Jamie Oliver: Der »Naked-Chef« wird 50
Jamie Oliver wird heute 50! Ein guter Anlass, zurückzublicken: auf ein Leben zwischen Pasta, Protestaktionen und gescheiterten Restaurantträumen.
Der Mann, der einst mit lässigem Charme und schnellen Pastagerichten das britische Kochfernsehen revolutionierte, wird 50 Jahre alt. Jamie Oliver – TV-Star, Bestsellerautor, Aktivist und Unternehmer – ist heute längst nicht mehr nur der sympathische Küchenjunge von nebenan. Seine Karriere ist geprägt von Einfluss, Aktivismus, aber auch von Scheitern, Spott und Widersprüchen.
Vom Küchenjungen zum TV-Star
Jamie Oliver wächst in Clavering, einem kleinen Ort in Essex, über dem Landgasthof seiner Eltern auf. Das »The Cricketers« ist keine Glamourkulisse, aber dort beginnt seine Geschichte. Früh tauscht er Schulhefte gegen Schneebesen. Nach dem Besuch des Westminster Catering College arbeitet er unter anderem bei Antonio Carluccio und später im Londoner »River Café«. Dort entdeckt ihn 1997 durch einen Zufall ein BBC-Team bei Dreharbeiten: Jamie war eigentlich nur für einen erkrankten Kollegen eingesprungen. Doch seine lockere Art vor der Kamera überzeugt die Produzent:innen. Zwei Jahre später läuft seine erste eigene Sendung: The Naked Chef.
Nackt gekocht hat er natürlich nie (glücklicherweise), aber seine Art zu kochen war radikal »nackt« – schnörkellos, mit frischen Zutaten und seinem »just chuck it in«-Charme, den vorher keiner im Kochfernsehen so hatte. Jamie reduzierte Rezepte auf das Wesentliche, machte eine Serie, die ihn widerspiegelt und lud Freunde ein, die zum Probieren vorbeischauen sollten. Es war eine neue, lässige Erzählweise des Kochens, abseits französischer Haute Cuisine und steifer Studioküchen. Doch nicht alle waren begeistert: Besonders bei männlichen Zuschauern kam er anfangs schlecht an. »Men hated me«, sagte er später rückblickend. Warum? Weil er ihnen etwas vormachte, das sie lange erfolgreich verdrängt hatten: dass Kochen keine Frauensache sein muss.
Aktivist mit Mission
Mit dem Ruhm kam aber auch der Anspruch: Jamie Oliver wollte mehr als nur kochen. Ab Mitte der 2000er wird er zur öffentlichkeitswirksamen Stimme für gesündere Ernährung. Seine TV-Show Jamie’s School Dinners zeigte ihn im Kampf gegen das minderwertige Schulessen an britischen Schulen – und gegen die legendären »Turkey Twizzlers«. Der Eifer war da, genau so aber auch der Widerstand: Kantinenpersonal, Eltern und Kinder standen seiner Mission teils ablehnend gegenüber. Trotzdem brachte die Kampagne Bewegung in die Politik: Nach einem Treffen mit dem britischen Premierminister (damals Tony Blair) investierte die britische Regierung Millionen in das Schulessen. Aber die Kritik verstummte nie ganz: Ein wohlhabender Star, der aus sicherem Abstand über die Essgewohnheiten einkommensschwacher Familien urteilt?
Die Kritik wurde mit Jamies nächstem Projekt noch ein wenig lauter. In Jamie’s Ministry of Food (2008) reiste er nach Rotherham – damals eine der ungesündesten und strukturell schwächsten Städte Großbritanniens – um Menschen, die bislang kaum selbst gekocht hatten, einfache Rezepte näherzubringen. Der Ansatz: gut gemeint. Die Wirkung: ambivalent. Kritiker:innen warfen ihm vor, bevormundend aufzutreten und mit begrenztem Verständnis für die Lebensrealitäten der Menschen zu agieren. Dass ein millionenschwerer Fernsehkoch sozial benachteiligten Familien erklärt, wie sie sich besser ernähren sollten, stieß nicht nur auf Zustimmung.
Erfolge, Rückschläge und Insolvenzen
Parallel zu seinen Fernsehprojekten baute Jamie ein Gastronomie-Imperium auf: »Jamie’s Italian«, »Fifteen«, »Barbecoa«. Angetrieben vom Versprechen auf ehrliches, gutes Essen zu fairen Preisen, wuchsen die Ketten schnell – auch in Wien und Berlin eröffneten Standorte. Und kollabierten ebenso schnell. 2019 meldeten weite Teile seiner Gastronomie Insolvenz an. Über 1000 Mitarbeitende verloren ihre Jobs. Die Schlagzeilen über die Pleite überschnitten sich mit Bildern seines frisch gekauften Herrenhauses in Essex. Für viele ein Symbol der Entfremdung von den Werten, für die der Koch einst stand.
Auch sonst blieb Kritik nicht aus. Seine Pastasaucen gerieten wegen ihres hohen Salzgehalts unter Beschuss: Ein Glas entsprach mehr als zehn Tüten gesalzener Chips. Sein »Jerk Rice« wurde 2018 wegen kultureller Aneignung kritisiert. Als Reaktion stellte er Berater:innen für kulturelle Sensibilität ein – was ihm prompt den Vorwurf einbrachte, »woke« zu sein. Eine Sandwich-Kooperation mit Shell-Tankstellen wirkte angesichts seiner Umweltkampagnen heuchlerisch. Und als er 2022 gegen »Kaufe eins, bekomme eins gratis«-Angebote für Junkfood protestierte, wurde er inmitten der Lebenshaltungskostenkrise als »abgehoben« verspottet.
Zwischen Zucchini und Zerrissenheit
Geprägt wurde sein Kochstil maßgeblich von Gennaro Contaldo – dem Mann, der nicht nur Jamie Oliver, sondern auch Tim Mälzer die Liebe zur »cucina amalfitana« näherbrachte. Im »Neal Street Restaurant« von Antonio Carluccio in London nahm Contaldo Ende der 90er Jahre die beiden jungen Männer unter seine Fittiche und wurde so zu ihrem Mentor. »Ich habe sieben Kinder. Fünf eigene, und Nummer sechs und sieben sind Tim und Jamie«, erzählte Contaldo einmal. Der Einfluss Contaldos zieht sich wie ein roter Faden durch Jamie Olivers Küche – von Zitronenzesten über Oliventapenade bis zur schlichten Seezunge.
Doch genau hier verläuft auch die Grenze zwischen Echtheit und Inszenierung. Einige seiner Rezepten enthalten gelegentlich Zutaten, die nur existieren, wenn man neben einem Bio-Wochenmarkt wohnt. Und wenn er mit halboffenem Mund »beautiful« über eine Zucchini flüstert, rollt die eine Hälfte der Welt mit den Augen – und die andere rennt in die Küche. Was für die einen charmant ist, wirkt auf andere affektiert. Zwischen Küchenglück und kalkulierter Selbstvermarktung bleibt eine gewisse Zerrissenheit.
Was bleibt von Jamie Oliver?
Jamie Oliver ist kein unbeschriebenes Blatt, sondern ein viel diskutiertes Kapitel der modernen Food-Kultur. Er hat es geschafft, Kochen massenkompatibel und politisch relevant zu machen – und zugleich nie ganz die Aura des Klassenclowns abgeschüttelt. Sein Alleinstellungsmerkmal war lange, dass er Alltagsküche mit Sendungsbewusstsein verband. Das hat ihn auch zur Projektionsfläche für Hoffnung, Spott und manchmal Wut gemacht.
Seine größte Leistung? Vielleicht, dass heute ernsthaft über Schulessen, Zuckersteuer und Herkunft von Zutaten gesprochen wird. Ob man ihn nun bewundert, belächelt oder beides – an Jamie Oliver kommt man nur schwer vorbei.