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Das »Pluto« in der Kastanienallee.

Das »Pluto« in der Kastanienallee.
Foto bereitgestellt

Berlin is(s)t anders: Warum jetzt Casual statt Sterne zählt

Berlin
Gastronomie
Tipps

In Berlin i(s)st man wieder unkompliziert: Statt Fine Dining und Reservierungsdruck setzen die spannendsten Neueröffnungen auf lockere Atmosphäre, kleine Küchen – und richtig gutes Essen. Ein Überblick.

Neuerdings gehe ich früher essen. Nicht mehr gegen 20 Uhr – was mein Mann, der Spanier ist, ohnehin für lächerlich früh hält. Ich mache das nicht freiwillig. Es muss sein, weil ich sonst keinen Platz bekomme. »Walk-ins only«, heißt es bei vielen Berliner Neueröffnungen – wer nicht abgewiesen werden will, kommt besser gleich zum Öffnen.

Doch nicht nur das hat sich geändert. Seit über 15 Jahren beobachte ich Berlins gastronomische Szene. Trends kamen und gingen, viele davon überambitioniert oder erklärungsbedürftig. Aktuell scheint sich wieder etwas zu wandeln: Das aufwendige Fine-Dining zieht sich zurück, Casual ist das neue Credo. Und das bedeutet: weniger Inszenierung, mehr Nachbarschaft, mehr Spontaneität.

Atmosphäre statt Bühnenbild

Anstelle steifer Reservierungsslots laden neue Weinbars, Apéro-Konzepte und Bistros zu lockeren Abenden mit ein paar gut gemachten Tellern. Oft reicht dafür eine Mini-Küche, manchmal nur zwei Kochplatten. Hauptsache, die Idee stimmt – und am Ende bleibt ein Rest Soße übrig, den man mit Sauerteigbrot auftunken kann.

In diesen neuen Läden steht das Essen nicht mehr im Mittelpunkt. Wer hier sitzt, redet nicht über die perfekte Konsistenz des Loup de Mer. Genuss soll beiläufig passieren. Selbst Foodies schätzen plötzlich, dass gutes Essen nicht immer Analyse verlangt.

Was auffällt: Es ist dunkler geworden. Die Ära des Tellerspotlights ist vorbei. Die neuen Orte sind schummrig, Kerzenlicht statt Lichtdesign – Atmosphäre statt Bühnenbild.

 

Pinici

In der italienischen Tagesbar »Pinci« flackert ein einziges Teelicht. Trotz großer Fenster bleibt es düster – das Eckhaus an der Großen Hamburger Straße ist eingerüstet. Manuel Pinciroli, ein Deutsch-Italiener aus München, eröffnete den Laden mit zwei Freunden. Der Signature-Aperitif: Fernet Branca mit Cinzano 1757 und Zitrone. Dazu: Oliven, Mortadella, Focaccia und Acciughe-Crostini. Die Küche ist winzig, gekocht wird mit Bunsenbrenner – etwa die Artischocke mit Minze oder eine Crêpe-dünne Frittata mit süßem Balsamico. Essen ist hier Nebensache – entscheidend ist der Vibe.

Details

Pinici
Große Hamburger Straße 42
10115 Berlin
Mo-Fr 11–23 Uhr


 

Pluto

In der Weinbar »Pluto« auf der Kastanienallee ersetzt ein Salamandergrill die Küche. Gekocht wird im benachbarten Restaurant Otto, serviert in der Bar. Etwa hauchfeine Kalbszunge mit Olivenöl und Essig oder lauwarmer Lauch mit Haselnuss und Kapern. Kein Teller kostet mehr als 10,50 Euro. Dazu Naturweine mit Geschichte – etwa ein Blanc-de-Noirs von Lena Singer Fischer. Der Laden ist dunkelrot gestrichen, erinnert an französische Caves und spanische Pintxo-Bars. Reservieren kann man nicht – aber mit Glück findet man irgendwo einen Platz. Notfalls auf der Heizung.

Details

Pluto
Kastanienallee 27
10435 Berlin, Do-Mo ab 17 Uhr
[email protected]
030 (0)673 807 53 (nicht reservierbar)


 

Bar Basta

Die »Bar Basta« ist ein Spin-off eines Sommer-Pop-ups im »Casa Camper«-Hotel. Jetzt dauerhaft geöffnet, serviert man hier morgens Brunch-Specials wie Meatball-Sandwich mit Ricotta, mittags Pasta mit Bärlauch oder Bohnen-Fischeintopf. Abends dominieren die Saucen – etwa im Chicorée-Salat mit Blauschimmel und Sanddorn oder beim herzhaft umgedeuteten Germknödel mit Karotten-Zwiebel-Paste. Unbedingt probieren: die Cacio e Pepe mit weißen Riesenbohnen und verbranntem Lauchstroh. Dazu gibt’s Apéros – einfach, aber pointiert.

Details

Bar Basta im Casa Camper
Weinmeisterstraße 1
10178 Berlin
Mo–Fr 12-14Uhr, Sa–So 8-14 Uhr
Dinner: Mi–So 18–1 Uhr


 

Cielo

Im Souterrain der Neuköllner Weinbar »Cielo« kocht Ivano Pirolo mediterran und aromenintensiv – aber simpler als früher im »Kink«. Pasta mit Venusmuscheln und Nduja, Robata-gegrillte Cipollotti mit Orangen-Miso, Stracciatella mit Chimichurri. Alles aus einer winzigen Küche, serviert mit Naturweinen und Negroni Sbagliato. Die Atmosphäre: schummrig-blau, die Musik elektronisch. Das Essen? Die beste Nebensache der Welt.

Details

Cielo Weinbar
Lenbachstrasse 7
10245 Berlin
Mi-Sa ab 18 Uhr
[email protected]
cieloberlin.com


 

eins44

Auch etablierte Orte wie das »eins44« in Neukölln schalten runter. Seit Mai gibt es einen preiswerteren »Brunch Lunch«, etwa Bratwurst mit Püree oder Serviettenknödel mit Pilzrahm aus Maitake. Gekocht wird von zwei Hochkarätern – ohne großes Aufheben, ohne Signature Dishes. Einfach gutes Essen, gekocht von Freunden, die selbst Freude daran haben.

Details

eins44
Elbestraße 28/29
12045 Berlin
Di-Fr 12-14Uhr und 18-23 Uhr, Sa 18 bis 23 Uhr
030 (0)62 98 12 12
[email protected]
www.eins44.com 


 

Fazit

Casual ist kein Rückschritt – es ist ein neues Verständnis von Genuss. Essen darf schmecken, ohne laut zu sein. Wer Berlin verstehen will, sollte derzeit nicht zu spät essen gehen. Die guten Plätze sind schon vor 18 Uhr vergeben.


Tina Hüttl
Autor
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