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In den traditionellen Qvevri-Amphoren reift Wein in Georgien seit Jahrtausenden tief in der Erde.

In den traditionellen Qvevri-Amphoren reift Wein in Georgien seit Jahrtausenden tief in der Erde.
© Eric Martin | Le Figaro Magazine | Laif

Weinland Georgien – Das Gastland der VieVinum

VieVinum 2026
Vievinum
Wien
Georgien

Bei der aktuellen Ausgabe der Weinmesse VieVinum fungiert Georgien auf Einladung der Veranstalter als Gast. Das Weinland zwischen Schwarzem Meer und den schneebedeckten Gipfeln des Kaukasus gilt als die Wiege der Weinkultur und als Motor der modernen »Orange-Wine-Bewegung«. Rund 25 Winzer werden die ungemeine Vielfalt an Sorten und Stilen im Rittersaal der Hofburg repräsentieren.

Die Wiege der Weinkultur steht unbestreitbar im Südkaukasus, wo die Menschheit vor rund 8.000 Jahren einen ihrer folgenreichsten kulturellen Durchbrüche erzielte. In der fruchtbaren Region des heutigen Georgiens begannen neolithische Siedler damit, wilde Reben nicht mehr nur zu sammeln, sondern sie gezielt zu domestizieren und zu kultivieren. Sensationelle archäologische Funde in den Siedlungen Gadachrili Gora und Shulaveris Gora lieferten den chemischen Beweis für diese Pionierleistung: An Tonscherben aus der Zeit um 6.000 v. Chr. wiesen Forscher Weinsäure nach, ein unmissverständlicher Hinweis auf eine bereits etablierte Weinproduktion. Damit ist Georgien nachweislich die älteste Weinbaunation der Erde, deren Tradition ohne Unterbrechung bis in die heutige Zeit pulsiert.

Schon in diesen archaischen Anfängen manifestierte sich eine technische Brillanz, die heute als das georgische Markenzeichen schlechthin gilt: die Nutzung der Qvevri. Dies sind gewaltige Tonamphoren, die man im Erdreich versenkt, um die natürliche Kühle des Bodens für einen stabilen Gärprozess zu nutzen. Anders als in der westlichen Antike üblich, vergoren die georgischen Urwinzer den Saft mitsamt Schalen, Kernen und oft auch Kämmen, was den Weinen eine enorme Struktur und natürliche Konservierung verlieh. Diese frühe Form des Weinbaus war weit mehr als bloße Agrartechnik; sie wurde zum spirituellen Fundament einer ganzen Gesellschaft. Die Rebe verwuchs so fest mit der georgischen Identität, dass sie Kriege, Invasionen und Jahrtausende überdauerte und heute als lebendes Denkmal der Menschheitsgeschichte gilt.

Mehr als 500 Sorten

Die Reblandschaft Georgiens ist ein Mosaik aus klimatischen Extremen und einer weltweit einzigartigen Sortenvielfalt. Das unangefochtene Epizentrum ist Kachetien im Osten; im weiten Alasani-Tal reifen auf eisenreichen Böden etwa drei Viertel aller georgischen Trauben. Hier dominiert die kraftvolle Saperavi, eine tiefdunkle Traube, die für ihre monolithische Struktur und enorme Langlebigkeit berühmt ist. Ihr zur Seite steht die weiße Rkatsiteli, die als vielseitiges Rückgrat der kachetischen Weinwelt fungiert und in den vergrabenen Tonamphoren ihre volle, bernsteinfarbene Komplexität entfaltet. Richtung Westen, im zentralen Kartlien, wandelt sich das Profil: Das kühlere Klima begünstigt hier die Sorte Chinuri, aus der die Winzer elegante, feinperlige Schaumweine und präzise Stillweine keltern, die einen modernen Kontrast zur archaischen Schwere des Ostens bilden.

Jenseits des Lichi-Gebirges, in Imeretien, begegnet man einer deutlich floraleren und säurebetonteren Weinstilistik. Hier prägt die Sorte Tsolikouri das Bild, die oft mit weniger Schalenkontakt ausgebaut wird und so eine fast schon tänzerische Frische bewahrt. Ein wahres Refugium für Raritäten ist das nördliche Hochland von Ratsch-Letschchumi. In diesen steilen Lagen gedeihen die Sorten Aleksandrouli und Mudjuretuli, die Grundstoffe für den legendären, samtig-süßen Khvanchkara. Bis hinunter zur subtropischen Schwarzmeerküste, wo die Oudjaleshi-Traube der feuchten Meeresbrise trotzt, zeigt sich Georgien als ein lebendes Archiv der Weinbaugeschichte. Mit über 525 heimischen Rebsorten bietet das Land eine önologische Tiefe, die von dichten, gerbstoffreichen »Amber Wines« – in Georgien bevorzugt man die Farbbezeichnung Bernstein gegenüber Orange – bis hin zu hochfeinen, alpinen Spezialitäten reicht.

Amphoren, die Qvevri heißen

Es war die urtümliche Tradition der Weinproduktion in Qvevris, die Georgien in den letzten beiden Dekaden auf die internationale Weinbühne treten ließ. Georgien gilt heute als das unerschütterliche Kraftzentrum und die historische DNA der globalen Orange-Wine-Bewegung. Während der Westen diesen Begriff erst vor Kurzem erfand, kultiviert man im Kaukasus seit acht Jahrtausenden die »Amber Wines« – jene charakterstarken, bernsteinfarbenen Weine, die durch monatelangen Schalenkontakt in vergrabenen Tonamphoren ihre magische Tiefe gewinnen. Georgien bewahrte dieses Wissen als lebendige Tradition und wurde so zum rettenden Anker für die moderne Wein-Avantgarde. Ohne die archaische Meisterschaft der georgischen Winzer hätte der weltweiten Naturwein-Szene wohl das technische und philosophische Fundament gefehlt.

Die Initialzündung für den weltweiten Boom lieferte der visionäre Winzer Josko Gravner aus dem Friaul, der 2001 den ersten europäischen Qvevri-Wein kelterte. Als er Ende der 1990er-Jahre von der technisierten Weinbereitung enttäuscht war, suchte er die Ursprünge in Georgien und importierte die ersten Qvevri nach Italien. Dieser Wissenstransfer aus dem Kaukasus in die Grenzregion zwischen Italien und Slowenien löste eine seismische Verschiebung in der Weinwelt aus. Heute ist Georgien weit mehr als ein historisches Denkmal; durch den UNESCO-Weltkulturerbe-Status der Qvevri-Methode ist das Land der globale Taktgeber für Authentizität. Georgien lieferte den Beweis, dass radikale Naturbelassenheit zu höchster Komplexität führt, und rettete eine fast vergessene Kulturtechnik als modernstes Erfolgsmodell in das 21. Jahrhundert.

Los von Moskau

Georgiens Aufstieg vom sowjetischen Massenlieferanten zum globalen Prestigeproduzenten ist das Resultat einer radikalen Neuerfindung unter extremem politischem Druck. Jahrzehntelang fungierte das Land als »Sowjet-Kellerei«, deren Industrie auf schiere Menge und liebliches Einerlei für den russischen Markt getrimmt war. Der Wendepunkt kam 2006 mit dem russischen Importstopp: Dieses Embargo wirkte wie ein reinigendes Gewitter. Es entzog der Branche die Existenzgrundlage und zwang die Winzer zur kompromisslosen Qualitätsoffensive. Um auf dem westlichen Weltmarkt zu überleben, mussten sie die industrielle Beliebigkeit abstreifen und sich auf ihr archaisches Erbe besinnen.

Diese existenzielle Krise katapultierte die 8.000-jährige Qvevri-Tradition aus den Hinterhöfen der Familien direkt in die internationale Avantgarde. Georgien verwandelte sein vermeintliches Handicap – die »veralteten« Methoden – in sein wertvollstes Markenzeichen für Authentizität. Durch die Rückbesinnung auf die autochthonen Rebsorten und den Fokus auf handwerkliche Charakterweine wurde das Land vom abhängigen Billigproduzenten zum gefeierten Taktgeber der Naturwein-Szene. Heute ist Georgien kein Massenexporteur mehr, sondern ein stolzes önologisches Schwergewicht, dessen Weine in den Top-Restaurants von New York bis Tokio als Inbegriff unverfälschter Weinkultur gelten.

Toskana des ­Ostens

Trotz der politischen Instabilität ist Georgien ein lohnendes Ziel für Weinreisende, ein Land, durchdrungen von vielschichtiger und brauchtumsgeprägter Kultur. Die Tischkultur und Gastfreundschaft sind überdurchschnittlich ausgeprägt, die Weinkultur ist ein verbindendes Element und georgisches Allgemeingut. In Zeiten der Sowjetunion war das Land Sehnsuchtsort der Bewohner des Nordens, eine Art Toskana des Ostens; das Meer, die Gastronomie und der Wein lassen die Russen bis heute ins Schwärmen geraten, und bis dato stehen in Moskau nicht die Restaurants der französischen, sondern jene mit georgischer Küche in der Beliebtheitsskala an erster Stelle, wenn es richtig was zu feiern gibt.

Wer heute Georgien besucht, findet neben den großen, professionellen Weinkellereien eine Vielzahl von kleinen Weingütern vor. Ein Pflichtbesuch wäre das Klosterweingut von Alaverdi, das als ältestes bestehendes Weingut gilt, 2006 neu installiert wurde und heute exzellente Weine herstellt. Auch die Weinkellereien des einstigen Hochadels, wie Château Mukhrani in Kartlien unweit der Hauptstadt Tbilisi oder Tsinandali Estate in Kachetien, sind Anlaufstellen für Weinfreunde. Unter den unzähligen Neugründungen der letzten 20 Jahre hat sich The Pheasant’s Tears Winery aus Ostkachetien auf vielen internationalen Weinpräsentationen einen Namen für seine Amber Wines gemacht. Wer auf Komfort setzt, der steigt im Château Buera ab, einem neu errichteten Bio-Weingut in Napareuli, das Teil des Lopota Lake Resorts ist.

Wer weniger Zeit hat und sich weite Strecken ersparen will, dem bieten die unzähligen, lebendigen Weinbars und Restaurants der georgischen Hauptstadt die Möglichkeit, sich durch die Weinpalette des Landes durchzukosten. Topadressen sind das »8000 Vintages« für Tasting und Einkauf oder das »Craft Wine Restaurant«, wenn man die größte Natural-Weinkarte mit feiner georgischer Küche verbinden möchte. Dabei sind viele neue Geschmackserlebnisse garantiert. Und damit »Gaumarjos!«, was »Zum Wohl!« bedeutet.

Erschienen in
Falstaff Vievinum Special 2026

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Peter Moser
Peter Moser
Chefredakteur Wein
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