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Das Weingut Craggy Range, eingerahmt von der dramatischen Kulisse des Te Mata Peak.

Das Weingut Craggy Range, eingerahmt von der dramatischen Kulisse des Te Mata Peak.
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Mehr als Sauvignon Blanc: Neuseelands neue Weinkultur

Wein
Neuseeland
Weinbau

Neuseeland ist nur Sauvignon Blanc? Noch. Während der Kassenschlager aus Marlborough weltweit für Wiedererkennung sorgt, wächst im Hintergrund eine neue Weinkultur heran – geprägt von Sorten wie Pinot Noir, Chardonnay oder Syrah und einem wachsenden Stolz auf die Māori-Wurzeln.

Sauvignon Blanc aus Marlborough ist für Neuseeland ein Glücksfall: leicht verständlich, hoher Wiedererkennungswert, global vermarktbar. Ein Wein, der die Massen begeistert und gleichzeitig ordentlich die Kassen klingeln lässt.

Von den 361 Millionen Litern Wein, die Neuseeland 2023 produzierte, waren 78 Prozent Sauvignon Blanc. Hauptsächlich aus Marlborough, wo etwa 25.000 Hektar mit der Sorte bepflanzt sind. Das sind immerhin satte 60 Prozent der gesamten Rebfläche des Landes am anderen Ende der Welt.

Die Dominanz der Sorte spiegelt sich auch beim Exportanteil wider. Neuseeland exportiert etwa 90 Prozent der gesamten Weinproduktion. Gut 85 Prozent hiervon entfallen auf Sauvignon Blanc. Neuseeland ist gleich Sauvignon Blanc? Rein auf die Statistiken bezogen, lautet die Antwort definitiv: ja!

Der Erfolg der Rebsorte, die ursprünglich von der französischen Loire stammt, prägt das internationale Image des Landes sogar so stark, dass es andere Facetten des hiesigen Weinbaus durchaus schwer haben, wahrgenommen zu werden. Zumindest bei der Mehrheit.

Ein Schicksal, das an das von Peter Jackson erinnert – jenem neuseeländischen Regisseur, der mit »Der Herr der Ringe« weltweiten Ruhm erlangte und seither untrennbar mit Mittelerde verbunden ist. Dabei reicht sein filmisches Schaffen weit darüber hinaus.

Genauso ringen viele neuseeländische Winzer darum, auch mit anderen Rebsorten und Stilen in der Welt wahrgenommen zu werden. Zu Recht, denn tatsächlich ist die Diversität neuseeländischer Weine heute größer denn je – stilistisch wie qualitativ.

Die Adoleszenz eines Weinlandes

Während Sauvignon Blanc die Massen erfreut, sind die von der internationalen Weinkritik am besten bewerteten Weine des Landes längst aus anderen Sorten.

Aus Pinot Noir etwa, der sich in den letzten beiden Jahrzehnten zur spannendsten roten Rebsorte des Landes entwickelt hat. Regionen wie Martinborough oder Central Otago, die südlichste Weinregion der Welt, zeigen Jahr für Jahr, wie differenziert Pinot in Neuseeland gelingen kann.

Die Stilistik hat sich dabei stark gewandelt. »In den Anfangsjahren war vieles fruchtbetont, laut und sollte auffallen«, erklärt Weinmacher Blair Walter vom Weingut Felton Road in Bannockburn, Central Otago. Mit fortschreitendem Alter der Reben und zunehmender Erfahrung wachse jedoch das Vertrauen auf das eigene Terroir.

Heute gehe es darum, früher zu lesen, weniger zu extrahieren und die Eingriffe im Keller zu minimieren, statt die Weine zu formen. Eine Entwicklung, die nicht nur stilistisch, sondern auch kulturell zu verstehen ist und dem ähnelt, was die nordische Küche in den vergangenen zwei Jahrzehnten durchlief: Weg von der Imitation etablierter Stile, hin zur Entwicklung einer eigenständigen Identität. Wenn man so möchte, die Adoleszenz eines Weinlandes, dessen Geschichte unglaublich jung ist.

Spätzünder Neuseeland

Neuseeland ist die jüngste der bedeutenden Weinregionen der neuen Welt, und obwohl 1819 bereits die ersten Reben gepflanzt wurden, war der Weinbau lange Zeit kommerziell unbedeutend auf der Insel. Landwirtschaftlich dominierte die Viehzucht, der Alkoholkonsum war gesetzlich stark reglementiert, und die Neuseeländer, größtenteils britischer Abstammung, tranken lieber Bier und Spirituosen statt Wein.

Erst mit der Lockerung des Alkoholverkaufs Ende der 1960er-Jahre und dem Wegfall wichtiger Exportvorteile für Fleisch- und Milchprodukte infolge des Beitritts Großbritanniens zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft im Jahr 1973 wandte sich das Blatt.

Viele neuseeländische Landwirte suchten neue Einkommensquellen und wandelten Weideflächen in Rebberge um. Zusätzlichen Schub erhielt die junge Branche durch Investitionen australischer und amerikanischer Unternehmen. Von 1960 bis 1980 stieg die neuseeländische Weinproduktion von vier Millionen Liter auf 50 Millionen Liter. Mitte der 1980er-Jahre folgte dann der internationale Durchbruch und eigentliche Boom, ausgelöst durch besagten Sauvignon Blanc aus Marlborough. Nicht weniger als ein Befreiungsschlag.

Binnen weniger Jahre wurde die Rebsorte zum Markenzeichen. Von Felton Road etwa, das 1997 die ersten Weine produzierte, gab es damals noch keine Spur. Geschweige denn von den neuen Akteuren Central Otagos, wie Paul Pujol von Prophet’s Rock, Kahiwi oder Moko Hills. Allesamt Produzenten, die durch ihre Weine aus dem Gros herausstechen, weil sie nach Terroirausdruck, Eleganz und Frische streben.

Paul Pujol prägt mit Prophet’s Rock den modernen Stil von Central Otago.
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Paul Pujol prägt mit Prophet’s Rock den modernen Stil von Central Otago.

Mehr als Terroir

Neuseelands Weinbau bewegt sich. Und das deutlich schneller als anderswo auf der Welt – insbesondere in Europa. Das mag daran liegen, dass die Weinbaugeschichte des Landes noch jung ist, aber auch daran, dass ein Großteil der Neuseeländer Einwanderer sind, die in einem neuen Land ein neues Leben begonnen haben. Ein Schritt, der Flexibilität abverlangt und offenbar in die DNA übergangenen zu sein scheint.

Paul Pujol bringt diese Flexibilität im Bezug auf den Weinbau auf den Punkt: »Wir haben keine starren Vorschriften wie in vielen europäischen Appellationen. Das gibt uns Verantwortung – aber auch die Möglichkeit, wirklich originelle, ortsbezogene Weine zu schaffen.«

Ein zentraler Begriff, der diesbezüglich in den letzten Jahren immer stärker in Erscheinung tritt und einen spürbaren kulturellen Wandel beschreibt, ist Tūrangawaewae. Immer mehr Produzenten setzen sich mit der indigenen Māori-Kultur auseinander, integrieren traditionelle Werte in ihre Arbeit und tragen zur Wiederbelebung des kulturellen Wissens bei. Tūrangawaewae, wörtlich übersetzt »ein Ort zum Stehen«, beschreibt dabei ein Konzept, das dem französischen Terroir-Begriff ähnelt, jedoch eine tiefere spirituelle und kulturelle Dimension besitzt.

Es geht um Heimat, Verwurzelung, Ahnenverbindung und darum, das Land nicht nur zu bewirtschaften, sondern zu bewahren. Ein holistisches Konzept, das in Zeiten des Klimawandels und einer sich stark verändernden Welt aktueller nicht sein könnte und ein Teil der wachsenden Bedeutung der Māori-Kultur in der Gestaltung einer eigenständigen, zukunftsorientierten neuseeländischen Weinkultur ist.

Weine mit Wurzeln

Auch die Te Reo Māori, die Sprache der Ureinwohner Neuseelands, erlebt ein landesweites Comeback. Bis 2040 sollen eine Million Neuseeländer und Neuseeländerinnen Māori sprechen.

Diese Entwicklung spiegelt sich im Weinbau beispielsweise in indigenen Namen für Weingüter wieder, so wie etwa bei der Te Kano Estate, die sich ebenfalls in Central Otago befindet und 2015 gegründet wurde. »Te Kano« bedeutet auf Māori »der Samen«. Das Weingut pflanzte vor geraumer Zeit, inspiriert von den kühleren Stilistiken des französischen Chablis, zehn Hektar Chardonnay in der Lage Northburn. Einer von diversen Chardonnays, den Weinmacher Dave Sutton in Central Otago und in Waitaki, der jüngsten der Weinregionen Neuseelands, produziert.

Die Gewächse von Te Kano zeigen, dass auch diese Sorte – präzise vinifiziert – immenses Potenzial besitzt. Auch in der Region Hawke’s Bay auf Neuseelands Nordinsel, wo unter anderem das Weingut Te Mata mit dem Elston Chardonnay seit 1984 einen legendären Chardonnay produziert. Hier wirkt auch Tony Bish, ein Produzent, der sich gänzlich der Sorte verschrieben hat.

Die Trauben des »King of Chardonnay«, wie Bish auch genannt wird, stammen von diversen Lagen in Hawke’s Bay und spiegeln den Charakter der Region facettenreich wider. Besonders ist der Ausbau in Eiern, teils aus Holz, teils aus Beton, die seinen Chardonnays eine besondere Textur und zusätzliche Komplexität verleihen.

Neben Chardonnay finden sich in Hawke’s Bay auch immer mehr hervorragende Syrah-Gewächse. Beispielsweise von Craggy Range oder auch Bilancia.

Diversität als Chance

Die Zeichen stehen auf Wandel. Während Sauvignon Blanc weiterhin die Exportstatistiken dominiert, zeigen immer mehr Produzenten: Neuseeland kann mehr als nur einen Stil.

Die Herausforderung liegt nun darin, diese Vielfalt auch international zu kommunizieren. Denn solange Weinliebhaber bei »Neuseeland« automatisch an Marlborough denken, bleibt Pinot Noir aus Central Otago oder Chardonnay aus Hawke’s Bay ein Geheimtipp für Kenner.

Vielleicht ist es genau diese Spannung zwischen kommerziellem Erfolg und kreativem Aufbruch, die Neuseelands Weinbau so faszinierend macht. Die Frage ist nicht, ob Neuseeland über den Sauvignon Blanc hinauswachsen kann – sondern wann die Welt, vor allem in unseren Breiten, bereit ist, es zu entdecken.

Craggy Range war das erste Weingut Neuseelands mit konsequentem Fokus auf Einzellagen-Weine und hat das Terroir-Verständnis in Aotearoa nachhaltig geprägt.
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Craggy Range war das erste Weingut Neuseelands mit konsequentem Fokus auf Einzellagen-Weine und hat das Terroir-Verständnis in Aotearoa nachhaltig geprägt.

 

Erschienen in
Falstaff Magazin Österreich Nr. 6/2025

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Dominik Vombach
Dominik Vombach
Chefredaktion Schweiz
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