Kochbuch oder Google? Wie Kochbücher Geschmack und Geschichte vermitteln
Kochbücher haben sich aus der reinen Rezeptverwaltung längst in den Bereich der Erzählkunst vorgekocht – und damit in eine Grauzone zwischen Gebrauchstext und Literatur.
Zwischen der Flut an Rezepten auf Instagram und Co. stellt sich die Frage nach dem Stellenwert klassischer Kochbücher. Doch statt an Bedeutung zu verlieren, sind sie gefragter denn je – ihr Inhalt hat sich gewandelt und verbindet Rezepte zunehmend mit erzählerischen, lesenswerten Geschichten.
»Natürlich könnte man die Frage stellen: Braucht es überhaupt noch Kochbücher?«, sagt Stefanie Brandstätter, die seit über einem Jahrzehnt das Kulinarik-Programm im Wiener Brandstätter Verlag leitet. »Weil es gibt ja einfach auch gerade durch das Aufkommen von Instagram so viele Rezepte.« Dennoch erlebe das Genre keinen Bedeutungsverlust, im Gegenteil: »Es ist ein totales Glücksversprechen für viele Menschen«, sagt sie im Gespräch mit Falstaff.
Dass Kochbücher zunehmend gelesen und nicht nur benutzt werden, lässt sich auch empirisch beobachten. Laut internen Erhebungen, auf die Brandstätter verweist, würden rund 80 Prozent der Kochbücher abends im Bett gelesen; im Schnitt würden nur etwa zweieinhalb Rezepte pro Buch tatsächlich nachgekocht. Das Kochbuch wird damit zum Lesebuch: Man liest sich einen französischen Abend herbei, ohne zwingend in die Normandie oder Paris zu reisen.
Mehr Story als Rezept
Diese Hinwendung zum Erzählen hat auch mit der Konkurrenz aus dem Netz zu tun. Wenn jedes Rezept online kostenlos verfügbar ist, muss ein Buch einen Mehrwert bieten – mehr sein als eine bloße Anleitung. Was früher als nüchterne Gebrauchsanweisung daherkam, wird heute mit Reiseberichten, Kindheitserinnerungen und kulturhistorischen Miniaturen aufgefüllt. Brandstätter spricht davon, dass Rezepte »emotional aufgeladen« werden, etwa wenn eine Köchin ein Hummus-Rezept mit einer Geschichte aus ihrer Kindheit verbindet.
Die neue Rolle des Kochbuchs
Glaubwürdigkeit spielt dabei eine größere Rolle als Follower-Zahlen. Zwar seien Instagram und TikTok »definitiv wichtig für die Vermarktung«, sagt Brandstätter, aber »viele Follower:innen bedeuten nicht automatisch, dass sich das Buch verkauft«. Wichtiger sei die Autorenpersönlichkeit.
Beim Brandstätter Verlag wird dieser erzählerische Anspruch teils historisch gedacht. Das Buch »Knödelreich« etwa geht auf 350 Jahre alte handschriftliche Rezepte aus einem oberösterreichischen Archiv zurück und wurde bewusst als kulturelles Dokument angelegt: Die kaum entzifferbaren Originaltexte wurden transkribiert und in die Gegenwart übersetzt – nicht nur kulinarisch, sondern auch sprachlich. Dass solche Bücher funktionieren, zeigen auch Backlist-Klassiker wie »Der goldene Plachutta«, das Standardwerk der Wiener Rindfleischküche von Ewald Plachutta, das noch Jahre nach Erscheinen verkauft wird.
Ob Kochbücher Literatur sind, hängt letztlich von der Definition ab. Als reine Gebrauchsliteratur lassen sie sich kaum mehr fassen. Ob man das Literatur nennt oder nicht, ist vielleicht zweitrangig.