz der Eleganz. Er hat sich sehr über meine Anfrage gefreut und als wir dann das erste Fitting hatten, wollte ich ihn ganz begeistert und dankbar und stolz anrufen. Aber er war nicht mehr zu erreichen. Er war am Tag der ersten Anprobe gestorben. Die Kostüme sind somit eine seiner letzten künstlerischen Arbeiten. Armanis Vermächtnis.
Armanis Tod hat durch diese Geschichte etwas von einem großen, traurigen Opernfinale. Was konnte er, was andere nicht können?
Er hat ein einzigartiges Verständnis von der Schönheit eines Körpers. Er war in allem minimalistisch und elegant. Minimalismus in Bezug auf Armani bedeutet: Er war wie ein großer Maler, der etwas Außergewöhnliches entwerfen kann und dabei zum Wesentlichen vordringt. Er ist nicht aus Mangel an Möglichkeiten minimalistisch, sondern aus freier Wahl, weil er das Wesen der Schöhnheit versteht. Er hat die Leichtigkeit von Musik und Tanz in Mode übersetzt.
Sie waren im vergangenen Jahr das erste Mal auf dem Opernball, wie war das für Sie?
Es ist ein einzigartiges, großartiges Märchen. Es ist ein kollektiver Traum von Glamour, es ist wie eine Oscar-Verleihung. Ich habe mir für dieses Jahr genau angesehen, wie dieser Ball zum Leben erweckt wird. Die Organisation dahinter ist phänomenal. Es ist ein sehr fröhliches, großes Ereignis, ein Unterhaltungsabend. Von künstlerischer Seite sind wir ein wenig eingeschränkt, weil wir keinen richtigen Tanzboden haben – wir können also viele Dinge nicht machen, weil der Boden rutschig ist. Wir dürfen also nicht zu Schwieriges machen. Man muss sich daher mehr auf die Wirkung als auf den Inhalt konzentrieren.
Es ist ein sehr fröhliches, großes Ereignis, ein Unterhaltungsabend.
Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Tänzerinnen und Tänzer aus?
Ich glaube an Tänzer:innen, die tanzen, weil sie keine andere Wahl haben. Talent hat derjenige, der den Mut hat, über die bloße Performance hinauszugehen. Die Tänzer:innen müssen uns zeigen, wer sie wirklich sind.
Sie haben einmal gesagt: »Der einzige Weg zur Freiheit ist Disziplin und Leidenschaft.«
Ich glaube, das gilt für alle Menschen – zumindest ist das meine Erfahrung. Um zu erreichen, was einen erfüllt und glücklich macht, braucht man Disziplin. Freiheit besteht darin, anzukommen und das zu tun, was du willst. Dafür muss man Arbeit investieren. Das kann innere Arbeit sein, aber auch äußere. Ich habe den Probenprozess oft mehr genossen als die eigentliche Aufführung, weil die Proben immer eine Reise des Lernens sind. Das ist anstrengend, aber es bringt dich weiter.
Freiheit besteht darin, anzukommen und das zu tun, was du willst.
Was ist die beziehungsweise der perfekte Tänzer:in?
Es ist nicht die perfekte Tänzerin oder der perfekte Tänzer, die bzw. den ich suche. Ich suche Tänzer:innen mit ausgeprägten technischen und interpretatorischen Fähigkeiten, um das Repertoire, das wir aufführen werden, präsentieren zu können. Ich habe einen gewissen Standard, und den möchte ich auch vermitteln. Das ist eigentlich schon alles ...