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Der Riesling liebt die Nähe von Gewässern: Nicht von ungefähr liegen die gesuchtesten Herkünfte an Rhein, Main, Nahe, Mosel und Donau.

Der Riesling liebt die Nähe von Gewässern: Nicht von ungefähr liegen die gesuchtesten Herkünfte an Rhein, Main, Nahe, Mosel und Donau.
© Andreas Durst

Das Naturtalent Riesling

Riesling
Tasting

Die Rebsorte Riesling stammt von Wildreben ab und glänzt in unterschiedlichsten Stilen: fruchtig, würzig, säurefrisch – oder auch mit schmelzender Süße. Nur eines benötigt sie immer: einen Standort mit herausragenden Eigenschaften.

Die Triebspitze ist gelbgrün gefärbt und hat filzartige weiße und rötliche Härchen, das Blatt mittelgroß mit blasiger Oberfläche und behaarter Unterseite, die Traube klein, geschultert, dicht besetzt mit ebenfalls kleinen, runden, grüngelben und zuweilen schwarz punktierten Beeren. So beschreiben die Ampelografen des weit verbreiteten Ulmer »Farbatlas Rebsorten« die Eigenschaften des Rieslings und bescheinigen dem Geschmack der Beeren, »saftig, fruchtig, säuerlich« zu sein, »bei Vollreife würzig süß«. Für die Grande Dame der internationalen Weinkritik, Jancis Robinson, ist Riesling »ein Star« und für keinen Geringeren als ihren Kollegen Hugh Johnson »die größte und vielseitigste Weißweintraube der Welt«.

Spektrum an Reifegraden

Dabei hat die von Johnson angesprochene Vielseitigkeit zwei Facetten: Zum einen reagiert keine andere Traube mit einem ähnlich chamäleonhaften Wandel ihres ­Aromenspiels auf unterschiedliche Reifegrade: Beim Riesling verändert ein Fortschreiten von der Haupt- zur Spätlese und weiter zur Lese eingeschrumpfter und von Edelfäule befallener Beeren nicht nur die Frucht, sondern auch die Art und Konzentration der im Rieslingmost vorhandenen aromatischen Monoterpene, ätherischer Öle, die man auch von Kräutern oder aus den Schalen von Zitrusfrüchten kennt.

Das deutsche Prädikatssystem ist die logische Folge dieser Vielseitigkeit, es bezeichnet die typischen Zwischenschritte auf der aromatischen Skala vom Kabinett über Spätlese, Auslese und Beerenauslese bis zur Trockenbeerenauslese. Als sei dies von der Natur so gewollt, stellt sich auch für jedes dieser Prädikate eine eigene Balance aus Säure, Extrakt und Süße ein. Die größten Könner, vor allem an der Mosel, treiben die Unterscheidungen sogar noch auf die Spitze, indem sie beispielsweise neben einer Auslese auch noch eine »Goldkapsel«-Auslese erzeugen: einen Wein, dessen Botrytisanteil noch strenger ausgelesen ist, noch feiner, subtiler, ohne deshalb in die nächste Stufe auf der Prädikatsleiter über­zugehen, die Beerenauslese, die mehr Öligkeit und Süße verlangen würde.

Die zweite Achse der Vielseitigkeit ist diejenige des Terroirs: Auf Kalk (wie beispielsweise im Elsass) bekommt der Riesling eine völlig andere Struktur als auf Schiefer (wie an der Mosel, am Mittelrhein, an der Nahe oder im Rheingau). Granit (wie in der Wachau oder in der Ortenau in Baden), Buntsandstein (wie in der Pfalz) oder ­Vulkangestein ergeben nochmals völlig andere Geschmacksbilder.

Für Hugh Johnson ist Riesling »die grösste und vielseitigste Weissweintraube der Welt«.

Deutschland

Dokumente über den Anbau des Rieslings an Rhein und Mosel gibt es bereits aus dem 15. Jahrhundert. Sehr wahrscheinlich wurde die Rebe auch am Rhein erstmals selektiv vermehrt, genetisch ist sie eine spontane Kreuzung des weißen Heunisch mit einem Sämling aus Traminer x Vitis sylvestris. Die Wildrebe Vitis sylvestris, die ein Großvater des Riesling ist, war noch im 19. Jahrhundert in den Rheinauen weit verbreitet. Der Tendenz nach lässt sich für deutschen Riesling sagen: Je weiter nach Süden man geht, desto höher ist der Anteil trockener Weine.

Von der Mosel und ihren beiden Nebenflüssen Saar und Ruwer kommen frucht- und edelsüße Rieslinge mit einzigartigem Spiel. Kurioserweise haben diese Weine im Inland kaum einen Markt, die Deutschen selbst trinken auch den Mosel vor allem trocken – und durch die Erd­erwärmung gelingt dieser Weintyp ­tatsächlich immer besser.

Der Mittelrhein und die Nahe erzeugen auf ähnlichen Schieferböden wie an der Mosel auch ähnliche Rieslingtypen, und dies sowohl im fruchtigen wie im trockenen Geschmacksbild. Schon im Rheingau besitzt jedoch der trockene Riesling deutlich mehr Gewicht als der süße. Dieser Befund verstärkt sich weiter in Rheinhessen und der Pfalz, wo der trockene Ausbau bei Weitem dominiert. In Baden und Württemberg ­zuletzt sind fruchtige oder gar edelsüße Rieslinge die große Ausnahme.

Deutschlands Rieslinganbau findet fast überall an Steilhängen oder in Terrassenweinbergen statt. Spektakulär sind die Ansichten etwa der Lage Bremmer Calmont an der Mosel, die als steilste in ganz Europa gilt. Einzig in Rheinhessen und in der Pfalz gibt es Gunstlagen, die nur sanft hängig sind – hier sind es die Böden, die eine herausragende Eignung für Riesling bedingen, etwa der Kalk in der Lage Morstein in Rheinhessen oder der Basalt unter dem Forster Pechstein in der Pfalz. Die Mittelhaardt um Forst und Deidesheim ist derjenige Ort, an dem deutscher Riesling die burgunderhaftesten Züge annehmen kann – etwa in der Forster Lage Kirchenstück, die bereits in der Karte der damals zuständigen bayerischen Steuerverwaltung aus dem Jahr 1828 als beste der Pfalz ausgewiesen – und am höchsten besteuert wurde.

Im Zuge der Erderwärmung hat sich übrigens gezeigt, dass die Steillagen trotz der steigenden Temperaturen ihren Wert behalten, denn sie gestatten den Winzern eine maximale Elastizität bei der Wahl des Lesezeitpunkts. Dennoch dehnen sich die Weinberge derzeit eher in die Höhe aus. Eine Winzerin wie Eva Clüsserath vom ­Mosel-Weingut Ansgar Clüsserath etwa, die für ihren knackig-pikanten Kabinett bekannt ist, hat sich in den letzten Jahren gezielt mit Parzellen in den oberen Teilstücken der Trittenheimer Apotheke verstärkt.

Auch kühle Seitentäler, die jahrzehntelang brachgelegen waren, geraten wieder in den Fokus der Winzer: Ein Beispiel ist der Sorentberg beim Moselort Reil, an dessen Wiederbelebung auch ein Südtiroler Anteil hat: Ivan Giovanett vom Weingut Castelfeder tat sich mit seinem früheren Studienkollegen Tobias Treis aus Reil zusammen, um die alte Lage mit ihrem roten Schieferboden wieder aufzustocken. Und Roman Niewodniczanski vom Saar-Weingut van Volxem legte 2016 im nicht minder kühlen Ockfener Geisberg gleich zehn Hektar auf einen Schlag wieder an. 2023 konnte er erstmals ein Großes ­Gewächs von diesem Weinberg ernten – und dieses rechtfertigt jeden Cent der gewaltigen Investitionskosten.

Elsass

Das Elsass – und Ähnliches gilt für den Riesling in Baden am rechten Rheinufer – besitzt eine komplett eigenständige Rieslingkultur: Die Weine sind extrem dicht und kraftvoll. Da sie in ihrer Jugend von einer sperrigen Mineralität geprägt sind, werden sie häufig missverstanden. Ihnen vorzuhalten, dass sie nicht die leichtfüßige Eleganz der Mosel besitzen und nicht den kernigen Druck des Rheingau, übersieht, wie fest sie stilistisch im Terroirgedanken verwurzelt sind. Der Elsässer Riesling definiert sich kaum über die Rebsorte, er ist in erster Linie Cru: beispielsweise Clos Sainte Hune (Trimbach), Kastelberg (Kreydenweiss) oder Schlossberg (Weinbach), um nur einige ­wenige zu nennen. Diese Weine reifen herausragend gut. Wer ihnen nicht zehn oder zwanzig Jahre Zeit gibt, verpasst ihren Charme.

Österreich

Bis in die Vierzigerjahre des 19. Jahrhunderts war der Riesling in Österreich nur sporadisch verbreitet, lange Zeit hielt man die geologischen und klimatischen Bedingungen für ungeeignet. Es war der Habsburger Erzherzog Johann, der den Riesling in seinem Musterweingut in Pickern bei Marburg im heutigen Slowenien, damals noch Steiermark, so erfolgreich vinifizierte, dass er schnell Nachahmer fand. Er konnte auf Edelreiser von Schloss Johannisberg im Rheingau zurückgreifen, denn dieses stand seit 1815 im Besitz des Hauses Habsburg-Lothringen und war an Kanzler Klemens von Metternich verpachtet. Erzherzog Johann nannte seine Pickerner Riesling-­Anlage in Anlehnung an das deutsche Beispiel und seinen eigenen Namen »Johannisberger«.

1872 berichtet der Önologe Freiherr von Babo, Direktor der Weinbauschule Klosterneuburg bei Wien, dass sich der Riesling »in letzter Zeit in nun glaublicher Weise in Österreich-Ungarn verbreite. Es hat sich herausgestellt, dass bei zweckmäßiger Behandlung ein ebenso bouquetreicher Wein wie der im Rheingau erzeugt werden kann.«

In Österreich ist die Anbaufläche für Riesling im Zeitraum von 1999 bis 2020 kontinuierlich gestiegen und beträgt aktuell 2025 Hektar, was 4,6 Prozent der Gesamtanbaufläche des Landes entspricht. Nach dem Jahr des »Weinskandals« 1985, wo Weine mit Diäthylenglykol versetzt wurden, wandten sich die österreichischen Weinfreund den gänzlich trocken ausgebauten Weißweinen zu. Die Wachau wurde mit ihren naturbelassenen Weinen, die seit den Achtzigerjahren in die Kategorien Steinfeder, Federspiel und Smaragd gegliedert sind, zum Vorreiter.

Insbesondere die Riesling Smaragd-Weine aus 1990 machten von sich reden. Riedenweine auf Urgesteinslagen wie Singerriedel, Achleiten Kellerberg oder Schütt erfuhren auch internationale Anerkennung, Namen wie Hirtzberger, Prager, F. X. Pichler oder Knoll eroberten die Weinkarten. Bis heute gilt das malerische Donautal zwischen Melk und Krems als Riesling-Hochburg, dabei sind die Rieslingflächen der Wachau mit rund 237 Hektar eigentlich recht überschaubar.

An den Hängen zu den Nebenflüssen der Donau entstehen ebenfalls beachtliche Rieslinge. Im Kamptal wächst die Sorte auf 364 Hektar, berühmte Rieden sind hier der Heiligenstein und der Gaisberg, wo bekannte Winzer wie Willi Bründlmayer, Johannes Hirsch, Schlossweingut Gobelsburg oder Alwin Jurtschitsch feine ­Rieslinge erzeugen. Im Kremstal, dass direkt an die Urgesteinsböden der Wachau anschließt, gelten der Steiner Pfaffenberg, Ried Kögl oder der Senftenberger Ehrenfels als Herkünfte großer Weine, zu den ausgewiesenen Riesling-Könnern zählen die Weingüter Malat, Mantlerhof, Salomon-Undhof, Stadt Krems, Nigl und Proidl. Auch im kleinen Traisental am rechten Donauufer entstehen spannende Rieslinge, Markus Huber, Hans Schöller oder Ludwig Neumeister zählen zu den Besten.

Dort, wo im großen Anbaugebiet namens Weinviertel geeignete Urgesteinsböden dem Riesling entgegenkommen, wachsen Weine von überraschender Qualität. Fündig wird man in Röschitz bei Winzern wie Gschweicher, Stift oder Respizhof-Kölbl oder in und um Poysdorf bei Ebner-Ebenauer oder Weinrieder. In der Steiermark erlauben die exklusiven Schieferböden im Sausal Spitzenweine aus Riesling, die an die Tradition des legendären Erzherzogs anschließen. Gerhard Wohlmuth in Fresing-Kitzeck kann mit den Topweinen des Landes auch in Blindproben reüssieren.

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Erschienen in
Falstaff Magazin Schweiz Nr. 8/2024

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Peter Moser
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Chefredakteur Wein
Ulrich Sautter
Ulrich Sautter
Wein-Chefredakteur Deutschland
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