Der Mythos Champagne Salon
Champagne Salon zählt zu den raren, meistgesuchten Weinen der Welt. Viele kennen die Marke, aber kaum jemand hat je eine Flasche getrunken. Das liegt nicht nur am Preis. Rarität ist bei dem winzigen Weingut Teil des Konzept.
Das Wichtige, das Einzigartige vorweg: Ein Champagner von Salon ist mono-terroir (Côte des Blancs), mono-cru (Le Mesnil-sur-Oger), mono-varietal (Chardonnay) sowie mono-millésime (immer nur der Wein aus einem Jahrgang – und das nicht mal jedes Jahr). Das gibt es sonst nirgendwo. Nicht in der Champagne, nicht in der Welt der Weingüter und Weine. Und die Champagner von Salon waren vor bald 120 Jahren eine der wenigen, nein sogar die ersten Blanc-de-Blancs, die es überhaupt gab, denn nur Chardonnay zu keltern, das war in der Champagnerwelt fremd – total fremd.
Wir verdanken es dem Erfolg, dem Mythos von Champagne Salon, dass sich andere Häuser überhaupt mit Blanc-de-Blancs ernsthaft beschäftigen. Und so gibt es heute Dank Gründer Eugène-Aimé Salon ein paar großartige Champagner, die wir ohne dessen Wirken wohl nie getrunken hätten. Diese anderen Champagner sind für die Brieftaschen der Mittelschicht gemacht. Und – geradeaus gesagt – oft nicht so viel schlechter, als dass der Preisunterschied zu Champagne Salon gerechtfertigt wäre.
Wird das ein Abgesang, ein Königsmord? Sicher nicht! Eugène-Aimé Salon wusste die Bedeutung seines Familiennamens für sich zu nutzen: Sein Champagner Salon sollte in den besten Salons Frankreichs gereicht werden. Aber dazu kam es erst 15 Jahre nach der Gründung seines – bis heute – winzigen Weinguts im Jahre 1905.
Vor 100 Jahren verließen von jedem veröffentlichten Jahrgang lediglich rund 20.000 Flaschen den Salon-Keller Richtung Markt. Heute sind es 70.000 bis 80.000 Flaschen, manchmal aber nur 30.000 – was die veröffentlichten Jahrgänge eben so hergeben. Im vergangenen Jahrhundert hat Salon nur 37 Jahrgänge veröffentlicht. In diesem Jahrhundert bisher nur sieben (2002, 2004, 2006, 2007, 2008, 2012, 2013).
Somit ist Champagne Salon jenes Champagnerhaus, das die wenigsten Flaschen weltweit auf den Markt leitet und begleitet. Und wahrscheinlich auch jenes Weingut unter den renommierten und etwas weniger renommierten Weingütern, das mit einer Rekordmenge ungefüllter Flaschen glänzen kann. Denn auch wenn das Weingut mit seinem kleinen Weingarten um das Chateaux und den verstreute Parzellen nur in etwa neun Hektar groß ist, könnte es die zehnfache Menge Flaschen keltern – mindestens.
Man muss kein Ökonom sein, um sich auszurechnen, dass Champange Salon, trotz der exorbitanten Flaschenpreise von 1200 Euro und mehr, keine großen Gewinne machen kann. Und das, so sagt ein Botschafter der Champagnerhäuser, der nicht genannt werden will, weil das seine Zuteilung vielleicht gefährden würde; und das wird »à la longue« ein Problem werden.
Gewiefter Gründer
Warum war es bisher kein Problem? Dazu muss man die Person Eugène-Aimé Salon erkennen – sein Wirken, das Champagne Salon eigentlich bis in die Gegenwart prägt. Der Mann hat einen langen Schatten. Eugène-Aimé Salon, 1867 geboren, wuchs am Rande der Champagne, der Côtes des Blancs, in bürgerlichen Verhältnissen auf. Seine Eltern betrieben eine gemischte Landwirtschaft, für Sohn Eugène-Aimé war angedacht, entweder das Gut zu übernehmen oder Lehrer zu werden. Etwas anderes kam nicht in Frage. Während in England, in Italien, ja selbst in Österreich-Ungarn der Jugend etwas weniger Zügel geboten wurden, waren diese in Frankreich und Deutschland, dem Kaiserreich, eng angelegt. Der Grund: Angst vor Revolutionen, die ein starkes und spießiges Bürgertum in ihren Sicherheiten gefährden würden.
Die einzigen beiden Orte, die in Frankreich eine Flucht aus der Verkrustung boten, waren Nizza und Paris. Eugène-Aimé Salon entschied sich für Paris. Paris war um 1890 die Stadt des Luxus und der Moden. Und jene Stadt, die das nötige Quäntchen Anarchie zu bieten hatte – die Anarchie der Feierlust. Eugène-Aimé Salon trat eine Stelle in der Geschäftsführung des bekannten Kürschner- und Lederhauses Chapal an. Hier lernte er jene Klientel kennen, die das Kleingeld hatte, jeden Tag zwei, drei Flaschen Schampus zu trinken – zum Kaviar, der aus dem Zarenreich geholt wurde.
Mono auf ganzer Linie
Eugène-Aimé Salon ahnte, dass diese Klientel einen besonderen Champagner »hofieren« würde. So begann er im Jahr 1905 mit knapp einem Hektar seine eigenen Champagner zu keltern – noch ohne Firma. Da die Menge aber so klein war, behielt er die Flaschen zum Eigennutz, zu dem auch zählte, seine raren Champagner ein paar wichtigen Leuten in Paris zu zeigen. Salon merkte bald, dass seine Ahnung richtig war: Weil es seine Champagner nicht zu kaufen gab, wurden sie Kult in der Metropole. Nur ihm selbst war überlassen, wem er ein Glas eingoss.
In dieser Zeit erarbeitete Eugène-Aimé Salon auch seine erwähnte Kelterkultur: Mono auf ganzer Linie. Er wollte nicht die besten, sondern die einzigartigsten Champagner der Welt keltern. Und dazu gehört eben, nicht mal 50 Prozent der möglichen Jahrgänge in Flaschen zu füllen. Champagner waren um 1920 die große Gelddruckmaschine im französischen Weinbau, vor allem wegen des Exports in die USA (der die zwölf kommenden Jahre wegen der Prohibition lahmte). Doch Eugène-Aimé Salon focht das nicht an: Kult ist nur einzigartig, wenn das Produkt einzigartig und einzigartig schwer zu kaufen ist. Kult ist auch, die Flaschen auf dem Weingut mindestens zehn Jahre reifen zu lassen.
Eine der wenigen Personen, die näher über Champagne Salon Auskunft geben wollen, ist Katharina Wolf, die Obfrau des in Österreich und Deutschland ansässigen Weinhandels Kate & Kon, der Salon und viele andere singuläre Weine teils exklusiv handelt. Sie sagt: »Salon ist für mich die Königin der eleganten Champagner. Hier wirken Genetik, Zeit und die Finesse in der Produktion.«
Maximal drei pro Person
Champagner von Salon werden bei ihr, so wie bei allen Händlern, nur mit strenger Zuteilung gehandelt. Es sei ähnlich wie bei allen extrem nachgefragten Weinen, die sie handle, sagt Wolf: Das Weingut will, dass sie die Käufer streng prüfe und dass sie sicherstelle, dass die Käufer keinen Sekundärmarkt mit den Flaschen eröffnen. Und deswegen gibt es auch von ihr nur maximal drei Flaschen Zuteilung pro Person.
Wolf lenkt dann die Aufmerksamkeit auf den Salon-Vorstand Didier Depond, der die Geschicke bei Salon für Laurent-Perrier leitet, die Salon 1988 übernommen haben. Auch ein anonym bleiben wollender Botschafter mehrerer Champagnerhäuser sieht Deponds Wirken als eine nachgerade Fortsetzung des Lebenswerks von Eugène-Aimé Salon an. Er habe »das Einzigartige von Salon nicht nur bewahrt, sondern noch verstärkt.«