Fruchtige Opulenz: Primitivo aus Apulien
Mit seiner dunklen, rubinvioletten Farbe, der kräftigen Frucht, seiner opulenten Fülle und den geschmeidigen Tanninen findet er immer mehr begeisterte Anhänger: Primitivo kommt aus Apulien, dem Stiefelabsatz Italiens. Oft kommt er mit ausgeprägter Restsüße daher und gefällt da durch seine Geschmeidigkeit. Es gibt ihn aber auch als Spitzenwein knochentrocken.
Diese alten Burschen hier sind unser wahrer Reichtum«, sagt Gianfranco Fino stolz. Er verweist auf knorrige alte Rebstöcke, die kaum mehr als einen halben Meter aus dem Boden ragen. Am dicken Stamm erkennt man, dass sie schon viele Jahrzehnte hier stehen. »Einige dieser Reben sind deutlich über 100 Jahre alt«, erklärt Fino. »In den sandigen Böden nahe zum Meer hin finden wir sogar noch wurzelechte Stöcke. Die Reblaus konnte hier nie aktiv werden.« Wir sind im Salento, die Hacke des italienischen Stiefels, die das adriatische vom ionischen Meer trennt. Olivenbäume und Weinstöcke prägen die Landschaft. Viele Winzer entdecken gerade den Wert der alten Rebstöcke, die in den meisten Fällen in Stockerziehung gehalten sind. Die »Alberello-Erziehung«, wie sie im Italienischen genannt wird, hat sich als ideale Erziehungsform hier im Süden erwiesen. Die Rebe kann besser die Feuchtigkeit speichern und ist weniger dem Wind ausgesetzt. Durch das dichte Blattwerk sind die Trauben vor der Sonne geschützt, zudem wird mit Alberello der Ertrag gesenkt. Erst 2004 begann Gianfranco Fino mit dem Weinbau. Von Beginn an spezialisierte er sich auf alte Reben. Innerhalb weniger Jahre schaffte es Fino, aus seinem »Es« einen gesuchten Kultwein zu machen – einen Wein mit barocker Fülle, der dabei stets auch Eleganz und Saftigkeit zeigt.
Salento ist die Heimat des Primitivo. Die Behauptung, diese lokale Sorte sei mit Zinfandel identisch, machte sie in den 1990er-Jahren schlagartig weltbekannt. Vorwiegend in der Manduria, dem dem ionischen Meer zugewandten Landstrich südlich von Taranto, wird Primitivo angebaut. Man findet die Sorte aber auch um Brindisi und Taranto sowie in Gioia del Colle bei Bari. Der Name des Primitivo hat nichts mit vermeintlicher Einfachheit zu tun, sondern ist aus dem Lateinischen »primativus« abgeleitet, die Sorte, die am frühesten reift. Sie treibt im Frühjahr als Erste aus, blüht am frühesten und wird bereits im August geerntet. Primitivo fällt durch seine dichte, rubinviolette Farbe auf. Je nach Herkunft und Ausbauart präsentiert er sich von intensiv fruchtig bis kräftig, voll und schwer, zeigt dabei aber doch immer eine gewisse Eleganz und Frische. Das ist umso erstaunlicher, wenn man die Alkoholgrade der Weine bedenkt. Primitivo ist der Weltmeister unter den Zuckersammlern. 15 und 16 Prozent Alkohol sind eher die Regel als die Ausnahme; einige besonders konzentrierte Exemplare durchbrechen sogar die Schallmauer von 18 Prozent.
Auf alte Reben setzt auch Nicola Chiaromonte. Seine Tenute Chiaromonte zählt zu den Top-Häusern Apuliens und liegt im Gebiet von Gioia del Colle. Karge Böden und Höhenlagen von 300 bis 500 Metern verleihen dem Primitivo hier Eleganz und Frische. Bekannt ist Chiaromonte für seinen Primitivo Muro Sant’Angelo und vor allem für den Muro Sant’Angelo Contrada Baratta, der aus Trauben von alten, wurzelechten Reben entsteht. Chiaromonte benutzt dabei noch eine alte Form der Rebenvermehrung: »Wir nehmen einen Trieb, biegen ihn in die Erde und lassen die Spitze des Triebes herausschauen. Im nächsten Jahr schlägt der Trieb Wurzeln und bildet eine neue Rebe. Das ist die älteste Vermehrungsmethode für Reben.« Komplettiert wird das Spitzentrio von Chiaromontes Primitivo von einer Riserva, die lange im Holzfass reift. Allerdings gibt es davon leider nur wenige Flaschen.
Auch Filippo Cassanos Weingut Polvanera liegt in Gioia del Colle. Der Keller ist spektakulär in den karstigen Kalkstein eingeschnitten. Polvanera erzeugt gleich sieben Weine aus Primitivo: Neben zwei Schaumweinen gibt es fünf verschiedene Rote – einer nur mit Sortenangabe, die anderen sind Lagenweine, nach dem durchschnittlichen Alkoholgehalt durchnummeriert von 14 bis 17.
Tormaresca ist einer der größten Betriebe in Apulien und gehört zu Marchesi Antinori. Nach der Masseria Maìme bei Brindisi und der Tenuta Bocca di Lupo im Norden bei Castel del Monte erwarben die Antinori vor einigen Jahren auch die Tenuta Carrubo bei Manduria. Auf 40 Hektar wird hier ausschließlich Primitivo angebaut. Das Spitzenprodukt Carrubo begeistert mit satter Frucht und geschliffenem Tannin. Die Tenuta Rubino hat ihren Sitz in Brindisi und bearbeitet weitläufige Weingärten rund um die bekannte Hafenstadt. Luigi Rubino und seine Frau Romina zeigen schon seit vielen Jahren eindrucksvoll, wie geschliffen und fein Weine aus Apulien sein können. Das gilt auch für die Primitivo von Rubino: Mit Punta Aquila, Palombara und Visellio erzeugt Rubino drei hervorragende Vertreter. Feine, gehaltvolle Primitivo mit satter Frucht kommen auch von Feudo Croce, einem Weingut, das zur Tinazzi-Gruppe aus Venezien gehört, von Leone de Castris, einem der traditionsreichsten Weingüter Apuliens, und von Felline. Gregory Perrucci übernahm in den 1990er-Jahren die große Handelskellerei seines Vaters und begann mit Flaschenfüllungen. Über die Marke Pervini machte er Primitivo bekannt. Heute erzeugt Felline vier verschiedene Lagen-Primitivo, die sich aufgrund von Boden und Lage alle ein klein wenig voneinander unterscheiden. Eine spannende Sache!
Primitivo = Zinfandel?
1994 ließ die Ampelografin Carol Meredith von der Universität Davis in Kaliforniern aufhorchen. Der in den USA so weit verbreitete Zinfandel sei mit dem Primitivo aus Apulien identisch. Über Nacht stand der Primitivo im Rampenlicht der Weinwelt. Seine Nachfrage stieg in den USA markant an. Weitere Forschungen ergaben, dass die beiden Reben doch nicht identisch, sondern nur eng verwandt waren. Später glaubte man im Plavac Mali in Dalmatien den Ursprung des Zinfandel entdeckt zu haben. Das jedoch stellte sich als Irrtum heraus. Nachdem in den folgenden Jahren noch in einigen weiteren Sorten der Ursprung von Zinfandel und Primitivo vermutet wurde, stieß die Forschung schließlich auf die alte kroatische Sorte Tribidrag. Hier liegt definitiv der gemeinsame Ursprung von Primitivo und Zinfandel, beide haben sich aus Tribidrag heraus entwickelt.