Inselspirituosen: der Schlüssel zum Paradies
Inseln haben ihren speziellen Reiz: Sie stehen für Abenteuer, das Exotische, das Paradies in der Ferne und für die eskapistische Alltagsflucht. Viele dieser Eilande schaffen es zudem, ihren Zauber mit landestypischen Spirituosen in alle Welt zu tragen. Doch wie viel Wahres steckt in diesen Idealbildern und warum lassen wir uns von ihnen so begeistern?
Schöne Menschen an schneeweißen Stränden, Palmen, die sich sanft im Wind wiegen, strahlender Sonnenschein, azurblaues Wasser, dazu Kate Yanais ikonische Zeilen «Come on over, have some fun, dancing in the morning sun…« im Ohr, in der Hand einen eiskalten Cuba Libre, so sehen sie für viele Menschen bis heute aus, die Sehnsuchtsbilder eines karibischen Paradieses, in dem die Leichtigkeit des besungenen »Bacardi Feelings« geradezu greifbar wird.
Schuld an diesem Traum ist, wie sollte es anders sein, eine Werbung, und kaum eine andere hat sich seither bei einer ganzen Generation von Spirituosenliebhabern derart ins Gedächtnis gebrannt, wie die Bacardi-Commercials aus den späten 80ern und frühen 90ern. Bacardi wurde mit ihnen zum Lifestyle, zur Verkörperung des Fernwehs, versprach aber zugleich Linderung desselben und übertrug dieses Versprechen nebenbei auf eine ganze Kategorie. Rum war auf einmal nicht nur cool und sexy, er war der Schlüssel zum Paradies. Im metaphorischen Sinne versteht sich. Doch der Rum wurde in den Köpfen der Trinker nicht nur dank Bacardi zum Sinnbild der karibischen (Insel)Seele. Für jüngere Semester spielte sicherlich auch die »Fluch der Karibik«-Reihe mit dem ebenso exzentrischen Rum-wie-Wasser-trinkenden Captain Jack Sparrow eine nicht unerhebliche Rolle. Wer wollte nicht so sein wie dieser Typ, der leicht schwankend und stets amüsiert nonchalant von Abenteuer zu Abenteuer navigiert, die spießigen Behörden an der Nase herumführt und diese am Ende der Sause stets vorn hat? Und das alles vor idyllischer Inselkulisse versteht sich.
Der Sehnsucht wahrer Kern
Nun ist das mit diesen Idealbildern immer so eine Sache. Meist sind sie maßlos überzeichnet, verklären die Realität und haben mit ihr oft wenig zu tun. Aber: Einen wahren Kern haben sie irgendwie dann doch. So auch beim Rum, der nicht nur tatsächlich oftmals seinen Ursprung auf einer Insel hat, sondern der auch im Leben vieler Seefahrer und Piraten eine entscheidende Rolle spielte. Zudem ist er nichts weniger als der Geburtshelfer ganzer Nationen, spielte eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Kapitalismus und Kolonialismus und war eines der ersten global gehandelten Produkte. Von ihm lebten einst Sklaventreiber, Händler, Freibeuter und Schmuggler ebenso wie heute Künstler, Masterblender oder Bartender. Sein Reiz liegt aber auch in seiner Natur, denn jede Rum-Destination hat ihren eigenen Stil, mal spanisch, mal englisch, mal französisch geprägt, und jede Brennerei hat ihre eigene Variante. Rum ist die trinkbare Seele seiner Heimat, denn er macht sie erlebbar und erzählt nebenbei Geschichten von Vertreibung, Besatzung, Emigration, Geschäftssinn und Neuschöpfung.
Stoff der Legenden und der Machtpolitik
Rum ist ein wahres »Rabbithole«, in das es sich einzutauchen lohnt. Seine eng mit der Kolonialgeschichte verwobenen Stile bieten eine atemberaubende geschmackliche Vielfalt. So waren es zuerst die Portugiesen, die das Potenzial des von Kolumbus nach Südamerika gebrachten Zuckerrohrs erkannten und in Brasilien die ersten, von Sklaven bewirtschafteten Plantagen anlegten. Diesen flößten sie alsbald »Garapa doida« (vergorenen Zuckerrohrsaft) ein, um sie bei Laune zu halten. Um 1625 versorgte Brasilien so einen Großteil Europas mit Zucker, was wiederum die übrigen Nationen auf den Plan rief und die Besiedelung zahlreicher Inseln der Karibik nach sich zog.
Jahrzehntelang wurde daraufhin um das süße Gold gefochten, mit Hilfe von Korsaren, Piraten und Freibeutern. In dieser Zeit haben etliche Piratenlegenden ihren Ursprung. Man denke nur an den Freibeuter Henry Morgan, der auf seinen Raubzügen derart viel Beute machte, dass er sich später eine eigene Zuckerrohrplantage auf Jamaika kaufen und schließlich als »Sir« zum stellvertretenden Gouverneur der Insel aufsteigen konnte. Die Gewinnsucht der Kolonialmächte war es dann auch, welche die Entstehung des Rums begünstigte, denn warum sollte man mit dem Abfallprodukt der Zuckerproduktion, der Melasse, nicht in destillierter Form auch noch Geld verdienen können? 1690 schrieb dazu der damalige Gouverneur von Jamaika, Sir Thomas Dalby: »Wenn die Melasse zur Gänze in Brände umgewandelt würde, ergäbe dies über 500.000 Pfund jährlich. Und dies zur Hälfte des Preises, die die gleiche Menge französischen Brandys kosten würde.«
Rum wurde damit früh zum Mittel, globale Gegner auf den internationalen Märkten auszustechen. Für einen aufrechten Engländer wurde das Rumtrinken also fast schon zur Bürgerpflicht. Dennoch sollte es etwas dauern, bis der europäische Gaumen im großen Stil für dieses anfangs recht grobschlächtige Destillat bereit war. 1698 wurden zum Beispiel gerade einmal 207 Gallonen Rum nach England importiert, doch 100 Jahre später waren es bereits zwei Millionen (ca. neun Millionen Liter) und der Siegeszug des Rums, über dessen Geschichte sich ganze Bücher füllen lassen, nahm seinen Lauf.
Inselspirit Geht auch ohne Karibik
Vielleicht ist es aber auch der Ruch des Illegalen, etwa des Schmuggels, der Inselbränden bis heute eine ganz eigene Anziehungskraft verleiht – und das auch fernab der Karibik. So liegen unter anderem die Anfänge der Ardbeg Distillery auf der schottischen Hebrideninsel Islay in den Händen von Schwarzbrennern und Schmugglern, denen erst die Zollfahndung das Handwerk legen musste.
Bis heute befinden sich zudem sehr viele Whisky-Brennereien an Orten, die einst von Schmugglern genutzt wurden, um ihre Ware zu verschiffen, darunter etwa Bowmore, Highland Park oder Lagavulin. Ihre Insellage war perfekt: logistisch günstig und weit genug entfernt von den neugierigen Augen der Behörden. Doch auch heute kommt diesen Brennereien ihre Lage zugute, denn zahllose Touristen lassen sich von ihrem pittoresken Anblick Jahr für Jahr begeistern. Beliebtestes Bildmotiv dabei: die großen Schriftzüge mit dem Namen der Brennerei, die sich von Seeseite weithin erkennen lassen. Doch auch das hatte früher einen ganz praktischen Grund: Ein sichtbarer Namenszug in Richtung Meer war eine frühe Form des Marketings. Er machte die Brennerei für Händler und Besucher sichtbar, was dem Ruf und der Bekanntheit der Marke zugutekam. Und gutes Marketing, das wissen wir spätestens seit der ikonischen Bacardi-Werbung, kann das Image ganzer Kategorien prägen – und »insulares« Trinken in einen Quell der Freude verwandeln.