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Seit wann ist es so mühsam, einen Tisch zu reservieren?

Gastronomie
Restaurant

Mal eben spontan einen Tisch reservieren? Vergessen Sie's. Wer in manchen Restaurants essen gehen möchte, braucht oft mehr Vorlauf als für einen Termin beim Hautarzt. Muss das wirklich sein?

Vor wenigen Tagen wollte ich einen Tisch reservieren. Ehrlicherweise etwas kurzfristig. Und gestandenermaßen für acht Personen und nicht für zwei, die im Notfall an der Bar Platz finden könnten. Doch einen Versuch ist es wert. Also wählte ich leicht nervös die Nummer und rechnete bereits innerlich mit einer Absage. »Habe ich eingetragen«, bestätigte die freundliche Stimme meine Anfrage.

Moment einmal! Kein Hinweis auf eine Warteliste. Keine Bitte um eine Kreditkarte, falls wir nicht auftauchen würden. Kein Zeitfenster von exakt 90 Minuten, nach dessen Ablauf der Tisch wieder frei sein muss. Nur eine unkomplizierte Reservierung – so, wie sie früher selbstverständlich war.

Der Grund dämmerte mir kurz danach. Bei dem Restaurant handelte es sich weder um einen gehypten Hotspot, noch um ein angesagtes Szene-Lokal, das für die nächsten Wochen restlos ausgebucht ist. Stattdessen rief ich in einer simplen Gaststätte (wohlgemerkt mit zauberhaften Ausblick) an, in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Ein Moment, der mir bewusst machte, wie vergleichsweise absurd die Reservierungskultur in vielen Großstädten inzwischen geworden ist.

Haben Sie zufällig noch einen Platz?

Gewohnt bin ich nämlich etwas anderes. Sobald ich einen Tisch in Frankfurt, München oder Hamburg reservieren möchte, beginnt ein ganz anderes Spiel. Frühstück am Samstag? Ohne Reservierung fast aussichtslos. Das neue italienische Restaurant? Frühestens in vier Wochen. Das angesagte Weinbistro? Leider komplett ausgebucht – aber auf die Warteliste können wir Sie gerne setzen.

Ich klicke mich durch OpenTable, Resmio und Google Reserve. Rufe an, schreibe Mails oder kontaktiere – wenn notwendig, sogar über Instagram. Aktuell benötigen Restaurantbesuche fast so viel Planung wie ein Kurztrip. Spontane Genussmomente finden immer weniger statt. Stattdessen sind Terminplanung und Zeitmanagement gefragt.

Finden statt folgen

Das Problem liegt nicht darin, dass es zu wenige gute Restaurants gibt. Nein. Das Problem liegt darin, dass wir alle dieselben besuchen wollen. Ich nehme mich davon gar nicht aus. Auch ich speichere Restaurants auf Instagram, lasse mich von schönen Tellern verführen und von Influencer:innen, die sagen: Da musst du hin! Wochen später sitze ich dann endlich »da, wo ich hin muss« – nach langer Wartezeit, mit einem reservierten Zeitfenster und dem leisen Gefühl, dass dieser Abend den Erwartungen jetzt bitte auch gerecht werden sollte. Und wer jetzt sagt, dass Vorfreude die schönste ist, musste wahrlich noch nicht lange genug auf den Tag der Tischreservierung hin fiebern.

 

Vielleicht sollten wir uns wieder öfter trauen, links und rechts der algorithmisch vorgegebenen Restaurant-Hitlisten zu schauen. Die Zeit, die wir nutzen, verzweifelt Tischreservierungen zu ergattern, könnten wir darin investieren, nach Underdogs und Geheimtipps zu recherchieren. Die kleinen Bistros, Dorfgasthäuser und unscheinbaren Lokale haben einen entscheidenden Vorteil: Sie lassen meist Spontanität zu. Herrlich!

Wenn ich an die schönsten Restaurantbesuche meines Lebens zurückdenke, dann erinnere ich mich natürlich an außergewöhnliche Küchen. Vor allem aber erinnere ich mich an die unkomplizierten Abende. An das spontane Dinner mit einer Freundin, die zufällig in der Stadt war. Oder an die Schnapsidee, mit acht Leuten im Heimatdorf alte Zeiten Revue passieren zu lassen. Die besten Momente entstehen selten vier Wochen im Voraus.


Célin Röser
Célin Röser
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