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Die Lagen bei Nyetimber sind klar vorgegeben: Sie müssen nach Süden ausgerichtet sein und die Böden aus Kreide oder Grünsand.

Die Lagen bei Nyetimber sind klar vorgegeben: Sie müssen nach Süden ausgerichtet sein und die Böden aus Kreide oder Grünsand.
© Nyetimber

Klimawandel: Schaumwein unter Druck

Schaumwein Special 2024
Schaumwein
Champagne
England

Der Klimawandel schreitet in den Schaumweingegenden schnell voran – sei es in der Champagne, wo die Weine ihren Charakter verändern oder in Spanien, der Heimat des Cavas, wo ganze Jahrgänge von der Dürre bedroht sind. Die Kehrseite der Medaille sind neue Weinregionen wie etwa Südengland, das dank dem Klimawandel zu einem Schaumwein-Hotspot geworden ist.

Das Champagnerhaus Ruinart ist berühmt für seine Blanc de Blancs voller Eleganz und Finesse. Die feinen Weine sind – wie viele Champagner – besonders anfällig auf Veränderungen in den Anbaubedingungen. Umso wärmer das Wetter, desto reifer wird die Aromatik der Weine. Bei Ruinart ist man sich dem bewusst und gleicht Jahrgangsschwankungen so gut es geht mit Reserveweinen aus.

Doch ankämpfen alleine ist Kellermeister Frédéric Panaïotis und seinem Team nicht genug: Sie haben aufgrund der sich verändernden Bedingungen den Wein Blanc Singulier kreiert, der mit dem Jahrgang 2019 auch in ausgewählten Lokalen im deutschsprachigen Raum zu finden ist. »Veränderte Klimabedingungen und stetig steigende Temperaturen verleihen den Chardonnay-Trauben eine intensivere, fruchtigere und würzigere Note«, so Ruinart. Der neue Wein ist zwar immer noch typisch Ruinart, jedoch mit leicht verändertem Charakter.

Diese Veränderung einfach hinnehmen will man ganz allgemein natürlich nicht – Ruinart hat in den vergangenen Jahren in ihrem Weinberg Taissy in ein großes Aufforstungsprojekt investiert. Ziel ist es, den Boden zu regenerieren und die ursprüngliche Fauna und Flora auf der Parzelle wiederherzustellen. Die Bepflanzung schafft Lebensräume für Tiere, die für den Weinanbau nützlich sind – Marienkäfer, Florfliegen, Vögel oder Fledermäuse. Außerdem hilft sie dabei, die Auswirkungen von Hitze und Dürre zu reduzieren. Die Erkentnisse sollen letztlich an die Traubenproduzenten – die den Großteil der Produktion in der Region bestreiten – weitergegeben werden. Einfach ist das nicht, die Bäume und Hecken brauchen Boden, der in den besten Lagen der Champagne teuer ist. Ein langer Kampf.

Kurzarbeit wegen Klimawandel

Die spanische Region Katalonien ist der Hotspot der Cava-Produktion. Der Charakter der Weine war hier schon immer üppiger als der in der Champagne. Doch der Klimawandel sorgt für einschneidende Umstrukturierungen. Die Dürre ist zuletzt so extrem geworden, dass 2023 gerade einmal 50 Prozent eines Normaljahres eingebracht werden konnten. Der größte Schaumhersteller Spaniens, Freixenet, musste aufgrund der Ernteausfälle im Vorjahr Kurzarbeit anmelden. Außerdem wurde die beliebte Linie »Freixenet Carta Nevada«, ein Cava aus Penedès, durch andere Weine mit dem Namen »Cuvée de España« ersetzt. Um künftige Engpässe besser ausgleichen zu können, hat der Kontrollrat der Region 2024 entschieden, den Aufbau von Notreserven zuzulassen.

In der Champagne oder der Rioja ist Ähnliches bereits erlaubt: In guten Jahren soll unverarbeiteter Traubensaft in Tanks zurückgehalten werden und im Folgejahr, das möglicherweise mager ausfällt, dem Wein zugeführt werden dürfen. Bis zu drei Jahre alter Traubensaft kann so noch verarbeitet werden – um die Menge weiter zu steigern, wurde der erlaubte Höchstertrag von 12 auf 15 Tonnen pro Hektar erhöht.

Weinbau bedroht?

Das dürfte erst der Anfang sein. Laut einer Studie, die von spanischen und kanadischen Wissenschaftlern vor einigen Jahren veröffentlicht wurde, sind mindestens die Hälfte aller Weinanbaugebiete durch den Klimawandel bedroht. Steigen die Temperaturen künftig um zwei Grad an, würden sich die für Weinbau geeigneten Zonen demnach um 56 Prozent reduzieren, bei vier Grad sogar um 85 Prozent. Weinanbaugebiete in kühleren Regionen wie Neuseeland etwa, dem pazifischen Nordwesten der USA, Deutschland, die Schweiz und auch Österreich würden die Erhöhung der Durchschnittstemperatur um zwei Grad relativ unbeschadet überstehen.

Wieder andere könnten sogar deutlich profitieren. England etwa, wo sich – wie niemand vermutet hätte – in den letzten Jahrzehnten eine florierende Schaumweinindustrie entwickelt hat. Und das, obwohl England oberhalb des 50. Breitengrades liegt, der lange Zeit als Grenze für Qualitätsweinbau galt. Selbst Champagnerhäuser investieren hier seit einigen Jahren in die Zukunft, da sie den Klimawandel vor der eigenen Haustüre immer deutlicher zu spüren bekommen und die Bedingungen auf der Insel vielversprechend sind.

In England gibt es Kreideböden wie in der Champagne und um Säure – das Gerüst jedes Schaumweins – oder zu hohe Alkoholwerte müssen sich die hiesigen Produzenten kein bisschen sorgen. Ganz im Gegenteil. Hie und da muss man noch nachhelfen, dass die Trauben richtig reifen. »Die Herausforderungen sind hier definitiv andere als in Zentraleuropa«, berichtet Brad Greatrix. Er und seine Frau Cherie Spriggs kamen 2007 von Australien nach Südengland, um bei Nyetimber, dem heute größten Schaumweinproduzenten des Landes, anzuheuern.

Den Grundstein für die Produktion hochwertiger Schaumweine legte man 1988, als die ersten Rebberge angelegt wurden. Entgegen aller Ratschläge entschieden sich die damaligen Besitzer Sandy und Stuart Moss für die klassischen Rebsorten der Champagne: Chardonnay, Pinot Meunier und Pinot Noir. Ein Wagnis im kühlen, feuchten englischen Klima, das aber gut zehn Jahre später mit Auszeichnungen bei internationalen Prämierungen belohnt wurde.

Mittlerweile ist es schwierig geworden, neue Anbauflächen zu finden, weil die Konkurrenz deutlich größer geworden ist«, erzählt Greatrix. Auch, weil die Anforderungen an die Flächen bei Nyetimber klar vorgegeben sind. Die Lagen müssen nach Süden ausgerichtet sein und die Böden aus Kreide oder Grünsand. Bei Grünsand handelt es sich um grünlichen Sandstein mit einem hohen Magnesiumgehalt.

Immerhin hat man rund 350 Hektar in Südengland gefunden, die den Anforderungen entsprechen und allesamt selbst bewirtschaftet werden – Trauben werden keine zugekauft. Flagschiff des Hauses ist ohne Zweifel der Tillington Single Vineyard, ein ausbalancierter, komplexer Schaumwein, den man selbst vor 18 Jahren, als Eric Heerema das Weingut erwarb, in England niemals für möglich gehalten hätte. The times they are a-changing.


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Erschienen in
Falstaff Sparkling Special 2024

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Dominik Vombach
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Chefredaktion Schweiz
Benjamin Herzog
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